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Diätprodukte

„Firmen haben lange abgezockt“

Erstellt 08.09.10, 21:03h

Irreführung im großen Stil: Spezielle Diabetiker-Lebensmittel sollen schon bald nicht mehr verkauft werden dürfen. Höchste Zeit, wie Manfred Flore, Bundesgeschäftsführer der Organisation „Deutscher Diabetiker-Bund“ meint.

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Schokolade für Diabetiker? Das ist Irreführung. (Bild: Thinkstock)
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Schokolade für Diabetiker? Das ist Irreführung. (Bild: Thinkstock)
Das Bundesinstitut für Risiko-Bewertung hat erklärt, dass speziell gekennzeichnete Diätlebensmittel nutzlos bis schädlich sind für Diabetiker. Teilen Sie diese Einschätzung?

MANFRED FLORE Ja, zumindest zum Großteil. Es ist schon ein Fakt, dass diese Lebensmittel, gerade wenn es um die Süßungsmittel geht, nicht unbedingt gut sind.

Hätte man das nicht früher schon herausfinden können?

FLORE Da hat die Ernährungswissenschaft im Lauf der Jahre erst dazu gelernt. Gerade hier - wie bei Arzneimitteln - muss man schon langjährige Studien machen, um zu sehen, welchen Einfluss die Inhaltsstoffe haben. Inzwischen gibt es zum Beispiel auch die Erkenntnis, dass sich Diabetes nur zum Teil durch die Ernährung beeinflussen lässt. Ein anderer Teil ist die Bewegung. Und es gibt auch genetische Grundvoraussetzungen.

Sind gerade Menschen, die Diabetes erst im Alter bekommen haben, auf Produkte wie Diät-Marzipan hereingefallen?

FLORE Ja, das muss man so sagen. Viele Leute, vor allem wenn sie es lange anders gewohnt waren, verändern ihre Ernährungsgewohnheiten nur ungern. Dann hat so ein Diätlebensmittel am Markt auch so ein bisschen eine Alibifunktion. Wenn jemand Diabetes hat, dann muss er aber sehr genau beachten: Wie lebe ich? Man muss das Leben umstellen. Das heißt nicht, dass man in Askese verfallen muss, aber man sollte auch nicht nach Alibis greifen.

Die Diätlebensmittel sind oft viel teuerer als die normalen Lebensmittel. Haben die Unternehmen hier abgezockt?

FLORE Ja. In vielen Bereichen ist das eine Abzocke gewesen, nach dem Motto: „Wir tun euch was gutes, und deshalb sind wir teuerer.“ Mittlerweile wissen wir: Das Teuere hat keine Berechtigung.

Firmen sollen nun bis 2013 Zeit bekommen, den Hinweis „Diätlebensmittel“ auf ihren Produkten zu entfernen. Ist das zu lang?

FLORE Ich habe natürlich ein gewisses Verständnis, dass für solch eine Umstellung auch Übergangsfristen notwendig sind. Andererseits ist es so, dass wir die Betroffenen entsprechend beraten, diese Produkte nicht mehr zu kaufen. Auf Dauer werden die Kunden also hoffentlich mit ihren Füßen darüber entscheiden. Wenn Produkte in den Regalen liegen bleiben, merkt die Industrie das schnell.

Die Kritik gilt ja vor allem den Zuckeraustausch-Produkten, aber nicht dem Süßstoff. Können Diabetiker Süßstoff weiterhin unbedenklich essen?

FLORE Unbedenklich essen kann man nichts. Man muss immer gucken, in welchen Mengen man Lebensmittel zu sich nimmt. Grundsätzlich gilt: Der Süßstoff ist am wenigstens in der Kritik im Moment, deswegen kann man ihn als Diabetiker sicher auch derzeit ohne Probleme verwenden. Aber wenn ich normalen Zucker nehme und nur ein Viertel dessen, was normalerweise benutzt wird, zum Süßen nehme, ist das auch okay.

Man weiß heute, dass Diabetes nicht nur auf eine Störung des Zuckerstoffwechsels reduziert werden kann. Ist die Fokussierung auf Zucker verfehlt gewesen?

FLORE Ja. Ich denke schon, dass das ganzheitlicher betrachtet werden muss. Die Industrie für Diätlebensmittel hat sich auch zu sehr auf diesen Bereich konzentriert.

Wenn die Diätlebensmittel nun wegfallen: Sollten stattdessen Broteinheiten (BE) auf allen Lebensmitteln zur Orientierung angegeben werden?

FLORE Ja, unbedingt. Kohlenhydrate sollten generell gekennzeichnet werden, denn das gibt einem Diabetiker Orientierung. Das ist leider in der neuen Verordnung der Regierung noch nicht vorgesehen. Diese Ergänzung muss aber irgendwann, und zwar möglichst bald, gesetzlich verordnet werden.

An was können sich denn Diabetiker jetzt orientieren?

FLORE Ein Diabetiker sollte am besten auf die Portions-Angaben auf den Verpackungen achten, dort sind ja meist die durchschnittlichen Nährwerte enthalten. Was ist an Fett drin? Was ist an Zucker drin? Das sind schon ein paar wesentliche Punkte. Generell ist es für Diabetiker wichtig, die Ernährung mit dem Arzt abzustimmen, damit sie wissen, wie sie sich individuell am besten verhalten. Wenn mich Menschen anrufen und beraten werden wollen, sage ich ihnen, sie müssen freiwillig ihren Lebensstil verändern wollen. Denn damit können sie den Verlauf ihrer Krankheit aktiv beeinflussen - und brauchen dann auch so wenige Medikamente wie möglich.

Wenn ein Diabetiker aber nun einmal gerne Süßigkeiten isst: Zu was sollte er greifen?

FLORE Schokolade mit einem hohem Kakaoanteil ist günstig, und da ist ein Stück oder ein Riegel am Tag auch kein großes Problem. Auch Gummibärchen sind durchaus unproblematisch: Denn es ist ja nicht so, dass ein Diabetiker gar keinen Zucker mehr essen darf, einen gewissen Zuckerspiegel braucht der Mensch. Es geht immer um die Menge.

Das Gespräch führte Sarah Brasack



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