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Loveparade

Bären und Fotos eingesammelt

Von Petra Pluwatsch, 06.09.10, 00:23h, aktualisiert 06.09.10, 15:00h

Der Unglückstunnel der Loveparade ist seit diesem Sonntag wieder für den Verkehr freigegeben - das offiziell verordnete Ende der Trauer um die 21 Toten von Duisburg. Der „Bürgerkreis Gedenken“sammelte die zahllosen Trauergaben ein.

Bürgerkreis Gedenken
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Der „Bürgerkreis Gedenken“ in Duisburg hatte am Samstag dazu aufgerufen, die Trauergaben für die Opfer der Loveparade einzusammeln. Auch NRW-Minister Ralf Jäger (Links) beteiligte sich an der Aktion im Karl-Lehr-Tunnel. (Bild: Krasniqui)
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Der „Bürgerkreis Gedenken“ in Duisburg hatte am Samstag dazu aufgerufen, die Trauergaben für die Opfer der Loveparade einzusammeln. Auch NRW-Minister Ralf Jäger (Links) beteiligte sich an der Aktion im Karl-Lehr-Tunnel. (Bild: Krasniqui)
DUISBURG - Dumpf dröhnt der Schlag einer Trommel durch den nur spärlich beleuchteten Karl-Lehr-Tunnel. Ein letztes Mal flackern längs der Wände rote und weiße Grablichter. Menschen ziehen schweigend an den zahllosen Fotos, den Engelsfiguren und den Plüschbärchen vorbei, die seit sechs Wochen von der sprachlosen Trauer um 21 Tote künden. „Warum?“ steht auf zahlreichen Schildern, die an vertrockneten Kränzen lehnen, die Schrift bereits verblasst und zerlaufen, die Ecken aus Papier nach vorne gebogen.

„Der Sauerland hat sich das ausgedacht“, sagt eine alte Frau und bückt sich hinunter zu einem Meer aus roten Grablichtern. Und muss sich korrigieren lassen.

Nein, „der Sauerland“, der Oberbürgermeister von Duisburg, hat sich gar nichts ausgedacht. „Der Sauerland“ wird sich außerdem hüten, dort aufzutauchen, wo Duisburg sechs Wochen nach der Loveparade-Katastrophe endgültig Abschied nimmt von deren Opfern. Stattdessen hat der „Bürgerkreis Gedenken“ an diesem Samstagnachmittag die Bürger der Stadt dazu aufgerufen, gemeinsam die zahllosen Trauergaben an der Unglücksstelle einzusammeln. Auf langen Holztischen stehen milchigweiße Plastikbehälter bereit, die Gegenstände aufzunehmen. Anschließend sollen sie in einem verglasten Container nahe der Karl-Lehr-Straße aufbewahrt werden - ein provisorisches Mahnmal für den Schrecken, der die Stadt an jenem 24. Juli in ihren Grundfesten erschütterte.

Gedenktafel

Schon in den frühen Morgenstunden haben Vertreter des Bürgerkreises eine schlichte Gedenktafel an der Rampe zum Loveparade-Gelände angebracht. Hier starben die meisten der 21 Opfer. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Jetzt lehnen an der Mauer unterhalb der Tafel die ersten Blumengestecke, weitere werden über einen Maschendrahtzaun gereicht, der noch immer die nur wenige Quadratmeter große „Todeszone“ markiert. Kaum ein Wort fällt, fast so, als wage es niemand, die Stille zu stören. Eine Gruppe von Notfallseelsorgern steht bereit, um Beistand zu leisten, wo er nötig ist. Auf der anderen Seite der Straße hat Monika Tietz ihren Entwurf für ein „Denkmal Platzangst“ aufgebaut. Es solle irgendwann als Monument an der Rampe stehen, so ihr Wunsch, „damit die Menschen diese Enge dort spüren“. Auch Monika Tietz war an jenem Samstag auf der Rampe und auch sie ist, wie sie sagt, „dem Tod entkommen“.

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Wenig später eilt NRW-Innenminister Ralf Jäger mit einer Delegation zügigen Schrittes durch den Tunnel - schwarze Krawatte auf weißem Hemd, einen Behälter mit Engelsfiguren und drei kleinen Bären fest in beiden Händen. Schon früh hat er schwere Vorwürfe gegen die Loveparade-Veranstalter erhoben; später geriet er selber in die Kritik, weil seine Darstellung des Polizeieinsatzes am nämlichen Tage nach Ansicht der Opposition nicht ganz der Wahrheit entsprochen haben soll. Kameras surren, während er seine Last auf einem Tisch vor dem Container absetzt. Wenige Minuten später ist Jäger wieder verschwunden.

„Duisburg gedenkt der Opfer der LOVEPARADE, 24. Juli 2010“ steht in großen Lettern auf der Innenwand des Containers. Der „Bürgerkreis Gedenken“ bezeichnet ihn gern als „Glaskubus“. „Das hört sich einfach besser an“, sagt Michael Willhardt, der zu der Initiative gehört und am 26. Juli eine erste Mahnwachse im Tunnel organisiert hatte. „Faktisch ist es ein Spezialcontainer.“ Er streift sich ein Paar weiße Handschuhe von den Händen. Auch er hat gerade zwei Kisten zur Sammelstelle getragen. Schon im Vorfeld gab es heftige Diskussionen über den Standort der Gedenkstätte. Ursprünglich sollte sie am Innenhafen stehen. Und auch heute ist nicht jeder der Anwesenden einverstanden mit der gewählten Lösung. Als zu eng, zu schäbig, zu provisorisch, kritisieren Umstehende den Container. Auch die Gedenktafel sei zu klein, ist zuweilen zu hören. „Warum stehen nicht einmal die Namen der Toten darauf?“

„Würdelos“, sagt Tanja Löhrmann (33), und das ist noch das feinste Wort, das sie für den Umgang mit den Trauergaben findet. Tanja Löhrmann gehört, wie so viele hier an diesem Nachmittag, zu denen, die teilgenommen haben an der Loveparade und nun dabei sein wollen, wenn die Trauer ihren offiziell verordneten Abschluss findet. „Ich musste einfach herkommen“, sagt sie, obwohl sie nicht unmittelbar konfrontiert war mit der Katastrophe. Und dennoch: Seit sechs Wochen könne sie nicht mehr schlafen. Vor allem der Gedanke, „dass ich ahnungslos auf einem Wagen getanzt habe, während hier unten die Menschen starben“, quäle sie. Tränen der Wut stehen in ihren Augen, und sie fährt einen Helfer an, doch bitte etwas respektvoller mit den Trauergaben umzugehen. Kniehoch und ohne erkennbare Ordnung stapeln sich inzwischen die Symbole der Anteilnahme auf dem Boden des Containers. „Hätte man sie ja gleich auf den Müll werfen können“, murmelt eine ältere Frau mit verweinten Augen und erntet beifälliges Nicken.

Peter Krause-Heiber „hätte den Tunnel so gelassen, wie er war“ und ihn mitsamt den Trauergaben zur Gedenkstätte gemacht. „So wird alles auseinander gerissen und zerstört“, sagt er. Trauer schwingt mit in seiner Stimme. Seit sechs Wochen besucht der 62-Jährige regelmäßig den Ort der Katastrophe und fotografiert ihn, um das Unfassbare, das seine Stadt getroffen hat, so umfassend wie möglich zu dokumentieren. Seit diesem Sonntag ist die Straße wieder für den Verkehr freigegeben. Peter Krause-Heiber kann sich nicht vorstellen, noch einmal hindurchzufahren. Nicht nur für ihn wird der Karl-Lehr-Tunnel noch lange ein Ort der Trauer bleiben.



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