Von Walter Willems, 30.08.10, 13:32h
„Früher musste viel passieren, ehe man einer Mutter einen Kaiserschnitt zumutete“, sagt der Gynäkologe Klaus Vetter vom Vivantes Klinikum Neukölln. „Inzwischen hat die Rate ein Niveau erreicht, das damals unvorstellbar war.“ Das liegt vor allem daran, dass Ärzte die einst riskanten Eingriffe mittlerweile recht schonend vornehmen können. Vetter erklärt den Anstieg zudem damit, dass bei heutigen Geburten eher Komplikationen drohen als früher: Viele Frauen seien bei der Geburt des ersten Babys älter, wegen starken Übergewichts oder Diabetes der Mutter seien viele Neugeborene ungewöhnlich groß, der Anteil der Mehrlingsschwangerschaften nehme zu. Steigt das Risiko für Probleme, greifen viele Ärzte eher zum Skalpell, um sich so gegen etwaige Schadensersatzklagen abzusichern.
400 Euro pro SchnittEinen weiteren wichtigen Grund für die Zunahme der Sectio nennen viele Gynäkologen nur ungern: Jahrelang verdienten Kliniken daran weit besser als an einer natürlichen Geburt. Lukrativ waren insbesondere die primären Kaiserschnitte, die schon vor Einsetzen der Wehen geplant sind - im Gegensatz zur sekundären Schnittentbindung, die während des Geburtsprozesses wegen akuter Komplikationen erforderlich wird.
Wie attraktiv die Sectio jahrelang für Krankenhäuser war, zeigt eine 2008 veröffentlichte Studie der Uniklinik Lübeck. Demnach wurden dort die Spontangeburten durch primäre Kaiserschnitte „subventioniert“. Erst ab einer Sectio-Rate von 27 Prozent erzielte die Station im Untersuchungszeitraum ein betriebswirtschaftlich ausgeglichenes Ergebnis.
Zwar werden Kaiserschnitte seit Anfang dieses Jahres unterschiedlich berechnet. Die sekundäre Sectio wird nun etwas besser vergütet als früher, dagegen bekommen die Krankenhäuser für eine primäre Schnittentbindung gut 400 Euro weniger als noch vor einem Jahr. Aber noch immer sei ein geplanter Kaiserschnitt für eine Klinik lukrativer als eine natürliche Geburt, sagt der Gynäkologe Prof. Heribert Kentenich von den DRK-Kliniken Berlin. Und auch organisatorisch lockt der Eingriff, der sich auf eine genehme Dienstzeit legen lässt - im Gegensatz zur unberechenbaren Spontangeburt, die oft auch wesentlich länger dauert. „Ein primärer Kaiserschnitt ist einfach zu planen, insofern lohnt sich das“, sagt Kentenich.
Für das Kind die sicherste OptionSeit einigen Jahren steigt die Kritik an den Operationen. „Der Kaiserschnitt birgt akute und langfristige Probleme“, betont Kentenich. „Studien belegen, dass die einfache Herangehensweise besser ist.“ So gehe der Bauchschnitt für die Mutter mit der Gefahr von Infektion oder Gefäßverschluss einher. Er schmälere die Aussicht auf weitere Kinder und steigere im Fall einer neuen Schwangerschaft das Risiko für Probleme.
Für das Kind ist der Kaiserschnitt bei drohenden Komplikationen zwar unstrittig die sicherste Option. Aber Studien zeigen immer deutlicher, wie wichtig die natürliche Geburt für das Baby ist, etwa für die Lunge: Weil in dem engen Geburtskanal die Flüssigkeit aus den Atemwegen gepresst wird, passt sich das Organ schneller an die neuen Umstände an. Andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein Kaiserschnitt Kinder später anfälliger macht für Asthma oder Diabetes 1.
Psychologische Probleme anders lösenAngesichts dieser Erkenntnisse plädieren mittlerweile staatliche Stellen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) stärker für die Spontangeburt. Und Experten raten dazu, die werdenden Mütter besser auf die Entbindung vorzubereiten. „Viele Schwangere haben Angst, dass sie die Geburt nicht schaffen“, sagt Kentenich. „Das ist psychologisch verständlich, aber es ist Aufgabe des Arztes, diese Frauen psychologisch zu betreuen und das Problem nicht mit dem Messer zu lösen.“
„Frauen müssen besser beraten werden“, fordert auch Petra Kolip von der Universität Bielefeld. „Gesunde Schwangere sollten eher von Hebammen begleitet werden als vom Arzt.“ Für viele, betont die Psychologin, sei eine Spontangeburt auch mental wichtig. In einer Studie von Kolip äußerten sich Mütter enttäuscht darüber, dass sie die natürliche Geburt nicht „geschafft“ hatten und sich nicht sofort um ihr Baby kümmern konnten. „Ich wusste zwar viel über den Ablauf des Kaiserschnitts“, so der Tenor ihrer Klagen, „aber über die Folgen war ich schlecht informiert.“
Neue Studie: Zusammenhang von Kaiserschnitt und Allergien
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