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GutenMorgenKöln

„Der Alltag entschleunigt sich“

Von Verena Schälter und Christoph Schmitt, 31.08.10, 21:51h, aktualisiert 01.09.10, 09:02h

Für die Muslime ist der Fastenmonat Ramadan nicht nur ein wichtiges religiöses Erlebnis, sondern auch kulturell und gesellschaftlich bedeutend. Sie begehen die Zeit auf ganz unterschiedliche Weise. Ein Besuch bei Kölner Muslimen.

Der Kioskbesitzer Mitat Özdemi
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Der Kioskbesitzer Mitat Özdemir. (Bild: Bause)
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Der Kioskbesitzer Mitat Özdemir. (Bild: Bause)
Köln - Seit 43 Jahren lebt Mitat Özdemir in Deutschland. Der gebürtige Türke ist Immobilienmakler und betreibt nebenbei ein Büdchen in der Bergisch-Gladbacher Straße. Ein junger Mann betritt den Kiosk und möchte einen Becher Kaffee, eine Frau kauft Schokolade - Arbeitsalltag im Büdchen, aber auch eine kleine Bewährungsprobe für Özdemir.

Es ist Ramadan, die muslimische Fastenzeit. Muslime, die sich für das Fasten entschieden haben, dürfen in diesem Jahr bis zum 9. September von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. „Ich brauche ungefähr zehn Tage, bis sich mein Körper daran gewöhnt hat“, sagt Özdemir. „Aber wenn man es wirklich will, schafft man es auch - alles Kopfsache.“ Für ihn ist der Ramadan in erster Linie eine Zeit des Nachdenkens. „Wenn ich faste, kommt das einer Verschnaufpause gleich. Ich mache mir Gedanken über das vergangene Jahr und erinnere mich daran, wie gut es mir tatsächlich geht“, sagt Özdemir. Er bekommt jedoch auch die „ökonomischen Folgen“ des Ramadan zu spüren: Die Einkommen bei vielen Händlern der Keupstraße sinken deutlich. Doch das stört den Büdchenbesitzer nicht. „Es geht auch darum, den Stress abzustellen und Energie gegen den Materialismus zu sammeln.“

Eine Zeit des Nachdenkens

Hakam Sukhni stellt sich mental auf die Fastenzeit ein, indem er Bücher über den Islam liest. Als Orientalistik-Student befasst er sich auch wissenschaftlich mit dem Thema. „Das Fasten ist aus mehreren Gründen von Bedeutung“, erklärt er. Einerseits sei der Ramadan ein wichtiges religiöses Ereignis, andererseits habe er auch eine große kulturelle Bedeutung. In dieser Zeit trifft man sich abends mit der Familie, Freunden und Verwandten und feiert gemeinsam nach Sonnenuntergang das Fastenbrechen. Auch Hakam Sukhnis Frau fastet mit. Sie ist keine Muslima, aber ihr gefalle der gesellschaftliche Aspekt des Ramadans.

Aus demselben Grund nimmt Ayse am Fastenbrechen des türkischen Vereins Ditib teil. Die 31-jährige Anwältin bezeichnet sich selbst als gläubig, aber sie kann aus beruflichen Gründen das Fasten nicht einhalten. „Spätestens am Nachmittag lässt die Konzentration nach, wenn ich den ganzen Tag nichts trinke, vor allem wenn der Ramadan auf den Sommer fällt. Dann bin ich meinen Kollegen einfach unterlegen.“ Auch Tuba H. ist beim Fastenbrechen der Ditib dabei. Sie findet es schön, mit Andersdenkenden zusammenzusitzen. Denn das Fastenbrechen sei eine Gelegenheit, nicht-muslimische Freunde einzuladen, um ihnen ihre Traditionen näher zu bringen.

Bewusst auf Dinge verzichten

In den zehn Minuten vor dem Essen wird das Durchhaltevermögen der Fastenden noch einmal richtig auf die Probe gestellt. Fladenbrot, Getränke, Käse, Oliven und Datteln stehen bereits auf dem Tisch. Dann kommen auch schon die Kellner und bringen die Suppe. Die dampfenden Teller stehen vor den Gästen, doch bevor das Essen beginnt, wird aus dem Koran zitiert und gemeinsam gebetet. Dann ist es endlich soweit: Damit sich der Kreislauf wieder an Nahrung gewöhnt, beginnen die Fastenden mit einer leichten Speise, etwa einer Suppe oder einem Salat. Erst danach gibt es den Hauptgang und - für viele Muslime ein Muss - die traditionellen arabischen oder türkischen Süßspeisen.

Manche Muslime übertrieben es aber auch, sagt Hakam Sukhni. Sinn des Fastens sei es nicht, sich die ganze Nacht „den Bauch vollzuschlagen“, sondern Verzicht und Enthaltsamkeit zu lernen. Der Ramadan sei außerdem keine Strafe oder Schikane, die Gott den Menschen auferlege. „Es geht vielmehr darum, sich in die Lage von Menschen zu versetzen, denen es nicht so gut geht“, sagt der Orientalistik-Student. Das sei nur möglich, wenn man selbst bewusst auf Dinge verzichte.

„Letztes Jahr waren wir während des Fastenmonats bei meinen Verwandten in Jordanien“, erzählt der Orientalistik-Student. „Da spürt man überall, dass Ramadan ist.“ In manchen islamisch geprägten Ländern verlagere sich dann das Leben auf die Nacht. „Der Alltag entschleunigt sich, dafür ist nach Sonnenuntergang was los“, so Sukhni. In Deutschland sei das natürlich anders. Hier liefen die Fließbänder wegen der Fastenzeit nicht langsamer. Doch meistens könne man sich arrangieren.



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