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Motivation

Lebe lieber leidenschaftlich

Von Claudia Lehnen, 03.09.10, 21:03h

Unsere Träume. Das, was wir wirklich wollen, geht oft verloren über einen Alltag aus Verpflichtungen und Terminen. Wir haben mit fünf Menschen gesprochen, die sich ihre Wünsche trotzdem erfüllt haben.

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Roland Meyer de Voltaire mit seiner Gitarre (Bild: Grönert)
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Roland Meyer de Voltaire mit seiner Gitarre (Bild: Grönert)
Asbest, Keller, Klick-Laminat, Teppichboden. Sunna Huygen hatte all das satt. Sie wollte Holz, sie wollte es schön. Sie wollte kein Fundament. Sie wollte Räder. Irgendwie haben sie die Räder beruhigt. Ihr Leben, es könnte auch woanders sein. Es kann sich entwickeln. Es muss nicht bleiben. Es kann sich hinbewegen, wohin die Sehnsucht es lockt. Die Tischlerin hat sich also ein Fahrgestell gekauft. Vier Doppelräder, eine Anhängerkupplung. „Ich war vier Jahre auf Wanderschaft und wollte endlich so etwas wie ein Zuhause. Aber eines, das ich mitnehmen kann." Die 29 Jahre alte Frau sitzt auf einem Holzhocker. „Pflaume", sagt sie. Und mit einem „Birne" nickt sie zur Küchenecke rüber. Das Holz, aus dem jetzt Möbel wurden, hat sie während ihrer Wanderschaft geschenkt bekommen. Es glänzt wie Honig, wilde Masern kriechen über die Türen. Aber die Möbel, die waren erst der Schlussakkord. Zuvor musste sie ein Zuhause bauen. 18 Quadratmeter mit allem, was man zum Leben braucht. Fast vollständig aus Holz.

„Das Anfangen war schwer. Ich hatte Angst, anzufangen", sagt die Frau, und ihr Gesicht, das kurz streng und unbewegt war, zerfällt in ein Lachen mit Grübchen. Rote Wangen, die Augen ganz schmal vor Vergnügen, ein goldenes Glöckchen im linken Ohr. Ein befreundeter Wandergeselle habe dann mit angepackt und aus dem Zaudern vor dem Start einen Beginn gemacht. „Es hat mir geholfen, dass einer sagte: Das finde ich gut, oder: Das würde ich anders machen", sagt Huygen. Innerhalb eines Monats haben sie „die Kiste dicht" gemacht. Boden, Wände, Dach und weiße Lasterplane drauf. Was kam, war Feinarbeit. Heute ist Huygen stolz auf ihr bestes Stück. Es ist das Größte und Schönste, was sie je selbst gemacht hat. Und sie hat schon vieles selbst gemacht.

Akteur sein im eigenen Leben. Nicht bloß zuschauen. Spuren hinterlassen, fasziniert sein, sich verlieren im Tätigsein. Warum gelingt so vielen das nicht? Warum ist da der Alltag? Ins Büro von neun bis fünf, danach Haushalt, Kinder, Toilettenspülung reparieren. Am Wochenende Verwandtschaftsbesuch, joggen, weil es die Figur erfordert oder zumindest die Gesundheit, Sprachen lernen, weil die Karriere sonst ins Stocken gerät, ein Buch lesen, weil man ja mitreden können muss. Das eigene Projekt. Das, was man wirklich will. Es kommt nicht von alleine. Man muss sich schon Gedanken machen. „Wenn Sie hundert Leute nach ihren Zielen fragen, dann sagen 90: Weiß ich nicht, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht", sagt Stefan Frädrich, Arzt und Motivationstrainer aus Köln.

Ohne Ziel gibt es aber auch keine Motivation, erst recht kein Ankommen. „Wer ein bisschen Autofahren will, kommt am Ende irgendwo raus. Wer nach Krefeld will, der achtet auf die Wegweiser, er selektiert und kommt am Ende auch in Krefeld an." Ein bisschen Rumkurven, so sieht das Leben von vielen aus. Dabei könnte jeder sein ganz persönliches Ziel finden, ansteuern und erreichen, davon ist Frädrich überzeugt. „Wir können Marathon laufen, einen VW-Käfer umbauen, Briefmarken sammeln." Reiten, Hunde züchten, ein Insektenhotel bauen, einen Beamer erfinden, ein Unternehmen eröffnen, Tauben schützen, Töpfern, Tanzen lernen. Für jeden was dabei.

„Irgendwann findet sich dann das Richtige“

Aber was herausgreifen aus der Wundertüte an Möglichkeiten, wenn es da so viele attraktive Angebote gibt? Für Huygen war die Sache klar. Alles hat sich entwickelt. Schritt für Schritt. Ein Wegweiser nach dem anderen. Nach dem Abitur entschied sie: Ich will was mit den Händen machen. Und als sie Wandergesellen kennen lernte, wusste sie: „Unterwegs sein und arbeiten, das ist die logische Art, dieses Land zu begreifen." Seine Menschen. Seine Natur. Sich selbst. Und als sie nach vier Jahren wieder ins Rheinland zurückkehrte, hatte sie vieles ausprobiert. Sie hatte gesucht. Suchen ist wichtig, sagt der Führungscoach Winfried Prost. Vor allem Kinder sollten dazu ermutigt werden Dinge auszuprobieren. „Wenn ein Kind Klavier spielen will und ihm nach zwei Monaten der Sinn nach Geige steht, dann sollten die Eltern kein Durchhalten, nicht gleich den Fleiß verordnen", sagt Prost. Beides zerstöre die innere Motivation.

Besser das Kind gleich im Kurs „Musikkarussell" anmelden und erst mal alles durchchecken lassen. „Irgendwann findet sich dann das Richtige. Und dann geht die Post ab." Huygen hatte vieles durchprobiert. Asbest, Keller. Klick-Laminat, Teppichboden, Wagenleben. Thüringen, Bayern, Niedersachsen. Am Ende blieben zwei Bedürfnisse und das Ziel, sie zu verbinden: Ein Zuhause haben und frei sein. Sie hat sich diesen Bauwagen in den Kopf gesetzt. Sie hat ihren Traum verwirklicht. Obwohl nicht alle Menschen in ihrer Umgebung applaudiert haben.

Ist auch gar nicht nötig. Wer ein Ziel hat, der muss seine Umwelt davon gar nicht überzeugen. Zumindest nicht ehe das Ziel erreicht ist, sagt Frädrich. „Wer Angst hat vor sozialer Zurückweisung, der hatte zu wenige Erfolgserlebnisse. Die kann ich mir aber nur selber holen. Indem ich meine Ziele verwirkliche. Wenn ich erfolgreich bin, sind die anderen automatisch überzeugt."

Perfektionieren macht glücklich

Roland Meyer de Voltaire macht Musik. Schon immer. Seit er denken kann. Wer ihn fragt, ob es noch eine andere Sache gibt, die ihm gefällt, der bekommt lange keine Antwort und dann ein verblüfftes Gesicht. „Da gibt es eigentlich nichts. Naja. Ich zwing mich auch mal, Schwimmen zu gehen." Der Sänger sitzt auf seinem winzigen Balkon und streift sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Vorne brausen die Autos direkt vor dem Fenster. Aber hier hinten im Hof ist es ruhig. In seinem Zimmer in der Wohngemeinschaft in der Nähe der Kölner Universität stehen fünf Gitarren, ein Klavier, ein Computer mit großen Boxen, ein Bett. Viel mehr ist da nicht. Ein rosa Frauenmund auf einer Zeitschrift unter dem Bett. Der Spruch „My Bubblegum is your Bubblegum". Alle Märchen von Hans Christian Andersen im Regal. Eine Job-Alternative? Das Lachen platzt dem 31 Jahre alten Musiker aus dem großen Mund: „Ich weiß nicht. Große Büros vergiften die Leute im Kopf. Und Musik ist eben mein Ding. Ich kann gut Gitarre spielen, ich habe eine gute Band, meine Eltern unterstützen das."

Er hat die Flächen seiner kleinen Hände aufeinander gelegt und berührt mit den Fingerspitzen seine Nase. „Auf der Bühne kann ich den Menschen etwas geben. Da erlebe ich Momente, die größer sind als die einzelnen Teile, größer als ich." Selbstvergessenheit. Der Trainer Frädrich beschreibt das als die normale Art des Seins, so wie es sein sollte. „Gucken Sie ein Kind an, wenn es einen Turm aus Bauklötzen baut. Es geht ganz in der Aufgabe auf. Es vergisst alles um sich herum. Dopamin wird ausgeschüttet." Glück. Das Dumme ist nach Meinung von Frädrich: „Wir wissen gar nicht mehr, was uns wirklich Spaß macht." Weil da der Job ist, für den wir uns mühsam motivieren, weil er uns ernährt, aber nicht weil die Beschäftigung in unserem Gehirn ein Feuerwerk abfackelt. Jeden Tag aufs Neue. Wer aber wie Meyer de Voltaire sein Hobby zum Beruf macht, der „darf zehn Stunden am Tag spielen".

Aber wie wissen, was die Dopamin-Dämme brechen lässt? Sich einfach Fragen stellen, empfiehlt Frädrich: „Was könnte ich den ganzen Tag spielen, ohne dass mir die Energie ausgeht? Was würde ich tun, wenn ich finanziell ausgesorgt hätte? Was, wenn ich wüsste, dass es auf jeden Fall klappt?"

Spannungsfeld von Suchen und Bleiben

Gitarre spielen. Singen. Komponieren. Für Meyer de Voltaire sind diese Fragen schon lange beantwortet. „Ganz normal", das ist der Titel seines besten Musikstücks, sagt er selbst. „Es ist ungewöhnlich, es hat keinen Refrain. Es kommt dann, wenn Worte nichts mehr sagen können." Suchen und Bleiben. In diesem Spannungsfeld lebt einer, der sich nicht mit dem herkömmlichen Alltag zufrieden geben wollte. Der seine Sache macht, Musik, singen, komponieren, die zweite CD, Auftritte. Kritiker, die Respekt zollen, ein paar glühende Fans, „aber wir sind nicht massentauglich". In „Ganz normal" singt Meyer de Voltaire von einem, der seinen Platz sucht. Einen Ort, an dem er bleiben kann. „Andererseits muss man natürlich aufpassen, dass man sich nicht beschneidet. Dass man sein Ziel nicht aus den Augen verliert. Man kann nicht unterdrücken, was man wirklich will. Irgendwann kommt es eh raus." Vor dem Fenster quietscht eine Straßenbahn vorüber. Grüne Wiese und Blumen sind dort aufgeklebt.

Aber nicht jeder muss ein Künstler werden.Nicht jeder kann das. Auch der Alltag im Büro, das Fensterputzen, die Arbeit eines Pizzabäckers kann herausfordern, vom Job zum Projekt werden. Alles eine Frage der Betrachtungsweise, meint Winfried Prost: „Wenn ich mein Leben als geschmeidigen Tanz sehe, dann putze ich die Küche mit einem positiven Gefühl." Zudem macht auch Perfektionierung glücklich. Und die alltäglichen Tätigkeiten immer ein Stück besser zu machen, kann zum perfekten Flow-Erlebnis führen. „Wichtig ist, dass man aufgeht in dem, was man tut", sagt Motivationstrainer Frädrich.

Nur der Vergleich mit sich selbst bringt weiter

Max Hoffs Flow stellt sich ein, wenn er morgens um sechs Uhr ganz alleine über das Wasser fliegt. Totenstille, nur das Wasser gluckert, wenn es vom Paddel weggedrückt wird. „Da gerate ich in einen Rauschzustand", sagt der 27 Jahre alte Kajak-Fahrer. Und: „Das ist das Leben, das mich glücklich macht." Es gibt Frauen, die sagen, sein bestes Stück, das wären seine Oberarme. Sie sind breit, die Muskeln bilden bewegliche Hügel unter der Haut. Hoff trägt nur ein blaues Muskelshirt, auch die Schultern sind gut zu sehen. Hoff taucht mit dem Paddel ins Wasser, holt es wieder hervor, nimmt die Tropfen mit, malt einen Strich aus Wasser in die Sommerluft auf der Regattabahn am Fühlinger See. Aber Hoff ist sein Körper eigentlich egal. „Ich mache den Sport, weil ich den Sport liebe, nicht weil ich darauf aus bin, einen tollen Körper zu haben." Sich mit anderen messen, aber auch mit sich selbst. Besser werden. Schneller. Er selbst als Konkurrent, das ist das, was ihn antreibt. „Der Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi: Amateure vergleichen sich mit anderen, Profis mit sich selbst", hat die Managementtrainerin Vera Birkenbihl mal gesagt. Nur der Vergleich mit uns selbst sei aber die Motivation, die uns weiterbringe, meint Frädrich. „Wenn ich die Note Zwei habe und denke: Da bin ich ja besser als mein Nachbar, der hat eine Drei, dann habe ich überhaupt keinen Grund, mich weiter anzustrengen. Die Einserkandidaten werden aber immer besser, weil es ihnen nicht reicht, die Besten zu sein. Sie wollen noch so viel mehr lernen und werden dadurch immer besser", erklärt Frädrich.

Sich einmal nicht mehr anzustrengen, das scheint für einen wie Hoff kaum denkbar zu sein. Nahezu jeden Tag, auch im Winter, trainiert er – dreimal am Tag. Seine Haare hat die Sonne ein wenig ausgebleicht. Er hat einen mächtigen Körper und das Gesicht eines Jungen. Noch besser sieht man das, wenn er seine weiße Sonnenbrille in die Stirn schiebt. Dann kneift er die Augen ein wenig zusammen, wenn er aus dem Boot zum Steg hinaufguckt. „Der geilste Moment ist, wenn ich ins Ziel komme. Wenn ich weiß: Es hat alles gut geklappt." Diesen Kick, den gab es zuletzt bei der Weltmeisterschaft im polnischen Posen. Über tausend Meter war er der Schnellste. Gold. Auch bei Olympia war er schon, dort ist er fünfter geworden. Auf dem Treppchen stehen, eine Medaille bekommen, das sei auch ein verrücktes Gefühl, aber wenn das Rennen gerade an seinem Ende ist, alles geschafft ist, aber die Anstrengung noch in den Muskeln steckt, dann sei der Rausch perfekt.

Kein Gedanke ans Scheitern

Es ist ungefähr zwanzig Jahre her, dass Olcay Krafft eine Entscheidung für ihre Passion getroffen hat. Eigentlich hat sie Grundschullehramt studiert. Den Eltern zuliebe. „Etwas Vernünftiges" und was bei derlei Gelegenheiten gerne von Eltern erwartet wird, wenn die Tochter sich in den Kopf gesetzt hat: Ich will Modedesignerin werden. Aber Olcay Krafft selbst hat an ihrem Berufswunsch nie gezweifelt. Parallel zum Lehramt hat sie Modedesign studiert, als Lehrerin hat sie nie gearbeitet. Wenn man die zweifache Mutter fragt, ob sie an Scheitern gedacht habe, sagt sie ohne einen Augenblick zu zögern, fast verwundert: „Ich habe nie einen Gedanken ans Scheitern verschwendet. Ich habe immer tolle Ideen. 24 Stunden reichen dafür gar nicht aus." Die Motivation war nicht Ehrgeiz, nicht der Wille zum Erfolg, sondern: „Liebe. Liebe schafft sehr viel". Krafft, die neben ihrem Label „Olcay Krafft Fashion" seit einiger Zeit auch die Ökolinie „AvantgardeGreen by Olcay Krafft Fashion" betreibt, kann auch nicht sagen, welches ihrer Kleidungsstücke ihr bestes Stück ist. „Alle Kleider sind meine besten. Es sind für mich Kinder, jedes hat seinen eigenen Charakter." Ein Plan für die Zukunft? Hat jemand nicht, dessen Gegenwart eine einzige Erfüllung ist. „Ich renne einfach", sagt Krafft.

Die Suche nach dem Glück, Neugier, Bewegungsdrang, Spiel, Lust, Harmoniesucht. Die Gründe für die Motivation können vielfältig sein. Mancher Theoretiker mutmaßt gar Angst dahinter, Trieb, Sex. Andere sehen die Motivation im Bedürfnis, soziale Anerkennung zu erhalten, sich selbst zu verwirklichen. Motive außen, Motive innen.

Die Freiheit im Kopf

Der Motivator im Bickendorfer Loft sitzt drinnen. Wie Hunger. Was Andrea Lucas und Britta Lieberknecht tun, schuldet sich nicht einer Anerkennungssuche. Zumindest vermitteln sie das nicht ihren Besuchern. Es ist eher ein inneres Bedürfnis, es ist eher Lust, was die beiden Frauen leitet. Was es auch immer ist, es kommt aus ihnen selbst. Es ist nicht Mittel zum Zweck. Lieberknecht und Lucas, die für ihr Theaterstück „Wo der Pfeffer wächst" den Kölner Kinder- und Jugendtheaterpreis gewonnen haben, sitzen am mächtigen Holztisch in einer Wohnung, die ohne Wände auskommt. Möbel verteilen sich so spärlich, aber bunt wie Konfetti, welche die Putzkolonne nach der Karnevalsparty in einer Schulturnhalle vergessen hat. Ein blauer Kinderschrank, eine grüne Kommode, gelber Turnboden, Metallbalken in Weinrot. Dass sie das tief in sich wollen, was sie tun, zeigt die Reaktion auf die Frage nach den Träumen.

„Träume?" Lucas denkt nach, guckt dann fragend zu der 49-Jährigen Lieberknecht gegenüber. „Wir sind erprobt realitätsnah", sagt die 45-Jährige dann. „Wir planen immer von jetzt auf das nächste Projekt." Und doch ist es nicht die Realität, die sie leitet, sondern die „Freiheit im Kopf, künstlerisch und nicht pragmatisch" an die Dinge ranzugehen. Ihr bestes Stück ist gerade „Wo der Pfeffer wächst", es ist immer das Stück, an dem sie zuletzt gearbeitet haben. Ihre Träume – die sind einfach schon Wirklichkeit.



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