Erstellt 01.09.10, 19:08h, aktualisiert 01.09.10, 20:32h
PETRA MÜLLER: Selbstverständlich. Filmförderung ist seit jeher Kultur- und Wirtschaftsförderung, und das wird so bleiben. Neben der kreativen Leistung möchte man immer auch auch einen ökonomischen Effekt erzielen: Nicht nur für den Standort, auch die Macher müssen leben. Gut ist eine Balance zwischen dem Erfolg an der Kinokasse und ambitionierten künstlerischen Werken, zwischen großen internationalen Koproduktionen und Nachwuchsarbeiten. Darum wird es auch in Zukunft gehen.
Welche Erfahrungen bringen Sie vom Medienboard Berlin-Brandenburg mit? Dort waren Sie in erster Linie für das Standort-Marketing verantwortlich.MÜLLER: In Berlin-Brandenburg habe ich auf der einen Seite Strategie, Marketing und Kommunikation verantwortet, ich habe Branchentreffen wie die Medienwoche oder die Gamestage entwickelt, einen Großteil der Medienevents und Filmfestivals, Preise und Professionalisierungsprojekte gefördert und begleitet. Darüber hinaus aber fand ich es von Anbeginn zentral, mich um die Förderung der so genannten innovativen audiovisuellen Inhalte zu kümmern - also um Games - als dem Erfolgsformat der neuen Medienwelt, um Webinhalte u. ä. Hier gibt es auch an vielen Stellen Konvergenz zwischen Film und neuen Medien, die vorangetrieben werden muss.
Geben Sie bitte ein konkretes Beispiel für diese Arbeit.MÜLLER: Für mich ist dreierlei wichtig: Produzenten müssen heute wissen, was in den neuen Medien passiert: Innovative Projekte, neue Webformate oder mobile Apps muss man kennen. Man muss zudem klassische und neue kreative Medienmacher zusammenbringen und last but not least die Entwicklung innovativer Inhalte fördern. So habe ich zuletzt in Berlin das Ufa-Lab gefördert, wir haben „24 Stunden Berlin“ als Fernsehproduktion unterstützt, aber auch das dazu gehörige Internetportal. Außerdem haben wir Nachwuchsentwickler für Games gefördert und auch Plattformen für dem Film.
Auf dem Filmfestival in Venedig wird sich ein Workshop mit der Frage befassen, wie YouTube dem Kino helfen kann. Geht das in Ihre Richtung?MÜLLER: Absolut. Wir werden uns damit beschäftigen müssen, welche neuen Distributionswege sich öffnen und genutzt werden, welche Rolle Videoplattformen und Social Media spielen, wie gute Abrufmodelle aussehen und wie man im Netz Geld verdienen kann. Mit der Durchsetzung von Digitalisierung und Internet ist in all diesen Themen jetzt Tempo angesagt.
Müssen sich die „traditionellen“ Produzenten in Nordrhein-Westfalen Sorgen machen, dass sie weniger Geld bekommen?MÜLLER: Nein. Es ist völlig klar, dass Kernaufgabe der Stiftung die Filmförderung bleibt. Man wird sich darüber hinaus bemühen, für zusätzliche Aufgaben auch zusätzliche Mittel zu bekommen. In Berlin habe ich die Erfahrung gemacht, dass Innovation nicht immer von großen Summen abhängt. Man kann klein anfangen, Pilotprojekte auflegen, um bei Erfolg zu wachsen.
Aber die Zeit drängt, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen . . .MÜLLER: Natürlich. Alle sind gezwungen, sich ihren Platz in der digitalen Welt zu finden. Für ein Förderhaus würde ich es für fahrlässig halten, diesen Prozess nicht zu begleiten. Aber wie gesagt: Das ist nicht in erster Linie eine Frage von Förderbudgets.
Viele Produzenten werfen den Fernsehanstalten vor, sich zu wenig bei der Filmförderung zu engagieren. Wie stehen Sie zu dieser Klage?MÜLLER: Das ist ein alter Vorwurf und ein alter Konflikt. Man kann das Thema aus zwei Perspektiven sehen: Im Blick auf die Förderbudgets geht es den Filmproduzenten darum, ihr Terrain zu verteidigen. Aus der Perspektive der Sender wird argumentiert, dass es in Deutschland kein Kino ohne Fernsehgeld gibt. Und in der Tat: Kino und Fernsehen sind einigermaßen durch die Krise gekommen, weil es eine starke öffentliche Förderung der Länder, aber auch öffentlich-rechtliche Sendermittel gibt. Ich würde es gut finden, wenn man hier nicht im Lagerdenken verharrt, gerade auch vor dem Hintergrund des medialen Umbruchs.
Wenn Sie nun von Berlin nach Düsseldorf kommen - haben Sie das Gefühl, in die Provinz zu reisen?MÜLLER: Keine Frage: Berlin ist eine Metropole mit großer Attraktivität. Wie die Kreativen aller Disziplinen hat sich auch die Film-Community in den vergangenen Jahren in Berlin versammelt. Berlin ist der Platz, an dem Projekte besprochen, verhandelt und immer öfter auch realisiert werden. So ist auch der Druck auf die Filmförderung sehr groß und die Spielräume sind sehr eng.
Gibt es in Nordrhein-Westfalen auch Vorteile, etwa die Nähe zu Frankreich?MÜLLER: Das ist ja eine ebenso alte wie gute Idee: Go West. Während man in Berlin nach Osteuropa schaut und dort Formen des Austauschs und der Zusammenarbeit sucht, kann man von hier aus Westeuropa in den Blick nehmen - dem kann ich sehr viel abgewinnen. Aber auch die internationalen Kontakte der Filmstiftung etwa mit Israel sollten pfleglich weiterbehandelt werden. Und dann finde ich, dass NRW als Filmland noch stärker in der Hauptstadt Berlin präsent sein muss.
Das Gespräch führte Frank Olbert
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