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Bewerbungen

„Diskriminierung oft unbewusst“

Erstellt 31.08.10, 11:55h, aktualisiert 31.08.10, 13:15h

Fünf Firmen und eine Behörde testen ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren. Christine Lüders, aktuelle Leiterin der Berliner Antidiskriminierungsstelle des Bundes, im Gespräch mit Sarah Brasack.

Christine Lüders
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Christine Lüders.
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Frau Lüders, welche Personen werden bei Bewerbungen am häufigsten diskriminiert?

CHRISTINE LÜDERS: Vor allem Frauen mit Kindern, ältere Arbeitssuchende und Menschen nichtdeutscher Herkunft. Das stellen wir bei unseren Beratungen immer wieder fest. Wir wollen erreichen, dass zukünftig allein die Qualifikation eines Menschen ausschlaggebend ist.

Eine Studie besagt, dass ein türkisch klingender Name die Wahrscheinlichkeit um bis zu 24 Prozent verringert, einen Praktikumsplatz zu bekommen, Herrscht Rassismus in den Personalabteilungen?

LÜDERS: Nein, das glaube ich nicht. Das ist eher ein unbewusstes Aussortieren von Menschen, denen man unterstellt, dass sie die nötigen Qualifikationen nicht mitbringen.

Sie haben 30 Unternehmen für das Pilotprojekt angefragt. Warum haben nur fünf zugesagt?

LÜDERS: Die anderen Unternehmen sagten meist mit der Begründung ab, dass sie schon ganz gut aufgestellt seien.

Eine bequeme Ausrede?

LÜDERS: Ja, ich denke, das war für die Firmen einfacher, als sich einem Test zu stellen. Dabei hätten sie ja auch offenlegen müssen, wie sie ausschreiben. Wir freuen uns jedenfalls sehr über die Zusagen von vier großen Firmen. Auch ein kleines Unternehmen ist dabei, aus exemplarischen Gründen - und eine Behörde, das Bundesfamilienministerium.

Wie können Sie testen, ob die fünf Firmen durch das anonymisierte Bewerbungsverfahren weniger diskriminieren als vorher?

LÜDERS: Die genauen Untersuchungsmethoden werden gerade von unseren Forschungsinstituten entwickelt, die unser Projekt wissenschaftlich begleiten und bewerten. In drei Monaten, kurz bevor der Pilottest startet, können wir das genau sagen.

Die Arbeitgeberverbände waren nicht sehr erfreut über Ihre Ankündigung. Warum?

LÜDERS: Alle Menschen, denen man etwas Neues vorstellt, haben erst einmal Angst. Außerdem wird befürchtet, dass wir vorhaben, die anonymisierte Bewerbung gesetzlich zu verankern. Das wollen wir aber gar nicht. Deswegen verstehe ich die Aufregung überhaupt nicht. Ein Argument gegen die anonymisierten Bewerbungen ist oft der angebliche Bürokratieaufwand. Ich sage ganz klar: Den wird es nicht geben. Und wenn sich Unternehmenssprecher hinstellen und sagen, sie müssten doch das Alter und Geschlecht der Bewerberinnnen und Bewerber wissen, dann diskriminieren sie Menschen in dem Moment, wo sie das aussprechen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das 2006 in Kraft getreten ist, legt ja gerade fest, dass Bewerber nicht nach ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder ihrem Alter ausgesucht werden sollen.

Wenn Ihr Pilotprojekt eine Verringerung der Diskriminierung belegen sollte: Warum dann kein neues Gesetz?

LÜDERS: Ich glaube, man kann hier nur mit einem freiwilligen Umdenken arbeiten. Wenn die Methode überzeugt und es gute Beispiele dafür gibt, dann ziehen andere nach.

Was entgegnen Sie Kritikern Ihres Projekts, die sagen, dann fange die Diskriminierung eben erst in den Vorstellungsgesprächen und nicht schon beim Aussortieren der Unterlagen an?

LÜDERS: Wenn Menschen überhaupt erst einmal eine Chance haben, zu einem ersten Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, dann können sie ihre Qualitäten darstellen. Wenn jemand dann hervorragend ist, glaube ich nicht, dass er abgelehnt wird.

Gibt es denn schon eine deutsche Firma, die anonymisierte Bewerbungsverfahren praktiziert?

LÜDERS: Ich kenne keine Firma, insofern ist das für Deutschland Neuland. In Amerika ist das ja schon lange gang und gäbe, in anderen Ländern auch.

Sie sagen auch, in anderen Ländern gäbe es durchaus Erfolge mit der anonymen Bewerbermethode. Sind diese Erfolge wissenschaftlich gesichert?

LÜDERS: Ja. Es gibt zum Beispiel eine schwedische Studie, die belegt, dass Migranten und Frauen sehr viel häufiger zumindest zum Erstgespräch eingeladen wurden.

Was danach geschah, wurde nicht mehr erfasst?

LÜDERS: Zumindest Frauen haben es eher in die Endrunden des Bewerbungsverfahrens geschafft. Wir erhoffen uns, bei unserem Pilotprojekt vertiefte Erkenntnisse auch über Erfolge bei der Arbeitsplatzvergabe zu gewinnen.

Was würden Sie jemandem raten, der das Gefühl hat, bei seinen Bewerbungen diskriminiert zu werden?

LÜDERS: Jeder Mensch, der sich diskriminiert fühlt, kann sich bei uns beraten lassen. Wir haben dafür eine Hotline. Diese Beratung ist wichtig, denn Diskriminierung kann immer nur fallbezogen geklärt werden.



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