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Bergbaudrama

„Die Männer sind alle gut drauf“

Erstellt 09.09.10, 23:44h, aktualisiert 10.09.10, 16:01h

Der Psychologe Alberto Iturra betreut die in Chile eingeschlossenen Minenarbeiter. Die Männer seien gut drauf und zufrieden. Doch es gebe auch Probleme, wie zum Beispiel die andauernde Hitze, die Feuchtigkeit und die Dehydrierung.

Chile
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Die 33 Kumpel im Bergwerk sind in guter Verfassung. (Bild: dpa)
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Die 33 Kumpel im Bergwerk sind in guter Verfassung. (Bild: dpa)
Herr Iturra, mehr als einen Monat sind die 33 Kumpel jetzt in ihrem Minenverlies eingeschlossen. Wie geht es ihnen im Moment?

ALBERTO ITURRA: Sie sind gut drauf und zufrieden, sie sehen gerade Fernsehen. Allerdings haben sieben von ihnen Zahnschmerzen.

Das ist ja ungünstig...

ITURRA: Na ja, wir haben einen Zahnarzt vor Ort, der ihnen mit einer hochauflösenden Kamera in den Mund schaut, und dann muss es eben mit Antibiotika und Mundspülung gehen.

Wie und wie oft stehen sie mit den Männern in Kontakt?

ITURRA: Jeden Tag, meistens morgens nehmen wir Kontakt zu ihnen auf. Dann rede ich mit jedem einzelnen. Mein Eindruck ist, dass es jeden Tag besser wird. Sie dürfen nicht vergessen, dass die da unten ja nicht krank sind. Ich habe gelesen, dass jemand zur Vergabe von Beruhigungsmitteln und Drogen geraten hat. Das ist doch Quatsch. Die sind gut drauf mit ganz normalen menschlichen Stimmungsschwankungen.

Sie betreuen auch die Familien oder wirken als Mittler zwischen Angehörigen und Eingeschlossenen?

ITURRA: Jeden Abend um 19 Uhr geben wir den Angehörigen einen kompletten Bericht über den Zustand der Männer. Die Familien arbeiten sehr eng mit uns zusammen. Oft bitten sie uns, die Briefe der Männer zu analysieren, wenn ihnen eine Formulierung komisch vorkommt oder sie einfach wissen wollen, welche Rückschlüsse man auf ihre Stimmung ziehen kann. So gelingt es, uns ein recht wirklichkeitsnahes Bild der Lage zu zeichnen.

Gerade bei den Briefen hat es doch Verwirrung gegeben. Manche Männer sollen an mehr als an eine Frau Briefe schreiben.

ITURRA: Alle Minenarbeiter haben Frauengeschichten. In Chile haben wir einen Spruch, der geht so: Die Frau versteht nichts, die Geliebte aber alles (lacht). Drei oder vier der Kumpel haben Beziehungen zu anderen Frauen als ihren eigenen. Aber das wird hier alles sehr korrekt und ohne Stress gehandhabt. Neulich haben sich sogar Gattin und Geliebte nacheinander übers Bildtelefon mit ihrem Mann unterhalten. Es geht hier gerade um Wichtigeres.

Wie halten denn die Hierarchien in so einer extremen Situation?

ITURRA: Bisher halten sie, aber es ist eine latente Gefahr. Mit der Zeit und der Dynamik der Gruppe könnten neue Hierarchien aufkommen. Aber im Bergbau ist der Chef der Chef. Das bleibt dann eigentlich immer so, und wir passen auf und tun alles, damit das auch hier so bleibt. Wir versuchen die Kumpel zu beschäftigen, damit sie für die Gruppe arbeiten und nicht auf die Idee kommen, eine Revolution anzuzetteln.

In der Gruppe gab es einige Kumpel mit Alkoholproblemen. Wie geht es denn denen?

ITURRA: Das macht soweit keine Probleme. Der Entzug ist ja nun vorbei. Das dauert normalerweise um die zehn Tage. Das war schon erledigt, als wir sie geortet haben. Die haben jetzt andere Probleme wie zum Beispiel die andauernde Hitze, die Feuchtigkeit, die Dehydrierung. Wir müssen sehen, dass wir ihnen genügend zu trinken geben.

Haben Sie auch Anleitungen für das Worst-Case-Szenario, sollte die Rettung nicht klappen?

ITURRA: Die Rettung klappt, so oder so, da gibt es kein Vertun. Aber sonst haben wir Handlungsszenarien für alle Fälle, wir hoffen natürlich nicht, die in die Tat umsetzen zu müssen. Es geht vor allem darum, was im Moment der Rettung zu tun ist, wie die Reintegration anzugehen ist, wie wir die Familien betreuen. Wir machen uns eigentlich um alles Sorgen, und das den ganzen Tag.

Also nichts mit Acht-Stunden-Tag?

ITURRA: Ich habe einen 18-Stunden-Tag und schon sechs bis acht Kilo abgenommen. Ich bleibe hier, solange ich das körperlich mitmache. Uns alle schweißt das hier zusammen. Wenn einer verliert, verlieren wir alle.

Das Gespräch führte Klaus Ehringfeld



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