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Überfall-Opfer

Zehn Sekunden und langes Leid

Von Tim Stinauer, 02.09.10, 18:18h

Seit sie bei einem Überfall verletzt wurde, braucht Angelika Hoffmann ärztliche und psychische Hilfe. Die 63-Jährige kann nur noch auf Krücken gehen. Die Hoffnung auf eine Verhaftung des Räubers gibt sie nicht auf.

Angelika Hoffmann
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Angelika Hoffmann kann nur noch auf Krücken gehen oder im Rollstuhl fahren. (Bild: Bause)
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Angelika Hoffmann kann nur noch auf Krücken gehen oder im Rollstuhl fahren. (Bild: Bause)
Köln - Der fremde Mann, der plötzlich hinter ihr steht, ist groß und schlank. Er trägt ein rotes Polohemd, eine beige Hose, er wirkt gepflegt. Nur sein Gesicht kann Angelika Hoffmann (Name geändert) nicht erkennen, denn er wendet sofort den Kopf ab, als die 63-Jährige sich umdreht. Sein Arm schnellt hervor, der Mann greift nach Hoffmanns Handtasche, und die 63-Jährige tut das, wovon die Polizei in solchen Situationen dringend abrät: Sie umklammert den Griff und hält fest.

„In der Tasche waren Fotos meiner verstorbenen Tochter, mein Leben war doch da drin“, sagt Hoffmann heute, zweieinhalb Monate nach dem Überfall am Josef-Haubrich-Hof in der Innenstadt. Sie läuft seitdem an Krücken, längere Strecken bewältigt sie im Rollstuhl. Der Überfall, sagt sie, habe ihr Leben zerstört.

Der Räuber reißt an der Tasche, Hoffmann stürzt. Sie verdreht sich den Fuß und bricht sich die Zehen. Den Griff der Tasche hält sie fest umklammert. „Ich hatte eine Eisenhand“, erinnert sich Hoffmann. Quer über die Straße schleift der Täter die Frau hinter sich her. Als er merkt, dass sie die Tasche krampfhaft festhält, lässt er irgendwann los und flüchtet ohne Beute in die U-Bahn-Haltestelle Neumarkt. Die Polizei hat den Mann nie gefasst. Die Ermittler glauben, dass es nicht sein erster Überfall war. „Er hat bewusst darauf geachtet, dass das Opfer sein Gesicht nicht erkennt“, berichtet ein Beamter.

Knapp zehn Sekunden dauerte der Überfall an jenem Sonntagmittag im Juni, Angelika Hoffmann fürchtet, dass sie ein Leben lang darunter leiden wird. Beinahe täglich muss sie seit der Tat zum Arzt. Chirurgen und Orthopäden behandeln ihren Fuß, mit einem Therapeuten versucht die 63-Jährige, ihre Ängste loszuwerden. Anfangs nahm sie Beruhigungstabletten, um einschlafen zu können. „Ich kann nicht mehr fröhlich über die Straße gehen“, berichtet Hoffmann. „Ständig blicke ich mich um, mein Herz schlägt schneller, wenn jemand hinter mir geht. Wenn ich glaube, dass ich verfolgt werde, klingele ich an der nächsten Haustür.“ Auf dem Weg zu ihrem Chirurgen muss Angelika Hoffmann jedes Mal am Tatort vorbei. „Da spreche ich immer vertrauenswürdige Passanten an und bitte sie, dass sie mich ein Stück begleiten.“

Als Mitarbeiterin der Opferschutzorganisation Weißer Ring kennt Marianne Weich solche Geschichten. Weich betreut Angelika Hoffmann und hilft ihr, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) zu stellen. „Außerdem überlegt der Weiße Ring zurzeit, wie wir sie noch weiter unterstützen können“, sagt Weich. Sollte der Täter noch gefasst werden, würde der Weiße Ring Angelika Hoffmann zum Beispiel helfen, einen Rechtsanwalt zu finden.

Nach dem OEG steht Opfern von Gewalttaten eine Entschädigung zu, sofern sie gesundheitlich beeinträchtigt wurden. Dahinter steht der Leitgedanke, dass der Staat dafür verantwortlich ist, seine Bürger vor Kriminalität schützen. In der Regel teilen sich Land und Bund die Kosten der Krankenbehandlung. Je nach Schwere der Verletzungen zahlt der Staat dem Opfer auch eine lebenslange Rente.

Angelika Hoffmann hat aus dem Überfall gelernt. Ihre Handtasche hat die Seniorenbetreuerin in einer Plastiktüte auf dem Balkon verstaut. „Die nehme ich nicht mehr mit.“ Stattdessen packt sie nur noch das Nötigste in einen Stoffbeutel, wenn sie das Haus verlassen muss - Schlüssel, Ausweis, Jobticket und gegebenenfalls Geld. Hoffmann hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Täter der Polizei irgendwann ins Netz geht. „Vielleicht könnte ich dann wieder ruhig schlafen.“



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