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Migrantenkinder

Das Wissen lieben lernen

Von Michael Hesse, 06.09.10, 13:50h, aktualisiert 06.09.10, 13:58h

Der Plasmatechniker Murat Vural hatte eine brillante Idee: Ausländische Schüler geben Schülern Nachhilfe. Das Projekt wurde zur Erfolgsgeschichte. Aus Ausgeschlossenen werden Bildungsaufsteiger. Acht Schulen machen schon mit.

Chancenwerk
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Murat Vural (hintere Reihe, Dritter von links) mit Helfern und Schülern in einer Bochumer Schule (Bild: privat)
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Murat Vural (hintere Reihe, Dritter von links) mit Helfern und Schülern in einer Bochumer Schule (Bild: privat)
KÖLN - Rein statistisch gesehen ist Murat Vurals Leben ein äußerst unwahrscheinlicher Fall. Er ist Deutsch-Türke. Und er ist als Wissenschaftler erfolgreich. Beides zusammen ist in Deutschland die große Ausnahme. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie sagt, Deutschland brauche mehr Cem Özdemirs in der Wissenschaft - eben weil es kaum welche gibt. Murat Vural ist so einer - und darin sieht er für sich eine Verpflichtung. Im Jahr 2004 hatte er und einige Kommilitonen eine simple und doch brillante Idee: „Es ist eine Art Schneeball-System“, sagt Vural: „Ein Student hilft acht Oberstufenschülern. Er macht Frontalunterricht mit ihnen etwa in Mathematik. Dafür bekommt er ein bisschen Geld. Seine Schüler verpflichten sich, jeweils vier weitere Nachhilfeschüler aus der Mittelstufe zu unterrichten - sie erhalten dafür freilich kein Geld. Der Schneeball fliegt - bei Bedarf - bis hinein in die Grundschulen.“ Die Kosten pro Schüler und Schuljahr liegen bei maximal 90 Euro. Nicht viel im Vergleich zu den den üblichen Vergütungen im Nachhilfemarkt.

Jeder soll eine Chance haben

Vural sitzt im 4711-Haus in Köln und blickt aus der neunten Etage auf Ehrenfeld hinab, dort leben besonders viele Türken. Das Büro ist noch nicht eingerichtet. Beim ersten Besuch bei Vural wird Wasser in Pappbechern gereicht, die Flure und Arbeitszimmer sind leer. Vural sitzt mit dem Rücken zum Fenster und erzählt. Jeder soll eine Chance haben, sei seine Meinung. Deshalb habe er mit Freunden 2004 dieses Bildungsinstitut gegründet. Es heißt IBFS-„Chancenwerk“. Was sich zunächst als Hilfe für Migrantenkinder gedacht war, erstreckt sich nunmehr auch auf deutsche Kinder. Er glaubt, das Chancenwerk sei eine Konsequenz seines Lebensweges. Vural ist 34 Jahre alt und diplomierter Elektroingenieur - an der Uni Bochum schreibt er an seiner Dissertation. Eigentlich wäre er, wie die meisten Migrantenkinder, gar nicht in den Aufzug nach oben gekommen, sagt er. Das deutsche Bildungssystem sei starr und kalt, wenn es um soziale Aufstiegschancen geht.

In einer Bochumer Schulklasse sitzen die Kinder in Dreigruppen zusammen. Katharina Friesen von der Ruhr-Universität Bochum ist die Teamleiterin. Teamleiter sind meist Studenten und koordieren die Nachhilfe an den Schule. Katharina sitzt vor zwei Mädchen und unterstützt sie bei den Hausaufgaben. Die Kinder wirken gelöst und konzentriert. Alles sieht so leicht und selbstverständlich aus, dass man sich fragt: Ist das wirklich Schule? Katharina Friesen will ein gutes Beispiel für ihre Nachhilfeschüler abgeben, „weil man an der Uni studiert und den Kindern einen Weg weist. Gleichzeitig ist man ein Beispiel für jemanden, der soziales Engagement zeigt, im besten Fall ein Vorbild.“ Einer ihrer Nachhilfeschüler empfindet die Verantwortung seiner Tätigkeit als besonders wichtig.

Weniger aggressiv

Die Kinder verändern nach wenigen Monaten ihr Arbeits- und Sozialverhalten. „Nach ein, zwei Jahren werden die Noten deutlich besser“, berichtet Vural. Signifikant viele der Schüler zeigen bessere Leistungen, sagt Schulleiter Walter Bald von der Erich Kästner Gesamtschule in Bochum. „Es ist ein dauerhafter Erfolg bei den Schülern“, stellt er fest. Besonders die Akzeptanz für Schule, Mitschüler und Lehrer wachse. Auch bei den Eltern. Besonders auffällig sei aber ein anderer Effekt. Die Schüler sind weniger aggressiv. Warum? Murat Vural hat herausgefunden, dass die Kinder länger in der Schule sein wollen. „Weil ihnen die Studenten, die sie unterrichten, etwas bedeuten“, sagt er. Im Kern gehe es nicht nur um das Lernen, sondern darum, Beziehungen herzustellen. „Ich gehe zu Fünft- und Siebtklässern und erzähle denen, was möglich ist: Ich als Türke aus der zweiten Generation und einfachen Verhältnissen kann in Deutschland studieren und eine Doktorarbeit schreiben“. Für die Schüler ein Erweckungsruf. „Die Kinder fangen plötzlich an, sich stärker für die Schule und das Lernen zu interessieren.“

Anfang des Jahres hat Vural in der Uni Köln vor rund 300 Zuhörern im Hörsaal II über seine Idee einen Vortrag gehalten. An den alten runtergekommenen Holztischen, wo sonst junge Studenten ihre Köpfe zermartern oder die Tische zerkratzen, sitzen an diesem Abend die Erfolgreichen und beruflich Etablierten. Es sind Personalberater, Firmenchefs, Designer oder Hochschullehrer, die Murat Vural zuhören. Vural wirbt für seine Idee. Er erzählt seine Geschichte, von seinem Aufstieg und den vielen Hürden im Leben eines Türken, der komplexen Wirklichkeit einer türkischen Familie, von der die meisten Deutschen wenig mitbekommen. So packend wie er redet, können es nur wenige. Vural ist nicht nur ein Wissenschaftler, sondern auch ein guter Entertainer. Als er von seiner Idee des Nachhilfekonzepts berichtet, gibt es Applaus. „Der ist klasse“, sagt ein Unternehmensberater. Murat ist in seinem Element. Wie auch einige Wochen später, in Bremen, wo er vor 50 türkischen Eltern spricht. Auch ihnen hat Vural viel erzählt, vieles von dem, was sie nur zu gut wissen. Über ihr Leben, ihre Probleme, ihre Hoffnungen für die Kinder. Er kennt es ja selbst nur zu gut. Von dem schwierigen Verhältnis der Väter zu ihren Söhnen, den oftmals überforderten Müttern. Aber dass es auch einen anderen Weg gebe, den nach oben. Und für den stehe er. Die Eltern müssten ihn nur anschauen. Diesen Weg könnten auch viele andere gehen, nämlich ihre Kinder. Aber dafür brauche er ihre Unterstützung. Als er die entscheidende Frage stellte, wer mitmachen wolle, war er von der Antwort selbst überrascht. „Alle haben die Hand gehoben.“

„Das schaffst Du nicht“

Das ist das genaue Gegenteil der Debatte, wie sie derzeit hierzulande geführt wird. Wie ja auch Murat Vural nicht ins Bild der Integration in Deutschland hineinpassen will. Dabei ist sein Lebensweg bis zu einem bestimmten Punkt exemplarisch für so viele. Er wuchs in Deutschland auf, im Alter von elf Jahren ging er mit seinen Eltern in die Türkei. Mit 16 Jahren kehrte er zurück. Er besuchte die Hauptschule, der typische Weg eben. „Ich wollte unbedingt Elektroingenieur werden. Man sagte mir: Das schaffst du nicht. Ich musste einen Realschulabschluss machen. Deshalb habe ich eine Klasse wiederholt, damit ich die Qualifikation bekommen“, erzählt er. Ein 16 Jahre alter Junge, der gerade aus der Türkei kommt, bekommt solche Hürden, „das darf eigentlich nicht sein“. Er habe den besten Hauptschülern aller Schüler gemacht. Ein Notendurchschnitt von 1,5 - und das mit wenig Deutschkenntnissen. Dann ging es aufs Gymnasium, er war ein Quereinsteiger, „die hatten ohnehin schlechte Karten“. Einige Lehrer erkannten sein Potenzial, einige unterstützten ihn intensiv, andere wollten ihm nur klar machen, warum er das Abitur nicht schaffen könnte. Nach drei Jahren hatte er es dennoch in der Tasche. Durchschnittsnote: 2,2. Auf der Ruhr-Uni Bochum studierte er Elektrotechnik. Fünf Jahre studiert, zeitgleich geheiratet, zwei Söhne bekommen. Vural begann seine Promotion in Plasmatechnik.

Zurück im 4711-Haus in Köln. Sein Leben habe er als Dasein in Extremen empfunden, sagt Vural. Hier der erfolgreiche Bildungsaufsteiger, da die vielen Kinder in seinem Wohnort, die keine Chance auf die Universität hatten. Vor sechs Jahren kam ihm die Idee, „dass wir den Kindern helfen sollten. Ich fragte mich, in unserem Wohnviertel leben so viele Migranten, warum schaffen die es nicht in die Uni?“

Das Chancenwerk gibt es mittlerweile an acht Schulen in Castrop-Rauxel, Bochum, Herne, Schwerte, Gelsenkirchen und Bremen für insgesamt 330 Schüler. Nun werden in Köln weitere Schulen sein Konzept übernehmen. Und sie suchen noch weitere. „In Bremen haben wir die Übertragbarkeit des Konzepts nachgewiesen“, erzählt Vural. „Das heißt unabhängig von uns, unabhängig vom Ruhrgebiet, ohne uns als Personen.“ Der Leiter habe das Konzept umgesetzt und hatte auf Anhieb 75 Schüler gefunden. Die Presse berichtete: „Wo Nachhilfe den Schulfrieden stärkt“. Nun ist Köln an der Reihe. „Geld ist da, die Hit-Stiftung hat uns geholfen. Es gibt keinen Grund, warum es nicht auch hier klappen sollte.“ Was sie in Bremen in einer Schule geschafft haben, soll in Köln an sechs Schulen gelingen. „Wir wollen richtig wachsen, nicht chaotisch.“ Auch in München und Duisburg sind sie bereits aktiv.

Mit ihren Sorgen meist allein

In diesem Land gibt es viele Möglichkeiten, glaubt Vural. „Man muss es nur wissen und wollen.“ Die Noten sind bei gut zwei Dritteln der teilnehmenden Schüler viel besser geworden. Warum? „Viele Kinder haben Probleme mit dem Schulstoff. Ihre Eltern können ihnen nicht helfen; die Lehrer haben viel zu wenige Möglichkeiten, auf die jeweiligen Schwierigkeiten der Migrantenkinder einzugehen.“ Diese Kinder, sagt Vural, sind mit ihren Sorgen meistens allein. Ihr Selbstbewusstsein holen sie sich notfalls mit Gewalt. Jetzt lernen sie von Mehmed oder Enver: „Wissen ist cool.“



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