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Kurt Westergaard

Das Leben nach den Karikaturen

Erstellt 09.09.10, 10:14h, aktualisiert 09.09.10, 10:18h

Der Karikaturist Kurt Westergaard wurde in Potsdam mit einem Medienpreis geehrt. Im Interview spricht er über den Islam, den er für eine unsympathische Religion hält, seine Mohammed-Zeichnungen und sein heutiges Leben im Schutz des Secret Service.

Westergaard Mohammed Preis
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Der Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard wurde mit dem M 100 Medienpreis ausgezeichnet. (Bild: dpa)
Westergaard Mohammed Preis
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Der Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard wurde mit dem M 100 Medienpreis ausgezeichnet. (Bild: dpa)
Herr Westergaard, wie ist der Alltag Ihres Lebens?

KURT WESTERGAARD: Es ist ein fast normales und ruhiges Leben. Auch wenn ich vom Secret Service rund um die Uhr bewacht werde. Was ich mache, tun auch meine Bodyguards. Nichtsdestotrotz sind sie froh, dass ich nicht im Winter in einem kalten See bade und zudem kein Nudist bin.

Es gab eine Zeit, da sahen Sie Ihre Familie nur zu Weihnachten.

WESTERGAARD: Das war in der ersten Zeit nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen. Der Geheimdienst hatte Informationen über einen Mord-Komplott gegen mich. Meine Frau und ich wurden daher an einen anderen Ort gebracht. Es war keine einfache Zeit.

Fühlten Sie sich als Märtyrer für die Pressefreiheit?

WESTERGAARD: Ich habe in der Zeichnung lediglich zeigen wollen, dass Terroristen ihre Legitimation für ihr Handeln vom Islam und aus dem Koran bezogen. Danach gab es die Angriffe gegen mein Leben. Zunächst war es ein ganz gewöhnlicher Cartoon, er erzielte eine Wirkung, die wir nicht vorhersehen konnten.

Wie ist ihr Bild vom Islam, haben Sie im Koran gelesen?

WESTERGAARD: Nein, ich habe nicht im Koran gelesen. Aber ich habe viele Bücher über den Islam studiert. Nach meinem Empfinden kann man den Islam nicht mit dem Christentum vergleichen. Es ist keine sympathische Religion, sondern in vielerlei Hinsicht eine reaktionäre Religion. So finden sich barbarisch strenge Strafen für Homosexuelle. Dennoch werde ich immer dafür eintreten, dass Menschen das Recht darauf haben, auch diese Religion auszuüben. Es ist mir äußerst wichtig, dies zu unterstreichen! Jeder hat ein Recht auf Religionsfreiheit.

Sind Sie gläubig?

WESTERGAARD: Auch wenn ich ein Atheist bin, kann ich mich nicht von meinem religiösen Hintergrund lösen und ich bin froh, dass es ein christlicher ist.

Im ZDF waren Sie in rot-schwarzer Kleidung zu sehen, der Tracht der Anarchisten...

WESTERGAARD: Ja, ja, das stimmt. Wenn man Karikaturen für eine Zeitung zeichnet, ist es immer hilfreich, in gewisser Weise ein Anarchist zu sein, für den jede Art von Autorität verdächtig ist. Dennoch bevorzuge ich ein vergleichsweise gewöhnliches Leben und zahle meine Steuern wie jeder andere auch.

Wie wichtig ist das Recht auf Meinungsfreiheit?

WESTERGAARD: Das ist ungeheuer wichtig. Unsere westlichen Demokratien zählen zu den besten Staaten in der Welt, weil sie die Meinungsfreiheit garantieren. Nur so kann man die Mächtigen kritisieren und kontrollieren.

Am 30. September 2005 wurden die Mohammed-Karikaturen in dem Jyllands-Posten gedruckt. Hat die Reaktion ihre Sicht auf die Welt verändert?

WESTERGAARD: Ja, ich bin nach den Reaktionen nicht mehr so tolerant. Es hat mich tief schockiert, zu erleben, was in New York am 11. September 2001 geschehen ist. Viele Menschen, die in Dänemark eingewandert sind, hatten nicht viel, als sie in das Land kamen. Dänemark hat ihnen viel gegeben. Bei uns gibt es viel mehr Freiheit für Moslems als in islamischen Ländern. Alles, was wir im Gegenzug von ihnen verlangen, ist, dass sie unsere Werte respektieren.

Zu diesen Werten sollten wir auch selbst stehen?

WESTERGAARD: Ich war enttäuscht über die Reaktionen aus der islamischen Welt, wie auch über einige dänische Intellektuelle. Es gab eine Selbstzensur. Man sieht sie nicht, sie spielt sich in den Köpfen ab. Wir wollen im September meine Memoiren veröffentlichen. Zunächst waren auch amerikanische Verlage interessiert, sie haben aber dann aus Angst abgewunken.

Wann kam die Buch-Idee?

WESTERGAARD: Es war mein Freund, der Journalist Flemming Rose, der die Idee hatte. Ich hatte zunächst kein Interesse. Ich weiß nicht, wie interessant es sein wird. Ich habe ein sehr gewöhnliches Leben geführt. Sicher, die letzten Jahre waren sehr dramatisch. Von muslimischer Seite gab es massive Bedrohungen. Und ein junger Somali versuchte mich Anfang 2010 in meiner Wohnung umzubringen.

Sie haben sich im Badezimmer verbarrikadiert.

WESTERGAARD: Der Secret Service hat meine Familie, meine Frau, meine Kinder und meine Enkel darauf vorbereitet. Sie haben uns genau gesagt, wie solche Terroristen handeln und was wir zu tun haben. Der Somali war mit einer Axt bewaffnet. Hätte ich versucht, gegen ihn zu kämpfen, wäre ich chancenlos gewesen. Meine fünf Jahre alte Enkeltochter Stefanie saß im Wohnzimmer, der Mann hat ihr nichts getan. Ich schloss mich im Badezimmer ein, das zugleich der Sicherheitsraum war, von dem aus ich den Alarm auslösen konnte.

Würden Sie den Cartoon noch einmal zeichnen?

WESTERGAARD: Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Was passiert ist, ist passiert. Ich habe diese Zeichnung gemacht und werde niemals vor den Konsequenzen davon laufen.

Gibt es eine europäische Identität im Gegensatz zur islamischen?

WESTERGAARD: Wir alle sind Menschen. Aber in Europa leben wir in säkularisierten Gesellschaften. Ich hoffe tief, dass wir unsere demokratischen Werte gegen die radikalen Züge des Islam aufrechterhalten. Unsere Gesellschaft ist sehr attraktiv.

In Deutschland führen wir eine aufgeregte Debatte über die Integration und den SPD-Politiker Thilo Sarrazin. Er glaubt, Muslime seien nicht intelligent genug und nicht integrierbar.

WESTERGAARD: Ja, ich habe davon gehört. Ich verstehe, dass Menschen Angst haben. Aber wir dürfen nicht hinnehmen, dass unsere Zeitungen in ihrer Entscheidung von Terroristen, Taliban oder anderen Radikalen beeinflusst werden.

Gibt es Angst vor dem Islam?

WESTERGAARD: Es gibt viele Menschen, auch hier in Dänemark, die Angst haben, über das Thema öffentlich zu sprechen. Wenn wir die Muslime kritisieren, wollen wir sie nicht ausschließen. Im Gegenteil, wir kritisieren sie so, wie wir es bei uns selbst, der Queen oder der Regierung tun würden. Wir nehmen sie sehr ernst. Wenn Muslime und westliche Menschen nicht einer Meinung sind, sollten sie darüber reden, in einer friedlichen Weise. Ich finde übrigens nicht, dass Dänemark weiter in Afghanistan kämpfen sollte. Die Menschen dort wollen unsere Werte nicht. Sie verstehen sie nicht.

Das Gespräch führte Michael Hesse.



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