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Integrationsstreit

Sarrazins Buch wird zum Bestseller

Erstellt 26.08.10, 17:33h, aktualisiert 26.08.10, 17:33h

Thilo Sarrazin hat es geschafft: Sein umstrittenes Buch landet beim größten Internet-Buchhändler Amazon auf dem ersten Platz. Die Forderungen nach rascher Abberufung des Bundesbank-Vorstandsmitglied sowie seinem SPD-Ausschluss reißen derweil nicht ab.

Thilo Sarrazin
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Thilo Sarrazin. (Bild: dpa)
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Thilo Sarrazin. (Bild: dpa)
HAMBURG - Diesmal ist Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin mit seiner Migrantenschelte möglicherweise zu weit gegangen: Neben Grünen und Linkspartei verlangen nun auch Unions-Politiker seine Abberufung aus der Notenbank-Führung. Zugleich stehen in der SPD die Zeichen auf ein neues Parteiausschlussverfahren. Sarrazin wettert derweil weiter heftig gegen die Muslime in Deutschland.

Noch deutlicher als zuvor SPD-Chef Sigmar Gabriel legte am Donnerstag Generalsekretärin Andrea Nahles Berlins Ex-Finanzsenator nahe, die Partei zu verlassen: "Wer einzelne Bevölkerungsgruppen pauschal verächtlich macht und gegeneinander aufbringt, treibt ein perfides, vergiftetes Spiel mit Ängsten und Vorurteilen und hat mit den Werten und Überzeugungen der SPD rein gar nichts mehr zu tun." Sarrazin missbrauche "den Namen der SPD".

Der Interims-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Poß, pflichtete bei: "Nach allem, was geschehen ist, wäre es eine logische Konsequenz, wenn er sein Parteibuch zurückgeben würde."

Berlins SPD-Chef Michael Müller, in dessen Landesverband Sarrazin Mitglied ist, hält nach dem gescheiterten ersten Anlauf im Frühjahr ein neues Parteiausschlussverfahren für möglich. Es werde jetzt überprüft, ob es neue Anhaltspunkte gebe "und man sich dann auch juristisch auf diesem Wege trennt".

"In der Union hätte Sarrazin keinen Platz", stellte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), klar "latenter Rassismus ist mit christlichen Wertvorstellungen unvereinbar." Es stimme nachdenklich, dass NPD und DVU besonders laute Loblieder auf Sarrazin anstimmten. Polenz verglich Sarrazin mit dem niederländischen Rechtspopulisten und Islamfeind Geert Wilders.

Der Unions-Außenpolitiker befürchtet Schaden für das Ansehen Deutschlands: "Ich frage mich, wie lange die Deutsche Bundesbank dem noch tatenlos zuschauen will." Als Vorstandsmitglied bekleide Sarrazin ein hohes nationales Amt. "Wenn ein solch wichtiger Funktionsträger derart mit Vorurteilen, Unterstellungen und bösartigen Verallgemeinerungen operiert, wird auch das Bild Deutschlands im Ausland eingetrübt", sagte Polenz.

Eigene Versäumnisse vorgeworfen

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), warf dem Ex-Senator eigene Versäumnisse in der Zuwanderungspolitik vor. Sarrazin hätte in seiner Zeit im Berliner Senat "mit gutem Beispiel vorangehen" und mehr für die Integration tun sollen, sagte Böhmer der Nachrichtenagentur ddp. "Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen."

Hintergrund sind Äußerungen Sarrazins in seinem neuen Buch "Deutschland schafft sich ab", wonach er muslimischen Migranten vorwirft, sich nicht in die Gesellschaft integrieren zu wollen und mehr Kosten zu verursachen, als Nutzen zu bringen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich davon scharf distanziert.

Zumindest wirtschaftlich profitiert Sarrazin aber von der breiten öffentlichen Debatte über sein Buch, das am Montag erscheinen soll. Nach Vorbestellungen stand es beim größten Internet-Buchhändler Amazon am Donnerstag auf dem ersten Platz.

In neuen Auszügen, die die "Bild"-Zeitung am Donnerstag druckte, keilt Sarrazin erneut heftig gegen den Islam. In ganz Europa gebe es "mit guten Gründen" Vorbehalte gegen Muslime. "Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt, Diktatur und Terrorismus so fließend." Die muslimische Migrantengruppe sei besonders stark "mit Inanspruchnahme des Sozialstaats und Kriminalität verbunden". Die "zum großen Teil arbeitslosen männlichen Familienoberhäupter" vermittelten ihren Söhnen Vorstellungen von einer "jederzeit gewaltbereiten Männlichkeit".

Zugleich bemängelt er das "Heiratsverhalten". Nur drei Prozent der jungen Männer mit türkischen Migrationshintergrund in Deutschland heirateten eine Deutsche. Als Erklärung hat Berlins Ex-Finanzsenator (SPD) unter anderem parat: "Die 'besseren' deutschen Mädchen lassen sich nicht auf jemanden ein, den sie im Bildungssystem als 'Loser' wahrnehmen."

Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch mahnte: "Die Notenbank darf kein verantwortungsfreier Raum sein. Ein Spitzenbeamter, der Menschen aufhetzt, ist nicht akzeptabel." Ähnlich äußerte sich auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. (ddp)



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