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Seitenwechsel

Rommé mit Straftätern

Von Helmut Frangenberg, 31.08.10, 19:18h, aktualisiert 01.09.10, 08:47h

Projekt „Seitenwechsel“: Rhein-Energie-Manager Franz-Josef Wirtz hat eine Woche ehrenamtlich in der Straffälligenhilfe gearbeitet. Dabei lernte er Sexualtäter kennen und spielte mit Zuhältern Rommé - eine „faszinierende Erfahrung“.

Franz-Josef Wirtz
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„Sie können von jedem Menschen etwas lernen“: Das ist das Fazit von Franz-Josef Wirtz nach dem einwöchigen „Seitenwechsel“. (Bild: Rakoczy)
Franz-Josef Wirtz
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„Sie können von jedem Menschen etwas lernen“: Das ist das Fazit von Franz-Josef Wirtz nach dem einwöchigen „Seitenwechsel“. (Bild: Rakoczy)
Ehrenfeld - Franz-Josef Wirtz ist Manager mit Leib und Seele, ein Mann, der Samstagsmorgen am Frühstückstisch noch schnell ein paar dienstliche Mails beantwortet. Der 54-jährige Diplom-Geologe ist bei der „Rhein-Energie“ für internationale Zusammenarbeit zuständig und leitet als Geschäftsführer die „Internationale Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet“. Seine Arbeitstage sind lang, die Freizeit ist kurz, die Zeit knapp. Er habe einen „Super-Job“ - doch nichts ist so gut, als dass man nicht doch ein wenig ändern könnte. Und so soll eine neue ungewöhnliche Erfahrung etwas an seinem schnellen Arbeitsalltag ändern: „Ich möchte mir mehr Zeit nehmen, die Dinge mit etwas mehr Ruhe angehen, an manchen Stellen noch öfters ,Nein' sagen.“

Wirtz hat eine Woche mit Profis des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in der Straffälligenhilfe gearbeitet. Er hat Sexualstraftäter kennen gelernt, mit Mördern und Zuhältern Rommé gespielt, Hausbesuche bei Haftentlassenen mitgemacht und mit inhaftierten Jugendlichen gekocht. Wenn der Energiemanager davon erzählt, fällt immer wieder ein Adjektiv, das man in diesem Zusammenhang nicht erwartet: „Faszinierend“ seien diese Begegnungen gewesen. Er habe Leute getroffen, denen er normalerweise niemals begegnet wäre, und müsse nun feststellen: „Sie können von jedem Menschen etwas lernen.“

Beeindruckt haben ihn die Hausbesuche bei Menschen, die sich mühsam eine neue Existenz in der Freiheit aufbauen. „Da erzählt ihnen jemand stolz, dass er es geschafft hat, in einem Supermarkt einzukaufen. Dinge, die für uns selbstverständlich sind, werden plötzlich etwas Besonderes.“ Auch die Besuche im Gefängnis wirken nach. Plötzlich sitze man mit einem brutalen Straftäter auf zwei mal vier Quadratmetern zusammen - und treffe unerwartet auf einen scheinbar „ganz normalen Menschen“. Das Gefühl, das er bei und kurz nach den Gefängnisbesuchen gehabt habe, „dieses gewisse Bedrücktsein“, habe ihn in den Schlaf begleitet.

Wirtz Arbeitgeber nimmt am Projekt „Seitenwechsel“ teil, das die Kölner Freiwilligen-Agentur organisiert. Das „Lernen in anderen Lebenswelten“ ist Teil des Qualifizierungsprogramms der Rhein-Energie für Leitungskräfte geworden. Die neuen Erfahrungen sollen deren soziale Kompetenz und deren Fähigkeiten als Führungskraft stärken.

Für Wirtz war die Woche vor allem ein Lernfeld zum viel diskutierten Thema „Entschleunigung“. Sie begann gleich mit dem ersten Härtetest für die Teilnehmer: „Seitenwechsler“ müssen ihr Handy abschalten. „Mit Zeitdruck kann man die Arbeit mit diesen Menschen gar nicht machen“, sagt Wirtz. Man müsse sich auf die Gesprächspartner ganz anders einlassen und lernen, „aktiv zuzuhören“. Die Gesprächsformen unterschieden sich sehr von dem, was in seinem Geschäft üblich sei. Alles laufe ruhiger und langsamer ab. Sonst funktioniere es nicht. Von dieser Erfahrung wolle er viel in seinen Berufsalltag mitnehmen. Und: Vielleicht schaffe er es sogar, sich soweit zu entlasten, dass ein wenig ehrenamtliches Engagement möglich wird.

So profitieren auch die sozialen Einrichtungen vom Seitenwechsel. Sie hoffen, das die Kontakte in die Wirtschaft bleiben. „Da werden auch viele Vorurteile revidiert“, sagt Dieter Noellner, einer der SKM-Mitarbeiter, der mit Wirtz unterwegs war. Die Begegnungen seien wichtig für seine „Klienten“, weil auch sie Menschen kennenlernen, mit denen sie sonst wohl nicht in Kontakt kommen. Aber auch gestandene Sozialarbeiter könnten etwas lernen, weil die Seitenwechsler andere Sichtweisen mitbrächten.

Rhein-Energie-Manager Wirtz will andere ermuntern, sich ebenfalls auf einen Seitenwechsel einzulassen. „Ich habe eine andere Welt kennen gelernt.“ Davon werde er in seinem Arbeitsalltag profitieren. Aber nicht nur da: „Ich habe auch gelernt, dass man weniger braucht, als man glaubt, haben zu müssen. Weniger ist manchmal mehr.“



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