Von Sebastian Moll, 18.08.10, 20:49h
Franzen ließ die Tortur dennoch über sich ergehen, um Werbung für seinen neuen Roman „Freedom“ zu machen, der am 31. August in den USA und hierzulande Mitte September im Rowohlt Verlag erscheint: Freiheit. Er „begreife, dass heutzutage viele Geschäfte im Internet gemacht werden“, erklärte er, warum er mitgespielt und eine halbwegs verträgliche Miene zum bösen Spiel gemacht habe. Daran, dass das Internet nicht seine Welt ist, ließ er jedoch keinen Zweifel aufkommen.
Der 51-Jährige ist stockkonservativ, wenn es um die Erhaltung der von allen Seiten bedrohten Buchkultur geht. „Ich glaube nicht, dass jemand, der einen Internetanschluss an seinem Arbeitsplatz hat, ein gutes Buch schreiben kann“, hat er einmal gesagt. Und diese Haltung macht Franzen nun zum Helden der langsam erlöschenden Gutenberg-Galaxis. Die neueste Ausgabe des „Time“-Magazine hat Franzen auf seinem Titel - eine Ehre, die als letztem Schriftsteller vor zehn Jahren Stephen King zu Teil wurde. Die Septemberausgabe der „Vogue“, das traditionell auflagenstärkste und dickste Magazin der Welt, hat Franzen ebenfalls ein großes Feature gewidmet. Beide Hefte, einst führende Institutionen der Geschmacks- und Meinungsbildung, ächzen schwer unter dem Konkurrenzdruck der Blogs und Nachrichtenwikis.
Gefeiert wird auf den Hochglanzseiten ein Ereignis, dass so anachronistisch ist wie die Magazine selbst: Ein mehr als 500 Seiten starker, handlungsarmer Familienroman, der von der kunstvollen Zeichnung seiner komplexen Figuren lebt, von sozialem Realismus und vor allem von der Sprachgewalt des Autors. „Das Buch wäre wahrscheinlich unerträglich langweilig, wäre es nicht das Werk eines Genies“, kritisierte das „New York Magazine“ - noch so ein Dinosaurier - das neue Franzen-Epos „Freedom.“ „Es erinnert uns an den noch immer vorhandenen Zauber des altmodischen literarischen Romans.“
„Freedom“ unterscheidet sich in seinen ästhetischen Grundzügen kaum von den „Korrekturen“ - die, wie das „New York Magazine“ bemerkt, schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 2001 „prähistorisch“ waren. Es ist wieder ein breit angelegter Familienroman, eine Art amerikanische „Buddenbrooks“, die nur diesmal Berglund heißen und in Minneapolis leben anstatt wie in den „Korrekturen“ die Lamberts aus Franzens Heimatstadt St. Louis. Wie die „Korrekturen“, beschreibt „Freedom“ das Ringen einer Updike-haften amerikanischen Durchschnittsfamilie mit den technischen, sozialen und politischen Pathologien ihrer Zeit. Es ist ein Sittengemälde in breiten Strichen und mit scharfem Detailblick zugleich, eine Art letzter Versuch, in einem großen Roman die Befindlichkeit des untergehenden amerikanischen Imperiums aufzuzeichnen.
Mit „Freedom“ etabliert sich Franzen endgültig als der unangefochtene Chronist seiner Epoche und ihrer Absurditäten. Geduldig untersucht er, wie die Menschen in Zeiten extremer politischer Polarisierung, drohender Klimakatastrophe und der entropischen Beschleunigung der Kommunikation zu Überleben versuchen. Ein Projekt, für das nach dem Freitod seines Freundes David Foster Wallace sonst kaum jemand mehr Geduld hat.
Weil diese beinahe schon sture Beharrlichkeit von den Mainstream-Medien gewürdigt wird, feiert seine Zunft Franzen nun schon Wochen, bevor „Freedom“ bei Amazon zum Versand vorliegt, bereits als ihren Messias. Die Tatsache, dass es Franzen auf den Titel von „Time“ geschafft habe, schrieb der Thriller-Bestseller-Autor Jason Pinter auf dem Nachrichtenportal Huffington Post, sage der Welt, „dass Bücher noch immer bedeutsam sind und Schriftsteller noch immer die Seele der Kultur“.
Ob sich mit „Freedom“ allerdings tatsächlich das langsame, kontemplative Universum des gedruckten Wortes mit Macht aufbäumt bleibt noch abzuwarten. Bislang gibt es nur Vorschusslorbeeren von Angehörigen desselben Universums, die mit Franzen eine natürliche Solidarität verbindet. Die Wahrheit über den Zustand dieser Welt wird sich indes wohl erst herausstellen, wenn die ersten Verkaufszahlen für „Freedom“ veröffentlicht werden.
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