Von Michaela Paus, 24.08.10, 15:28h, aktualisiert 16.12.11, 15:35h
Riesige Maschinen, riesige Gewichte - die Augen von Leoni Groß leuchten. „Ich war schon als Kind begeistert von großen Autos, von Kranen und Baggern. Und als in unserer Nachbarschaft eine Baustelle war, bin ich als Siebenjährige mal mit dem Lkw zur Sandgrube mitgefahren“, erzählt die Bergisch Gladbacherin, die wenige Meter neben dem rot-weißen Kran steht und beobachtet, wie Colonia-Mitarbeiter Rundschlingen an dem Trafo befestigen.
Die 53-Jährige hat sich beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ um ein „Praktikum für einen Tag“ beworben. Sie schrieb: „Es wäre faszinierend, wenn ich einen Schwertransport begleiten dürfte.“ Auf Vermittlung dieser Zeitung machte Stefan Meier, der bei Colonia für die Disposition von Schwertransporten und Montagen zuständig ist, das „Praktikum“ möglich.
„Wir transportieren regelmäßig Trafos, Baumaschinen sowie große Teile von Industrieanlagen quer durchs ganzen Bundesgebiet, zum Teil auch ins benachbarte Ausland“, erzählt Meier der Praktikantin und ihrem Mann Karl Groß, während sich der Trafo dank Kran-Kraft langsam vom Boden hebt. Gehalten von den Schlingen, schwebt der Koloss in Richtung Tieflader. Neben dem Fahrzeug, das heute Nacht nach Bramsche fahren soll, stehen Einweiser, die im Blick haben, dass der Trafo zentimetergenau auf der Ladefläche, dem Tiefbett, „landet“. Mit dabei ist Schwertransportfahrer Bernd Lubowski, den Leoni Groß bei seiner Tour ein Stück begleiten wird.
„Wir haben den Trafo vor Wochen bei einem Hersteller in Süddeutschland abgeholt und bei uns zwischengelagert. Morgen früh soll er in einer Umspannanlage in Bramsche gegen einen alten Trafo ausgetauscht werden“, erklärt Stefan Meier. Angespornt von Groß' Begeisterung zählt er auf: „Das Fahrzeug ist ein achtachsiger Tieflader mit einer vierachsigen Schwerlastzugmaschine. Insgesamt ist es 30,65 Meter lang, 3,14 Meter breit und hat ein Gesamttransportgewicht von 131 Tonnen.“ Samt Trafo kommt es auf eine Höhe von 4,30 Metern. Damit ist dieser Transport zwar wirklich schwer, aber nicht extrem breit oder hoch. Meier: „Je schlanker wir unterwegs sind, desto weniger Auflagen haben wir.“ Der Speditionskaufmann und IHK-geprüfte Verkehrsfachwirt ergänzt: „Je nach Größe und Gewicht der Ladung, werden verschiedene Achsmodule und zum Beispiel Flachbetten miteinander kombiniert. Das ist wie Lego für Große.“
Inzwischen ist René Schaps zu der Gruppe gestoßen. Der Kollege von Meier ist für den Außendienst zuständig. „Wenn ein Schwertransport geplant wird, erkunde ich vorher die Strecke und messe Engstellen genau aus“, erklärt der staatlich geprüfte Maschinen-Techniker. „Ich hätte erwartet, dass Sie das im Internet recherchieren“, sagt Leoni Groß, die seit 36 Jahren beim Landschaftsverband Rheinland arbeitet und dort heute bei dem IT-Betrieb LVR-Infokom Sachgebietsleiterin für Finanzen, Controlling und Abrechnung ist. „In den meisten Fällen muss ich die Strecke abfahren“, sagt Schaps. Probleme könnten enge Kurven bereiten oder Brücken, die nicht so schwer belastet werden dürfen. Laut Meier muss das Schwergut manchmal unterwegs auf andere Fahrzeuge umgeladen werden: „Zum Beispiel wenn ein Trafo nur auf einem Tieflader unter Brücken durchpasst, der Trafo aber wegen seiner Länge beim Kunden nicht um die Ecken herum kommt und auf ein kürzeres Fahrzeug umgeschlagen wird, das wiederum für die Brücken unterwegs zu hoch wäre.“ Kurz: Die Planung ist eine komplizierte Rechnerei mit Längen, Breiten und dem jeweils zulässigen Achsdruck.
Leoni Groß hat viele Fragen zu den Abläufen. Zwischendurch darf sich die Gladbacherin, die als Geburtstagsgeschenk schon mal Bagger gefahren ist und im Kanada-Urlaub in einem Truck probesaß, unter Aufsicht im Führerhaus des Krans umschauen. Fahrer Lubowski und die Helfer sichern den Trafo vorschriftgemäß mit Anti-Rutsch-Matten und Zurrketten. Bis zur Abfahrt werden noch Stunden vergehen. Dieser Schwertransport darf nur zwischen 22 Uhr und sechs Uhr morgens stattfinden. Meier führt Leoni Groß über das Colonia-Gelände. „Eine Augenweide“ sind für sie die mit moderner Technik ausgestatteten Spezialfahrzeuge. Im Büro des Schwerlast-, Abschlepp- und Kran-Unternehmens erzählen Meier und Schaps von der behördlichen Genehmigung, die für Schwertransporte eingeholt werden muss. Dabei wird exakt festgelegt, welche Route der Schwertransport nehmen darf. „Verfahren dürfen wir uns nie“, sagt auch Brigitte Wilke, die heute Nacht das Begleitfahrzeug, einen Kastenwagen mit Warnschild, steuern wird.
Nächtliche Abfahrt
Inzwischen ist es neun Uhr abends. Die Praktikantin hatte drei Stunden Pause. Nun steht sie mit Wilke und Fahrer Bernd Lubowski neben dem beladenen Schwerlastzug und wartet auf die Polizei, die sich wegen eines anderen Transports verspätet. Lubwoski erzählt, dass er seit 36 Jahren für Colonia arbeitet. „Die ersten vier Jahre bin ich Abschleppwagen gefahren“, sagt der gelernte Autolackierer. „Dann habe ich den Lkw-Führerschein und zusätzliche Schulungen gemacht.“ Seither hat er Boote, Straßenbahnwaggons oder auch 50 Meter lange Bleche transportiert.
Als die Polizei die Papiere kontrolliert und die Absicherung des Trafos begutachtet hat, klettert Leoni Groß neben Lubowski in die 530 PS starke Zugmaschine. Wilke, die mit ihrem Mann die Firma SBL für Schwertransportbegleitung und Logistik hat, folgt dem Transporter im Begleitfahrzeug, um den folgenden Verkehr zu warnen und auf Brücken vom Überholen abzuhalten. Auf einzelnen Abschnitten muss die Gegenspur für den Lkw-Verkehr gesperrt werden. Dafür soll die Polizei sorgen, die den Transport streckenweise mit einem Einsatzwagen begleitet.
Lubowski steuert den Transporter souverän. In engen Kurven stimmt er sich über Funk mit Wilke ab, die ihn dann lotst. „Lupo ist ein sehr guter Fahrer“, sagt sie. In engen Kurven müsste die Begleiterin notfalls per Fernbedienung die Räder des Achtachsers nachlenken. „Aber das wird bei dieser Tour nicht nötig sein.“ Der Schwertransporter erreicht auf der Autobahn bis zu 80 Stundenkilometer. Nach gut einer Stunde Fahrt steuert er eine Autobahnraststätte an, um Leoni Groß aussteigen zu lassen. Bis Bramsche wird Lubowski noch ein paar Stunden brauchen - zu lang für die Praktikantin, die am nächsten Morgen wieder im Büro sitzen muss. Später schwärmt sie von der Tour als einem „unbeschreiblichen Erlebnis. Wenn er nicht so teuer wäre, würde ich glatt einen Lkw-Führerschein machen.“
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