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Aufzuchtstation

Spielplatz der Pandabären

Von Thorsten Keller, 04.09.10, 09:16h

Hier sind Schaulustige willkommen: Die Aufzuchtstation in Chengdu in Südwestchina ist ein Kindergarten für Pandabären. Hier kämpfen Ärzte und Pfleger für den Fortbestand der seltenen Tierart. Ein Besuch.

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Pandas sind berüchtigt für ihre schwache Libido. (Bild: THK/Romanus Fuhrmann)
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Pandas sind berüchtigt für ihre schwache Libido. (Bild: THK/Romanus Fuhrmann)
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Beim Besuch in Chengdu war Qi-Qi fünf Wochen alt und 77 Gramm schwer. (Bild: Thk/Romanus Fuhrmann)
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Der Aufpasser in Uniform nimmt es genau. „Keine Fotos!“ sagt er immer wieder freundlich, aber bestimmt zu den Touristen, die sich an der Glasscheibe in der Panda-Aufzuchtstation in Chengdu die Nase platt drücken. Wenn er doch einmal kurz den Blick abwendet, wittern die Touristen eine Chance und schießen aus der Hüfte ihre Bilder. Das Objekt der Begierde heißt Qi-Qi, ist gerade mal fünf Wochen alt, 77 Gramm schwer und liegt bäuchlings in einem Brutkasten, auf einer Fleecedecke.

Ein paar Meter weiter krabbeln zwei kleine Pandabären hinter Glas in einem Laufstall. Eine Pflegerin mit blauem Mundschutz kommt hinzu, hebt einen der Bären hoch, hält ihn im Arm und krault seinen Bauch. Der Panda versteht und erleichtert sich in einen Plastikeimer. Außerhalb der verglasten und überwachten Säuglingsstation sehen die Touristen im weltweit einzigen „Panda Research and Breeding Centre“ auch ausgewachsene Exemplare in weitläufigen Freigehegen, sortiert nach Altersgruppen. Dort rangeln die Bären mit dem weißen Fell und den charakteristischen schwarzen Augenringen um den besten Platz in einer der Holzschaukeln, liegen - ungerührt vom permanenten Klickklickklick der zweibeinigen Bewunderer - dösend in einer Baumgabel oder zupfen genüsslich Bambusblätter von einem Ast.

15 bis 20 Kilogramm Bambusblätter pro Tag

Das wäre auch in einem Quiz die typische Handbewegung des Großen Panda. Das Wappentier der Umweltschutzorganisation WWF und Maskottchen der letzten Olympischen Sommerspiele in Peking ernährt sich äußerst einseitig und verspeist ausschließlich Bambusblätter und -Zweige - davon allerdings große Mengen, weil der Nährwert des Bambus so bescheiden ist. 15 bis 20 Kilogramm pro Tag vertilgt ein ausgewachsener Panda, bis zu 14 Stunden gehen täglich für die Nahrungsaufnahme drauf. Auch das mag erklären, warum der männliche Panda als großer Sexmuffel gilt.

Die Tiere sind berüchtigt für ihre schwache Libido, besonders in Gefangenschaft. Im Zoo von Chiang Mai in Thailand schlug zuletzt ein Versuch fehl, Pandas mit Videos von kopulierenden Artgenossen scharf zu machen. Weil darüber hinaus die Panda-Weibchen nur an ein paar Tagen im Jahr empfängnisbereit sind, ist der Große Panda, auch Pranken- oder Bambusbär genannt, vom Aussterben bedroht. Einer aktuellen Zählung zufolge leben nur noch etwa 1600 Exemplare in freier Wildbahn in Südwestchina. Zwei Jahre ist es her, da wurde der natürliche Lebensraum dieser frei lebenden Bären - sofern er nicht bereits von Menschenhand abgeholzt war - auch noch durch ein schweres Erdbeben in der Provinz Sichuan zum Teil verwüstet.

Weshalb der Zucht- und Forschungsstation in Chengdu zentrale Bedeutung für den Fortbestand der Art zukommt. Vor 23 Jahren mit sechs Tieren gegründet, gab es seither etwa 120 Geburten, überwiegend durch künstliche Befruchtung. Der jüngste Panda in Chengdu kam am 15. Juli zur Welt, heißt Jiaoqing und war bei der Geburt 108 Gramm schwer, wie der leitende Tierarzt Dr. Lan Jingchao erzählt. Sein Zentrum mit 50 Mitarbeitern beherbergt nicht nur die umfangreichste Panda-Samenbank der Welt, es auch hat einen intensivmedizinischen Apparat aufgebaut, der hoffnungslose Fälle wie die Frühgeburt „51g“ (benannt nach dem Geburtsgewicht) am Leben erhält. Normalerweise wiegen Pandas bei ihrer Geburt zwischen 100 und 150 Gramm und sind etwa so groß wie eine ausgewachsene Ratte. Erwachsene Tiere bringen um die 120 Kilo auf die Waage.

Pandamütter können sich nur um ein Kind kümmern

In Chengdu ist es 1990 auch zum erstem Mal gelungen, zwei Pandas aus einem Wurf durchzubringen. Das war seinerzeit eine Sensation. Panda-Mütter in freier Wildbahn kümmern sich nur um ein Jungtier, weil sie gar nicht genug Nahrung für weiteren Nachwuchs anschleppen könnten. Einige Pandas werden an ausländische Zoos „ausgeliehen“ und kehren später wieder nach Chengdu zurück, zuletzt Mei Lan, die drei Jahre in Atlanta zu Besuch war. In den 60er- und 70er Jahren war die so genannte „Panda-Diplomatie“ - damals noch Geschenke, keine Leihgaben - ein fester Bestandteil der chinesischen Außenpolitik. Auf diesem Weg kamen Pandas unter anderen in die Zoologischen Gärten von Washington, London und West-Berlin.

Um Geld für die Forschungsstation aufzutreiben, werden zahlungskräftige Touristen in Chengdu für ein Souvenirfoto ins Freigehege gelassen. In westlichen Zoos wäre das undenkbar: Umgerechnet 140 US-Dollar kostet es, einmal einen Panda zu kraulen. Im Jahr der Schanghai-Weltausstellung gibt es nun aber einige VIP-Arbeitsplätze an der Seite der Bären zum Nulltarif, als Teil des Gewinnspiels „Project Panda“. In Kooperation mit dem WWF lädt das Zentrum sechs Tierfreunde ein, jeweils einen Monat lang als Amateur-Tierpfleger zu arbeiten. Wer „Pambassador“, Panda-Botschafter, werden will, muss bis Ende September ein möglichst originelles Bewerbungsvideo auf der Seite  www.pandahome.com/en/ hochladen. Die Gewinner sollen während ihres Einsatzes in Chengdu ein Internet-Tagebuch führen und über ihre Erfahrungen berichten. Trekking-Touren auf der Spur der letzten wilden Pandas sind ebenfalls Teil des außergewöhnlichen Praktikums.

Versuche, die in Chengdu geborenen Tiere in die Wildnis zu entlassen, sind bislang gescheitert. Der schlimmste Rückschlag war der Tod des Bären Xiang Xiang. Er war nach jahrelanger Vorbereitung im Jahr 2006 ausgewildert worden, überlebte aber nur zehn Monate. Dann wurde er offenbar von wilden Artgenossen getötet.



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