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Kachelmann

Das Ende ist sehr offen

Von Marianne Quoirin, 04.09.10, 00:08h, aktualisiert 30.05.11, 13:42h

Das Gericht ist bei der Wahrheitssuche im Fall Kachelmann nicht zu beneiden. Das Phänomen der Parteinahme ist nicht neu, aber dieses Mal haben sich auch namhafte Juristen eingemischt und der Mannheimer Justiz schlechte Noten erteilt

Jörg Kachelmann
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Jörg Kachelmann nach einem Haftprüfungstermin im April 2010. (Bild: dpa)
Jörg Kachelmann
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Jörg Kachelmann nach einem Haftprüfungstermin im April 2010. (Bild: dpa)
Bericht vom 4.9.2010

MANNHEIM - Es waren nur elf Sekunden, bis der TV-Moderator einen Nebenausgang des Mannheimer Amtsgerichts am 24. März erlassen hatte, auf dem Weg zu einem Polizeibus den Hof durchquerte und mit einem Lächeln auf die Frage nach seinem Befinden antwortete: „Ich bin unschuldig, das ist alles, was ich im Moment sagen kann.“

Als Jörg Kachelmann vier Monate später, am 29. Juli, lächelnd den ersten Schritt vor das Tor der Justizvollzugsanstalt Mannheim setzt, sagt er kein einziges Wort, obwohl Journalisten den Mann im weißen T-Shirt wie einen Märtyrer empfangen. Später wird Kachelmann freilich mit seinem Anwalt im Schlepptau Exklusiv-Interviews über sein Leben im Knast geben und abermals seine Unschuld beteuern.

Parteinahme ohne Beweis

Was ist aber nicht alles zwischen März und August über den Fall Kachelmann geschrieben und diskutiert worden? Das Phänomen der Parteinahme ohne jeden Beweis für oder gegen einen Angeklagten ist nicht neu, aber dieses Mal haben sich auch namhafte Juristen eingemischt und der Mannheimer Justiz schlechte Noten erteilt.

Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Mannheim, wo am Montag der Prozess gegen Jörg Kachelmann wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und gefährlicher Körperverletzung beginnt, ist bei ihrer Suche nach der Wahrheit nicht zu beneiden. Der Fall dürfte auf den drei Berufsrichtern und den beiden Schöffen lasten wie Blei. Mehr als ein Dutzend Expertisen von unterschiedlicher Qualität und zum Teil sich widersprechenden Ergebnissen liegen ihnen vor. Die Strafkammer wird kaum umhinkommen, eigene Gutachter zu bestellen, um den Experten-Krieg mit einem Obergutachten zu beenden, zumal das Oberlandesgericht Karlsruhe bei seiner Entscheidung zur Aufhebung der Untersuchungshaft Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin hegte. Es ist anzunehmen, dass ein Psychiater den Angeklagten ins Visier nehmen wird, auch wenn er bisher eine Begutachtung abgelehnt hat. Aber wie in anderen Verfahren - zum Beispiel gegen die so genannte Sauerland-Gruppe - nimmt ein solcher Gutachter die Aussagen im Prozess unter die Lupe. 13 Verhandlungstage sind bisher angesetzt, 25 Zeugen geladen. Das Ende ist sehr offen.

Zwischen Verhaftung und der Freilassung Kachelmanns aus der Untersuchungshaft ist die Öffentlichkeit mit vielen, zu vielen Informationen über den Fall zugeschüttet worden - allen Einstweiligen Verfügungen der Pressekammer des Landgerichts Köln zum Trotz. Diese hat vor allem Details aus den Ermittlungsverfahren vor Erhebung der Anklage als „Gefahr einer Stigmatisierung“ des Beschuldigten bewertet. Dennoch wurde das Privatleben des prominenten Schweizers in allen Facetten ausgeleuchtet und der Vor-Verurteilung preisgegeben. Dass Kachelmann dank moderner Kommunikationsmittel gleichzeitig mehrere Geliebte zu steuern vermochte, hat nicht nur betroffene Frauen empört, sondern auch Männer neidisch gemacht auf das Organisationstalent des Wetter-Guru.

Was erklärt sonst das überbordende Interesse an diesem Promi-Fall? Es sind ja gut aussehende und im Beruf erfolgreiche Frauen, die mit Deutschlands bekanntestem, aber nicht gerade übermäßig attraktiven Wetter-Moderator liiert waren. Und welcher Durchschnittsmann träumt nicht von einer solchen Rolle als unwiderstehlicher Verführer, der per Handy-Rundsendung alle Ladys bei Laune hält? Bis auf eine, die gar ein Buch über die Affäre mit J.K schrieb, haben sich die Damen anonym über ihr Liebesleben in diversen Zeitschriften ausgelassen, bevor sie bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft ihre Erfahrungen zu Protokoll gaben. Neun Frauen sollen über ihren Ex-Freund im Prozess aussagen, wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zwischenzeile

Das mutmaßliche Opfer, mit dem zweiten Vornamen Simone, blieb von medialen Attacken nicht verschont. Herauszufinden, wie die blonde Moderatorin des lokalen Radio-Senders „Sunshine“ aus Schwetzingen heißt, dazu bedarf es keiner investigativen Recherche. Ein Blick ins Internet genügt, wo sich die „Free Kachelmann“- Fraktion austobt. Simones Mutter gab Interviews und weinte vor Kameras. Fernsehteams und Reporter bevölkerten tagelang die Straße, in der Simone und ihre Eltern leben - mit Gartenzwergen vor dem Haus. Ein Magazin veröffentlichte Auszüge aus Simones Tagebuch, ihre Aussagen vor Gutachtern wurden in gefälligen Häppchen den Medien serviert. Ihre Glaubwürdigkeit steht nach eingestandenen Lügen auf dem Spiel. Aber ob sie tatsächlich ihren untreuen Ex-Freund grundlos oder aus Rache angezeigt hat, wird das Gericht zu entscheiden müssen.



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