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Kampusch

Das Überleben des Ichs

Von Norbert Mappes-Niediek, 08.09.10, 21:28h, aktualisiert 09.09.10, 07:51h

In einem Buch, das am Donnerstag erscheint, hat die heute 22-jährige Natascha Kampusch ihre Geschichte über die achtjährige Gefangenschaft aufgeschrieben. In „3096 Tage“ bietet sie einen Einblick in ihre Gefühle während des Martyriums.

Natascha Kampusch
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Erzählte bei "Beckmann" über ihr Martyrium: Natascha Kampusch. (Bild: dpa)
Natascha Kampusch
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Erzählte bei "Beckmann" über ihr Martyrium: Natascha Kampusch. (Bild: dpa)
WIEN - Was sie aß, was sie anzog, was sie tat, wann abends das Licht ausging: Alles bestimmte der allmächtige Entführer. Wie viel sie wog, selbst wie sie hieß und wovon sie sprechen durfte, wurde dem Mädchen befohlen. Aber „im Schatten dieser Macht, die mir alles vorschrieb“, sagt Natascha, „konnte ich paradoxerweise zum ersten Mal in meinem Leben ich selbst sein.“

Das Schicksal des Mädchens, das zehnjährig auf dem Schulweg entführt wurde und sich acht Jahre später selbst befreite, erschütterte vor vier Jahren die ganze Welt. Nun hat die 22-Jährige ihr Schicksal in dem Buch „3096 Tage“ beschrieben, das heute in den Handel kommt. Es enthält erwartungsgemäß Verstörendes. Etwa, dass es zwischen ihr und dem Täter zu einer Annäherung gekommen sei. Die Annäherung, schreibt Kampusch, sei „eine Strategie des Überlebens in einer ausweglosen Situation“ gewesen. Aus der Extremsituation, vor der die ganze Welt erschrak, war für das Opfer mit den Jahren eine Art Normalität geworden. Kampusch vergleicht das Haus des Entführers mit einem Aquarium: „Der Fisch springt nicht über den Glasrand, dort lauert nur der Tod.“

Nach Jahren in einem Verlies unter der Garage eines Einfamilienhauses in Strasshof bei Wien führte ihr Entführer sie zum ersten Mal aus, unter strenger Bewachung und scharfen Drohungen. Als sie endlich wieder andere Menschen sah, fürchtete sie sich vor ihnen. Ihre Gesichter „verzerrten sich zu Fratzen“, sie erschienen ihr „feindselig und unfreundlich“. Die Welt draußen erschien ihr wie eine Kulisse, nur der Kerker war Realität.

Täglich musste das Mädchen brutale Schläge und Erniedrigungen erdulden. Eine irrsinnige Abmagerungskur, vom paranoiden Täter verordnet, brachte sie an den Rand des Hungertods. Der Entführer - ein Anhänger von Adolf Hitler und Jörg Haider, wie man nebenher erfährt - schor sie kahl, ließ sie nur mit Kappe und Unterhose bekleidet die Wohnung putzen, ließ seinen Jähzorn an ihr aus. Sexualität habe nicht die Rolle gespielt, die viele Außenstehende vermuteten, schreibt Kampusch, ohne dabei zu sehr in Details zu gehen. „Es ist der letzte Rest der Privatsphäre, den ich mir bewahren möchte, nachdem mein Leben in Gefangenschaft in unzähligen Berichten, Verhören, Fotos zerpflückt wurde.“

Aus Natascha wurde „Bibiana“

Die Zehnjährige litt schrecklich in ihrem fünf Quadratmeter großen Kerker ohne Tageslicht, in den selbst der Entführer nur vordrang, wenn er sich fast eine Stunde lang durch Sicherheitstüren und Alarmanlagen gekämpft hatte. Mit fünfzehn, erzählt Kampusch, schlug sie zum ersten Mal zurück - viel zu schwach, um wirklich Widerstand zu leisten, aber stark genug, um Selbstachtung aufzubauen. Sie hätte als Person ganz verschwinden sollen. Schon ein Jahr nach ihrer Entführung hatte sie ihre Familie nicht mehr erwähnen dürfen, sogar einen neuen Namen annehmen müssen: Für sieben Jahre wurde aus Natascha „Bibiana“. Aber ihren Peiniger „Maestro“ oder „Gebieter“ zu nennen weigerte sie sich, trotz Schlägen. Auch heute ist Natascha Kampusch mit ihrem Entführer Wolfgang Priklopil, der sich am Tag ihrer Befreiung vor einen Zug warf, nicht fertig. Fast immer nennt sie ihn „den Täter“, als müsste sie sich zwingen, das in ihm zu sehen, was sie während ihrer Gefangenschaft lieber ignorierte. Über Strecken lesen sich die 284 Seiten wie ein Lehrbuch der Psychologie mit einer einzigen Versuchsperson: Natascha Kampusch. Am Anfang fantasierte sich die Zehnjährige in das Kleinkind zurück - um die schreckliche Situation nicht in ihrem ganzen Ausmaß begreifen zu müssen. Später lernte sie, Erlebnisse von sich „abzuspalten“, sich neben sich selbst zu stellen.

Die „Identifikation mit dem Aggressor“, die sie so ausführlich schildert, gelang aber nie so weit, wie der Aggressor es gern gehabt hätte. „Arrangiert habe ich mich“, schreibt sie, aber Vertrauen zum Täter habe sie nie gefasst. Priklopil scheiterte mit seinem Versuch, sich eine willenlose Marionette zu erschaffen.

Ein Dokument der Hoffnung

Und so ist das Kampusch-Buch auch ein Dokument der Hoffnung. Je älter sie wurde, desto weniger fühlte sich die Heranwachsende als Geschöpf ihres Entführers. Aufgeschrieben haben die berührende Geschichte der Natascha Kampusch die deutsche Lektorin Heike Gronemeier und die österreichische Journalistin Corinna Milborn - gut lesbar, sensibel und reflektiert, manchmal auch in etwas gestelzten Worten, ähnlich wie Natascha Kampusch sich selbst gerne ausdrückt. Es ist die Antwort einer ernsten und trotzigen jungen Frau auf eine selbstgerechte, skeptische, manchmal höhnische Öffentlichkeit.

Kampusch begegnet immer wieder Aggressionen und Misstrauen, zu unglaublich ist ihre Geschichte, zu unglaublich ihr Überleben. In Internet-Foren ist sie schon lange eine „Lügnerin“ - sie sei freiwillig bei Priklopil geblieben. Ihre Feinde wollen nicht begreifen, dass mit dem äußeren Gefängnis sich langsam auch ein inneres aufbaut. „Du hast uns in eine Situation gebrachte, in der nur einer von uns beiden überleben kann“, hat sie als 18-Jährige zu ihrem Entführer gesagt. Sie hat recht behalten.



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