Von Stefan Sauer, 06.09.10, 15:44h, aktualisiert 06.09.10, 21:06h
Die nicht mehr ganz so neue Erkenntnislage hat nun auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen. Noch in diesem Herbst soll „die 16. Änderungsverordnung dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand angepasst“ und also die Ernährungsempfehlung für Diabetiker gestrichen werden. Allerdings will die zuständige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) großzügige Übergangsfristen gewähren, um „den betroffenen Unternehmen die notwendigen Umstellungen im Bereich der Kennzeichnung und Zusammensetzung der Produkte zu ermöglichen“. Bis 2013 soll der Diabetiker-Hinweis noch erlaubt sein, Restbestände länger haltbarer Lebensmittel aber auch später noch verkauft werden dürfen.
Derart lange Umstellungszeiten hält der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, für völlig unangemessen. „Die Produkte sollten und könnten ab morgen umetikettiert werden, die Abzockerei muss ein Ende haben.“ Um Abzockerei der Zuckerkranken nämlich handele es sich. „Die Produkte bieten den Diabetikern keinen Vorteil, manche sind sogar gesundheitsschädlich - aber teurer als normale Lebensmittel sind sie immer. Das ist Etikettenschwindel auf Kosten chronisch kranker Menschen.“ Daher seien die Übergangsfristen „nichts anderes als ein Erfolg der Lobbyisten, aber keiner für die mehr als sechs Millionen Diabetiker in Deutschland“, sagte Lauterbach.
Gesundheitliche Risiken durch Austauschstoffe
In der Tat spricht das BfR von gesundheitlichen Risiken, die von den speziellen Diät-Lebensmitteln für Diabetiker ausgehen können. So werde die Entstehung des „metabolischen Syndroms“, einer Kombination aus Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Insulinresistenz, durch den enthaltenen Fruchtzucker (Fruktose) begünstigt. Das metabolische Syndrom seinerseits stehe „in engem Zusammenhang mit Diabetes mellitus Typ 2“. In der Folge könne es vorzeitiger Arteriosklerose kommen. Größere Mengen Fruktose förderten zudem die Einlagerung von Fetten in der Leber, mithin zur Entstehung einer „nicht alkoholisch bedingten Fettleber“. Fazit: Die erhöhte Aufnahme des Zuckeraustauschstoffs Fruktose zeitige „ungünstige Wirkungen auf den Stoffwechsel“.
Überraschend kommt das BfR auch zu dem Ergebnis, dass die diätischen Lebensmittel sogar Fettleibigkeit begünstigen können. Die hohen Fruktose-Anteile etwa in Diätlimonaden beeinträchtigten die hormonelle Gewichtsregulierung und führten zu einer geringeren Ausschüttung des körpereigenen Leptins, das „Sättigungssignale“ ans Hirn sende. Die Folge: Die Botschaft „satt“ kommt daher nicht mehr an - und sogleich der Nachschlag auf den Teller.
Daher empfiehlt das BfR Maßnahmen, die weit über die Pläne von Ministerin Aigner hinausreichten.
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