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Zeitreisen (12)

„Tadellos in Beruf und Gesellschaft“

Von Marianne Kolarik, 27.08.10, 14:03h, aktualisiert 27.08.10, 14:30h

Unsere Autorin begibt sich auf eine Zeitreise in das Berlin der zwanziger Jahre. Sie trägt hier Bubikopf und zeigt reichlich Haut, begegnet Marlene Dietrich und Kurt Tucholksy und diniert mit Hugo von Hofmannsthal.

Marlene Dietrich
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Weiß, wie man unverwechselbar wird: Marlene Dietrich. (Bild: dpa)
Marlene Dietrich
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Weiß, wie man unverwechselbar wird: Marlene Dietrich. (Bild: dpa)
Der kleine Mann in Hut, Mantel und Handschuhen läuft unruhig im Flur auf und ab. Er wartet darauf, dass seine Frau mit dem Anziehen für eine Abendgesellschaft fertig wird. Es dauert. Ungeduldig geht er ans Klavier und spielt ein Lied - mit Handschuhen. Den Text dazu dichtet er auf der anschließenden Taxifahrt. Es heißt „Johnny“, sein Komponist Friedrich Hollaender. Er ist Jude, lebt in Berlin und wird später weltberühmt.

Ich stelle mir vor, in das wilde Leben der deutschen Hauptstadt einzutauchen, in die Zeit der „Goldenen Zwanziger“ des vergangenen Jahrhunderts, die Aufbruchstimmung zu erleben, ohne zu ahnen, was auf mich zukommt. Ich will das Treiben in Bars und auf Brettl-Bühnen genießen, Menschen wie Friedrich Hollaender und den Regisseur Max Reinhardt kennen lernen. Mich mit Kurt Tucholsky treffen, am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in die Premiere der „Dreigroschenoper“ gehen.

Ich werfe die Beine in die Luft und summe vor mich hin: „Ich bin die Marie von der Haller Revue, da dada da dada. . . “. Die Leute auf dem Kurfürstendamm drehen sich nach mir um, einige ältere Frauen schütteln den Kopf. Ist mir egal. Ich habe eine Einladung in der Tasche, von Fritzi Massary persönlich unterzeichnet, zu einem Abendessen bei ihr und ihrem Mann, dem Schauspieler Max Pallenberg, in deren gast- und trinkfreundlichem Haus alles verkehrt, was Rang und Namen hat: Ich würde zwischen den Schriftstellern Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar und dem Theatermann Max Reinhardt sitzen.

Prototyp der „neuen Frau“

Genau genommen beginnen die „Goldenen Zwanziger“ 1924, nachdem die Hyperinflation vorbei ist. Ich trage wie viele andere Frauen einen Bubikopf, habe meine Augenbrauchen bis auf einen dünnen Strich wegrasiert und zeige reichlich Bein und Rücken. Wenn ich besonders guter Dinge bin, ziehe ich mir lange Hosen an und greife zur Zigarettenspitze. Ich bin der Prototyp der „neuen Frau“, ein bisschen wie Irmgard Keuns Doris in „Das kunstseidene Mädchen“. Aber ich träume nicht nur von Glanz, ich besitze ihn - ich achte auf mein Äußeres und lebe nach dem Werbeslogan: „Die Frau von heute soll und muss ihr Leben selbst steuern. Sie kennt den Wert einer tadellos gepflegten Erscheinung in Beruf und Gesellschaft.“

An einem schönen Sommerabend mache ich mich sorgfältig herausgeputzt und ziemlich aufgeregt auf den Weg in die vornehme Eden-Bar, wo so berühmte Schauspieler wie Rudolf Forster und Marlene Dietrich sitzen und miteinander plaudern. Ich werde Marlene fragen, wie man ein Star wird. Sie sagt, man brauche dazu jemanden, der einen unverwechselbar mache, der ein Gesamtkunstwerk kreiere, das man bis in die Fingerspitzen ausfüllen müsse. Heute nennt man das coachen.

Ja klar, ich begaffe den Sündenpfuhl Berlin wie andere die Badenixen am Strand von Warnemünde. Ich gehe auf Transvestitenbälle und bin hin und weg von Josefine Baker im Bananenröckchen in der Nelson-Revue „Bitte einsteigen“. Ich besuche den Damenklub Pyramide, mische mich unter den Amüsierpöbel und schaue mir im „Wintergarten“ eine Varieté-Veranstaltung an. Und ich kaufe mir ein Billett für Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“ im mit blauen Tuch bespannten Keller des „Theater des Westens“. Dort treffe ich Joachim Ringelnatz, der eigentlich Hans Bötticher heißt und aus Wurzen in Sachsen stammt.

Gerade noch rechtzeitig für mich - nämlich 1929 - finden Albert Einstein und seine Frau Elsa in dem Dorf Caputh in der Nähe von Berlin ein Grundstück. Dass der berühmte Nobelpreisträger von 1921 über meinen Besuch besonders begeistert sein wird, bezweifle ich zwar. Aber meine Neugier ist stärker als die Scheu. Und siehe da: Als ich an einem Tag im August an der lauschig gelegenen Sommer-Residenz ankomme, empfängt mich das Paar mit offenen Armen. Wir trinken auf der Terrasse eine Limonade. Und anschließend machen wir mit seinem „20er Jollenkreuzer“ eine Fahrt über den See. Das werde ich nie vergessen.



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