Erstellt 03.09.10, 18:56h
LUDWIG SEBUS: Der Kopf ist frei. Mich belastet das Alter nicht. Manchmal merkste, dat de dich nicht mehr so jot bücke kannst.
Es gibt Menschen, die staunen seit Jahren über Ihre Frisur. Ist das alles echt?
SEBUS: Alles Natur und fest gewachsen in der Kopfhaut. Meine einzigen Hilfsmittel sind eine Bürste und ab und zu Brennnesselhaarwasser.
Wie viele Lieder haben Sie in all den Jahren geschrieben?
SEBUS: 200 bis 250 müssten es sein, wobei ich nicht alle für mich geschrieben habe.
Heute sind viele kölsche Texte ziemlich ähnlich: Alle singen vom Dom, dem Rhing und davon, dass es hier am schönsten ist.
SEBUS: Wir mussten damals Dubletten vermeiden, wenn wir am Elften im Elften mit neuen Liedern antraten. Da wurden jedes Jahr neue Inhalte gefordert.
Gibt es Themen, über die man heute nicht mehr singen könnte?
SEBUS: Mein erstes Lied, mit dem ich beim Festkomitee vorstellig wurde, ging so: (singt) Hück tröte mer die janze Naach, rädädätä, bis morje früh et Sönnche lach, rädädätä. Kein Noteblätter bruche mer, uns Noteblätter sin Schabau un Bier.
Lieder über Schnaps gehen also gar nicht mehr?
SEBUS: Ausgeschlossen. Es gab auch Texte zu aktuellen Themen, die man heute nicht mehr verstehen würde. Ein Lied über die Erfindung des Penicillins war 1953 mein zweites neues Lied.
War es schwierig, von den katholischen Pfarrsitzungen in die großen Säle zu kommen?
SEBUS: Man hatte viel Konkurrenz: Da haben 100 Leute vorgesungen. Und Stars wie Jupp Schmitz oder Karl Berbuer waren ohnehin schon in allen Sitzungssälen auf der Bühne.
Sie haben es gleich zum großen Vorstellabend im Sartory geschafft.
SEBUS: Ich han jesunge, ävver et kom kein Sau. Ich war die erste Nummer in einem halb vollen Saal. Der Durchbruch ist mir ein Jahr später mit „Jede Stein vun Kölle es e Stück vun dir“ gelungen.
Damals gab es viele Interpreten, die Ähnliches gemacht haben. Heute sind Sie als einer der wenigen übrig geblieben. Wo ist sie hin, die ruhige kölsche Liedkunst?
SEBUS: Der klassische Krätzchensänger ist von den Musikgruppen abgelöst worden. Das fing mit den Bläck Fööss an. Die Interpreten, die mit einer Kapelle oder einfacher Begleitung eigene kölsche Lieder sangen, wurden immer weniger.
Kann man gegen das laute, oft hochdeutsche Einerlei steuern?
SEBUS: Der Trend ist da. Es gibt diejenigen, die abfeiern wollen, aber auch wieder die, die Wert auf die Qualität des Zuhörens legen. Man spürt wieder Interesse am Inhalt.
Wer steht für diesen Trend?
SEBUS: Wicky Jungeburth, Sakkokolonia oder de Familich gehören dazu. Natürlich muss man Marie-Luise Nikuta nennen oder die Bläck Fööss. Auch die Höhner können so was.
Es gibt nicht nur viele schöne Lieder als hörbare Zeitzeugnisse von Ludwig Sebus. Sie haben auch beim Projekt „Erlebte Geschichte“ des NS-Dokumentationszentrums mitgemacht. Warum war Ihnen das wichtig?
SEBUS: Ich gehöre zu der Generation, die langsam ausstirbt. Wenn man einem Bericht zuhören kann, wirkt das anders als das aufgeschriebene Wort. Über Sprache und Bild lassen sich Emotionen transportieren. So kann man vielleicht eher nachempfinden, was damals los war - diese Ballung von Eindrücken, Einschränkungen, schlechten und guten Dingen. Die Zeit in der katholischen Jugend und der indirekte Widerstand dort ist für mich sehr prägend gewesen.
Welche Botschaft würden Sie gerne vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen vermitteln?
SEBUS: Wir leben in der einmaligen Phase eines langen Friedens. Es ist wichtig, das zu erhalten. Die Voraussetzung dafür ist meines Erachtens eine gewisse Toleranz, ein friedliches Denken. Dazu bedarf es eine Erziehung zur Höflichkeit. Wenn Kinder höflich sind, akzeptieren sie den anderen, fangen keinen Krach mit dem an und sind vor allem geneigt, Dinge zu entspannen. Wir müssen wieder in Achtung zueinander kommen.
Was sind Ihre persönlichen Wünsche für die Zukunft?
SEBUS: Meine Frau sitzt seit 15 Jahren im Rollstuhl. Ich wünsche mir, dass man die Kraft hat, hier noch lange gut versorgt und ohne Leid zusammen zu leben. Dann habe ich den Wunsch, dass es in der Familie einigermaßen so läuft, wie ich mir das vorstelle und alle neun Enkel und bislang drei Urenkel - im November kommen noch zwei dazu - einigermaßen geraten.
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