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Interview

„Es gibt keinen Volks-IQ“

Erstellt 31.08.10, 07:43h, aktualisiert 31.08.10, 10:10h

Der Bonner Genetiker Markus Nöthen betont, dass Lernfähigkeit keine Frage der Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder sozioalen Gruppe ist.

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Der Bonner Humangenetiker Markus Nöthen BILD: AV
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Der Bonner Humangenetiker Markus Nöthen BILD: AV
Herr Professor Nöthen, Thilo Sarrazin beschreibt Migranten-Gruppen wie Araber oder Türken als bildungsfern und lernschwach und leitet diese Eigenschaften auch von genetisch vererbten Anlagen her. Sind solche Thesen wissenschaftlich haltbar?

MARKUS NÖTHEN: Nein. Sarrazin bezieht sich auf Studien, nach denen 50 bis 80 Prozent der Intelligenz genetisch begründet seien. Fest steht, dass Intelligenz zu gewissen Teilen vererbt werden kann, es durch die Vielzahl der beteiligten Gene aber bei Nachkommen immer wieder zu neuen Kombinationen kommt. Weniger intelligente Eltern können hochintelligente Kinder haben und umgekehrt. Die Bandbreite ist riesengroß. Außerdem spielen die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, in denen Kinder aufwachsen, für die Intelligenz ebenfalls eine wichtige Rolle. Wenn Migranten aus ländlichen Gebieten ohne nennenswerte Bildungsangebote zu uns kommen, ist deren Bildungstand logischerweise im Durchschnitt eher gering. Aber über die durchschnittliche Intelligenz dieser Gruppe sagt das überhaupt nichts aus. Sie wird eine ähnliche Zusammensetzung aus intelligenten und weniger intelligenten Mitgliedern aufweisen wie die Bevölkerung insgesamt.

Was weiß die Humangenetik denn über die Bedeutung genetischer Anlagen für bestimmte Eigenschaften?

NÖTHEN: Auch die neueste Forschung hat noch nicht verstanden, welche genetischen Anlagen und Konstellationen für die Ausprägung von Intelligenz ausschlaggebend sind. In jedem Fall kann man heute sagen, dass die Chancen eines Kindes, seine Fähigkeiten zu entwickeln, ganz erheblich von der ökonomischen Situation und dem Bildungsstand der Eltern abhängen. Gesellschaftspolitisch muss es doch darum gehen, jedes einzelne Kind seinen Fähigkeiten gemäß zu fördern. Ob es besonders intelligent ist oder nicht, kann sich immer nur am Individuum erweisen, nicht nach der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe.

Sarrazin legt aber nahe, dass ganze Volksgruppen aufgrund genetischer Merkmale weniger intelligent sind als andere. Zugespitzt könnte man seine These so formulieren: Türken sind im Schnitt doofer als Deutsche.

NÖTHEN: Das ist absurd. Natürlich unterscheiden sich Volksgruppen auch genetisch voneinander. Spanier und Italiener haben im Durchschnitt dunklere Haare als Finnen und Schweden. In einigen ethnischen Gruppen, die aufgrund einer isolierten Lage etwa auf einer Insel aus wenigen „Gründermüttern“ und „Gründervätern“ hervorgegangen sind, häufen sich auch bestimmte Erkrankungen, die auf ein oder nur ganz wenige Gene zurückzuführen sind. Aber bei hochkomplexen Eigenschaften wie Intelligenz sind Hunderte von Genen im Spiel. Es gibt keinen deutschen oder türkischen „Volks-IQ“ und auch kein einzelnes Intelligenzgen.

Das deutsche Volk ist mit anderen Worten...

NÖTHEN: ...vor allem ein politischer, kultureller und historischer Begriff. Jedenfalls sicher keiner, der ein bestimmtes, typisch deutsches genetisches Profil umschreiben würde. Wir sind, in der Mitte Europas, genetisch eine Mischung aus vielen ethnischen Gruppen. In Deutschland haben sich unterschiedliche Ethnien aus dem römischen, keltischen, nordgermanischen und slawischen Kulturkreis mit der ansässigen Bevölkerung über viele Jahrhunderte vermischt. Zu behaupten, es gebe ein deutsches Gen, wäre wirklich an den Haaren herbeigezogen.

Das Gespräch führte Stefan Sauer



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