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Loveparade

Noch immer im Tunnel

Von Petra Pluwatsch, 04.09.10, 18:45h, aktualisiert 04.11.10, 15:05h

Liliane, Robert und Debora kennen sich nicht, doch sie teilen ein Schicksal: Sie sind während der Loveparade fast zu Tode gekommen. Auch sechs Wochen später werden sie von den Erinnerungen an die Katastrophe verfolgt.

Kerzen und Blumen
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Kerzen und Blumen am Ort des Unglücks künden von Anteilnahme.(Bild: ddp)
Kerzen und Blumen
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Kerzen und Blumen am Ort des Unglücks künden von Anteilnahme.(Bild: ddp)
Irgendwann kommt der Moment, wo ich platze", sagt Liliane S., 42. "Dann kommt alles raus, wie bei einem Vulkan." Die Tränen, die sie nicht weinen kann. Die Schreie, die sie unterdrückt. Die Angst, die sie mühsam im Zaum zu halten versucht. "Ich bin wie eingefroren", sagt sie und zieht die Schultern hoch, als spürte sie die Kälte auch äußerlich. Die schmalen, blassen Finger umschließen eine Tasse mit heißem Tee aus Afrika. Gestern hat Liliane S. zum ersten Mal die Heizung in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung aufgedreht.

Knapp sechs Wochen sind vergangen, seitdem die Kauffrau aus Essen mit Freunden die Duisburger Loveparade besuchen wollte und dabei nur knapp dem Tod entkam. Seitdem ist das Leben der einst so lebensfrohen Blondine ein anderes geworden, und das, sagt sie, "macht mir Angst. Ich gehe nicht mehr ans Telefon, ich verlasse meine Wohnung kaum noch, ich will keine Leute treffen, ich meide Menschenansammlungen. Ich bin vom Wesen her komplett umgekehrt."

Nächtliche Alpträume

Dazu kommen Panikattacken, die ihr Herz zum Rasen und ihre Haut zum Schwitzen bringen. Nächtliche Alpträume, die sie das Erlebte immer wieder durchleiden lassen. "Ich will das alles nicht", sagt sie, und man spürt die Verzweiflung, die hinter solchen Sätzen steckt. "Wie lange bleibt das so? Zwei Wochen? Zwei Jahre? Es soll aufhören."

"Ich kriege keine Luft mehr" Eine Stunde währte an jenem verhängnisvollen 24. Juli der Überlebenskampf der Liliane S. Gegen 14 Uhr waren sie und drei Freunde auf dem Duisburger Hauptbahnhof angekommen. Zwei Stunden später schoben sie sich hinein in den Tunnel, an dessen Ende wenig später 21 Menschen den Tod finden sollten. Zusammen mit einem ihrer Freunde schlängelte sich Liliane S. weiter nach vorne, Richtung Rampe. "Wir kamen mittig raus, links war die Treppe, vor uns eine Absperrung, und dann wurde es plötzlich immer, immer enger."

"Ich kriege keine Luft mehr", röchelte eine junge Frau neben ihr und begann um sich zu schlagen. "Spar deine Kräfte, statt hier rumzubrüllen", habe sie ihr zugezischt, erinnert sich Liliane S. Heute tun ihr Sätze wie dieser leid. "Irgendwann machte sie nur noch »hp, hp, hp« und war weg", fährt sie fort, und jetzt kommen doch ein paar Tränen. Schnell wegwischen, rausgehen aus dem hell eingerichteten Wohnzimmer, bis das Brennen in der Kehle nachlässt. "Ich bin so erzogen: bloß keine Schwäche zeigen", wird sie gegen Ende des Gespräches sagen, fast so, als wollte sie sich dafür entschuldigen, selbst jetzt noch um Haltung bemüht gewesen zu sein.

"Ohne Hilfe packe ich das nicht mehr."

Auch sie selber, um viele Zentimeter kleiner als die Umstehenden, sei mehrmals weggesackt, referiert Liliane S. ein paar Minuten später nüchtern das Erlebte. Inzwischen hat sie einen Lageplan auf ein Stück Papier gezeichnet. Ein kleiner Punkt markiert ihren eigenen Standort kurz vor der Treppe. Irgendwann seien sie alle nach hinten gekippt, sagt sie. "Unter mir lagen zwei Männer. Der eine war tot, den habe ich später auf einem Foto wiedererkannt." Der andere versuchte immer wieder, sich mit einer Hand an ihrer Schulter hochzuziehen. Liliane S. "schubste die Hand weg, weil er mich immer weiter runterzog. Irgendwann hörte die Hand auf zu ziehen." Seitdem verfolgen sie Schuldgefühle. Würde er noch leben, wenn sie seine Hand nicht weggeschoben hätte? Hat er vielleicht sogar überlebt? Sie selber wurde schließlich von einem Ordner aus dem Menschenknäuel gezogen, übersät mit blauen Flecken. Schwere Prellungen und Quetschungen, diagnostizierte zwei Tage später eine Ärztin, dazu eine Schulterverletzung, die bis heute behandlungsbedürftig ist.

Liliane S. hat aufgehört, die Berichterstattung über die Loveparade zu verfolgen. "Das wirft mich zurück", sagt sie. Zweimal noch ist sie zum Karl-Lehr-Tunnel zurückgekehrt. Hat Blumen gekauft und ein Plakat gemalt, das seitdem am Absperrzaun vor der Rampe hängt. Hat die mitgebrachten Kerzen angezündet und der 21 Toten gedacht. Beim zweiten Mal ist sie zusammengeklappt und musste von Freunden nach Hause gebracht werden. Seitdem ist Liliane S. krankgeschrieben und sucht händeringend nach psychologischem Beistand. Sie weiß: "Ohne Hilfe packe ich das nicht mehr."

Allmählich erst zeigt sich das Ausmaß der seelischen Schädigungen all derer, die involviert waren in die Tragödie von Duisburg. Noch immer meldeten sich bei ihm Menschen, die dringend psychologische Hilfe brauchten, sagt Marco Hofmann, Pressereferent von "Regenbogen Duisburg". Der Verein zur Unterstützung seelisch Kranker richtete unmittelbar nach der Katastrophe einen Notdienst ein für alle, "die Zeuge der erschütternden Szenen bei oder nach der Loveparade geworden sind".

"Ich begriff nicht, was passierte"

"Zuhören ist das Wichtigste", so Hofmanns Erfahrung. "Manche wollen einfach nur über ihre Erlebnisse reden." Anderen Betroffenen ist das zu wenig. Er wisse von Fällen, die eine stationäre Behandlung notwendig machten, sagt Wolfgang Riotte. Der 71-Jährige ist als Ombudsmann der NRW-Landesregierung Ansprechpartner für die Opfer der Loveparade und steht ihnen bei finanziellen Fragen und im Umgang mit den Behörden bei. Er erwartet in den kommenden Wochen sogar eine erhöhte Nachfrage nach psychologischer Unterstützung. "Viele Menschen mit einem Trauma merken erst spät, dass sie Hilfe brauchen."

Debora Sch. etwa hat "vielleicht eine Stunde in dem Schlamassel gehangen, etwa fünf Meter von der Treppe entfernt". Vor zwei Wochen hat die Studentin aus Köln zum ersten Mal Rat bei einer Psychologin gesucht. "Ich sehe noch immer das Gesicht des Mädchens, das neben mir bewusstlos wurde", sagt die 22-Jährige. Vor ihr lag ein Mann auf dem Bauch. Debora Sch. ist "sicher, dass er tot war". Viel mehr möchte sie nicht erzählen von dem Tag, der sie "stiller, ernster und gläubiger gemacht hat".

Stiller, ernster und gläubiger

Ein junger Mann hat sie in letzter Minute aus der Menge gezogen, ihr Lebensretter, wie sie sagt. Später hat sie ihn gesucht, über StudiVZ und Facebook.: "Wer kennt den jungen Mann mit dem schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift »Turn me on« und den weißen Knöpfen drauf?" Irgendwann meldete er sich per Mail bei ihr. Inzwischen ist die Verbindung wieder abgerissen. Debora Sch. bedauert das. "Ich möchte mit dieser Person immer in Kontakt stehen", sagt sie. "Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich es nicht mehr lange geschafft."

"Ich begriff nicht, was passierte" Oder Robert K., 48. Seit fünf Wochen ist der Chemielaborant aus Duisburg krankgeschrieben. Ein erster Versuch, zurückzukehren ins Arbeitsleben, scheiterte kläglich. Panikattacken, das Gefühl, in eine Menschenmenge zu fallen, Enge in der Brust umschreibt er mit knappen Worten den Alptraum jenes Morgens, als er nach drei Wochen im Krankenstand seine Arbeit wieder aufnehmen wollte. Ein Gespräch mit ihm ist nur in einem Straßencafé möglich, wo keine Wände die Sicht begrenzen. In einem Internet-Blog schreibt er sich Tag für Tag seine Ängste von der Seele.

Robert K. erwischte der Schrecken jenes Tages beim Verlassen des Loveparade-Geländes. Er hatte Glück, konnte sich in letzter Minute über die Rampe zurück auf das Gelände retten. Da hievten Helfer bereits die ersten Bewusstlosen die "Todestreppe" hinauf, Ordner schrien von oben "Weg, weg!" hinunter in die Menge. Neben ihm rief ein Mann nach einem Sanitäter, ein anderer kletterte in Panik einen Laternenmast hoch. Robert K. wunderte sich noch, "dass die Polizei das nicht unterbindet" - fast muss er lachen über die Absurdität seiner damaligen Überlegungen.

Nicht zurückgekehrt an den Ort des Schreckens

"Ich habe zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht begriffen, was da passierte", muss er sich heute eingestehen. Mit dem Bus fuhr er gegen 18 Uhr nach Hause, ahnungslos, arglos ob der Katastrophe, die sich unmittelbar vor seinen Augen abgespielt hatte. Erst aus den Nachrichten erfuhr er, dass es Tote gegeben hatte auf der Loveparade, und brach zusammen.

Anfangs, sagt auch Robert K., habe er große Schuldgefühle gehabt. "Warum habe ich nicht gemerkt, was los war? Warum habe ich nicht geholfen?" Heute weiß er, dass "mein Gehirn das, was ich gesehen habe, nicht mehr verarbeiten konnte und auf Flucht geschaltet hat." So jedenfalls hat es ihm der Katastrophenseelsorger erklärt, an den er sich in seiner Not wandte. So erklärt es ihm die Psychologin, die er einmal pro Woche aufsucht.

Bislang ist Robert K. noch nicht zurückgekehrt an den Ort des Schreckens. Er wird das auch am heutigen Samstag nicht tun. Die Trauerzeit der Stadt Duisburg um die Opfer der Loveparade geht an diesem Tag offiziell zu Ende, der "Bürgerkreis Gedenken" hat dazu aufgerufen, bis zum Abend die "Trauergaben" aus dem Karl-Lehr-Tunnel einzusammeln. Sie sollen in einem Glaskubus gesammelt und dauerhaft an der Ostseite des Tunnels ausgestellt werden.

Auch das Schild von Liliane S. wird unter den Trauergaben sein. Darauf steht: "Ihr Mörder, ihr habt nicht nur viele Menschen getötet, sondern auch viele körperlich und seelisch verletzt." Liliane S. wird an diesem Tag ebenfalls zu Hause bleiben.



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