Von Marcus Breuer, 07.09.10, 09:00h, aktualisiert 13.09.10, 10:18h
Einigen Nachbarn gefällt die Luft weniger. Die Binnenschiffe blasen bei ihren Anlegemanövern ganz schön viel schwarzen Qualm aus den Schornsteinen. Ich habe damit kein Problem und finde es eher lustig, dass direkt vor meinem Balkon Schiffe anlegen.
Vor allem am Anfang war es ruhig hier, im Hafen. Gut, es gab den Baulärm. Gleich nebenan wurden die drei Kranhäuser hochgezogen. Aber es gab nur wenige Bewohner. Zumindest im Vergleich zu Ehrenfeld, wo das geschäftige Treiben von der Venloer Straße den ganzen Tag über bis zu meiner Wohnung in einer Seitenstraße schallte. Auf dem Anna-Schneider-Steig könnte man sich quer hinlegen, und es würde wahrscheinlich erst einmal niemand bemerken.
Das umgebaute und neu gestaltete Viertel direkt an der Kaimauer des Rheins muss noch wachsen. Es gibt Tage, da denke ich, allein auf der Welt zu sein, weil alles so ruhig und gedämpft wirkt. Es kann sich anfühlen, als sei man in einen Wattebausch gepackt worden, wenn am helllichten Tag niemand unterwegs ist und alles so geputzt wirkt, die Gebäude, die neuen Straßen.
Diese Tage werden aber seltener. An den Wochenenden schieben sich mittlerweile massenweise Menschen auf ihren Spaziergängen unter meinem Fenster vorbei. Die Promenade zwischen Süd- und Severinsbrücke gleicht dann einer Fußgängerzone. Anstelle von Geschäften gibt es eine Hand voll Galerien und bei Sonnenschein sogar die Hafenbewohner zu entdecken, die wie ich gerade ihr Frühstücksei auf dem Balkon aufklopfen. Aber es gibt eine Ecke auf der Terrasse, die man nicht einsehen kann, wenn ich nicht ganz aufrecht sitze. Es macht den Eindruck, dass der modellierte Hafen aus Beton, Stahl und Glas ein Naherholungsziel für viele Kölner geworden ist.
Als die Bauarbeiten für den Hafen im Jahre 1847 aufgenommen wurden, dachte damals sicherlich niemand, dass aus den Silos und Lagerhallen eines Tages einmal eine Attraktion für Stadtbummler wird.
Fußgängerzone ohne GeschäfteDabei gibt es gar nicht so viel zu sehen. Die meisten Gewerbeflächen werden als Büros von Rechtsanwälten und Architekten genutzt. Aber nein: Ich beschwere mich nicht. Auch nicht über die Leute, die ihre Brillen zücken, um die Namen auf den Klingelschildern zu lesen. Kein Promi. Schade. Manche drücken trotzdem einfach drauf. Manchmal werde ich misstrauisch beäugt, wenn ich in Sportklamotten und mit meinem Rad nach Hause komme. Was macht der denn hier?
Aber ich beklage mich nicht, schließlich bin ich freiwillig hier, und montags ist ja auch wieder Schluss mit der Bummelei. Die Fußgängerzone ist dann wieder ausschließlich in der Innenstadt. Außerdem besteht im Gegenzug zu meiner Zeit in Ehrenfeld nicht mehr die Gefahr, dass ich ständig vor meiner eigenen Haustür um meine Gesundheit oder sogar mein Leben fürchten muss. Nein, ich lebe jetzt in einer Wochenend-Fußgängerzone ohne Geschäfte und unaufmerksame Autofahrer, die aus den Seitengassen geschossen kommen und die Radfahrer übersehen. Auf der Venloer Straße kann das Leben als leidenschaftlicher Fahrradfahrer ganz schön abenteuerlich sein. Von Autofahrern angefahren zu werden ist dort keine Seltenheit.
Nicht nur meine Straße, auch weitere fünf Wege und Plätze im Hafen verdanken ihre Namen einer Auswahl von Pionierinnen, die die Kölner Stadtgeschichte prägten. Ich gebe zu, die meisten von ihnen noch nie gehört zu haben: Elisabeth Treskow, Clementine Martin oder Anna Maria van Schürmann. Aber ich habe kurz nach meinem Einzug eine Führung mitgemacht, die der Frauengeschichtsverein organisiert hat. Außer mir waren nur Frauen dabei. Aber jetzt weiß ich, wer Anna Schneider war: die Gründerin des ersten Arbeiterinnenvereins.
Man hat die Straßen und Plätze im Rheinauhafen bewusst nach den Pionierinnen benannt, weil Frauen als Namensgeberinnen von Straßen in Köln noch arg unterrepräsentiert sind. Zu den starken Frauen passt übrigens die Nachbarschaft im Bayenturm, dort ist die gemeinnützige Stiftung „FrauenMediaTurm“ beheimatet. Das unter Denkmalschutz stehende Gemäuer ist das älteste und höchste Gebäude meiner Straße. Der Koloss ist um 1220 n. Chr. erbaut worden und war der südliche Eckturm der acht Kilometer langen mittelalterlichen Stadtbefestigung.
Es ist also nicht alles neu im Rheinauhafen. Und genau das gefällt mir so. Alter Stein neben neuem Beton, Glasfronten neben düsteren Fassaden. Auch das denkmalgeschützte Hafenamt und der angrenzende Lokschuppen sind gute Beispiele dafür. Die markante Silhouette ist mit modernen Architekturelementen verschmolzen.
Ausgerechnet im Schatten des alten Wehrturms ist von der Stadt Köln ein so genanntes „hochmodernes Nachturinal“ installiert worden. Am Tag verschwindet das Pissoir im Boden, und zur Dämmerung wird es per Fernbedienung ausgefahren. Bevor ich diese Information hatte, verwunderte mich das mysteriöse Ding. Mal war es da, mal war es wieder verschwunden.
Es gab Sonntage, da hab ich alles auf den Alkohol der vergangenen Nacht geschoben. Es kann sein, dass mich die Klo-Fata-Morgana an meinem Verstand hat zweifeln lassen. Weil tagsüber wirklich nichts davon zu sehen ist. Was muss die Stadt Köln für dieses Wunderding hingeblättert haben!
Ich glaube, ich bin einer der wenigen Bewohner, die mit dem Rad unterwegs sind. Die meisten fahren mit dem Aufzug direkt in die Tiefgarage, wo ihre Autos stehen. Die Parkanlage ist der Hammer. Sie ist zurzeit die längste Tiefgarage Europas, und auf der Welt gibt es nur in New York eine längere. 15 Monate haben die Bauarbeiten für die 1600 Meter lange Röhre mit 31 Aufgängen gedauert. Neben einer großen Anzahl von Parkmöglichkeiten bietet mir die Tiefgarage auch Schutz vor dem schlechten Wetter in Köln.
Egal, ob bei Schnee, Regen oder Sturm, durch die Anlage kann ich mein Lieblingsrestaurant „Bona' me“ am anderen Ende meiner Straße immer trockenen Fußes erreichen. Doch wie schon auf der Venloer Straße lauert auch im unterirdischen Bauwerk die Gefahr, von Verkehrssündern übersehen zu werden. Einige Autofahrer verwechseln die Parkanlage anscheinend mit einer Schnellstraße. Geschwindigkeiten von über 50 km / h, bei erlaubten 10 km / h, wurden dort schon gemessen. Aus diesem Grund haben die Betreiber im Frühling einen Tempomesser aufgestellt, der dazu beitragen soll, dass die Raserei endlich aufhört.
Ich liefere mir regelmäßig ein Rennen mit den Parkplatzaufsehern - auf Fahrrädern. Sie wollen, dass ich das Rad schiebe. Nix da. Es macht einen höllischen Spaß, mit dem Rad die lange, unterirdische Gerade entlangzupreschen. Leider reagiert der Tempomesser nicht auf mich, sonst wüsste ich, ob die gefühlten 80 km / h der Realität entsprechen. Die Aufseher hab ich bisher immer abgehängt.
Marcus Breuer (33) arbeitet seit 2003 als freier Mitarbeiter in der Online- und Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger. Auf Schiffen wird er regelmäßig seekrank, das Leben am Fluss hatte bislang zum Glück keine schlechten Nebenwirkungen.
@ing. "Wers denn mag......"
10.09.2010 | 12.13 Uhr | La Mola
hoffentlich bleibt Deutz so ein architektonischer Glas- und Betonmüllhaufen erspart. Gut das die Pollerwiesen regelmäßig überflutet werden sonst…
und warum
07.09.2010 | 17.29 Uhr | anettchen
wird es Rollstuhlfahrern so schwer gemacht auf diese Promenade zu gelangen? Über ungesicherte Gleise und über Kopfsteinplaster?
Störte wohl das…
Und wieso....
07.09.2010 | 16.51 Uhr | Stadtmensch
... schreibt der Autor, der schon seit 2003 für den KStA-Laden arbeitet, erst jetzt von seiner Straße in der er seit 2006 wohnt? Hört sich weniger…
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