Von Ulrike von Bülow, 09.09.10, 10:21h, aktualisiert 09.09.10, 21:02h
Und wie er wartete. Es war furchtbar windig im „Arthur Ashe Stadion", doch Roger Federer ließ das kalt. Er schlug trotzdem 18 Asse und spielte den schönsten Stopp, als er einen Breakball hatte. In den Pausen saß er auf seinem Stuhl wie ein Buddha, ganz entspannt, und am Ende gewann er 6:4, 6:4, 7:5. „Die Bedingungen waren so schlecht“", sagte Federer anschließend, „dass sie schon wieder Spaß gemacht haben.“ Es war ein Vergnügen, ihn zu beobachten. Und interessant war es sowieso. Denn man konnte das Spiel als Revanche begreifen - für die French Open, wo Söderling gegen Federer gewonnen hatte. Im Viertelfinale! Seither ist viel von Götterdämmerung im Tennisolymp die Rede, vom Ende der Ära Federer, und die Frage war oder ist auch hier in New York: Greift er noch einmal an, der Roger? Und straft er seine Kritiker Lügen, die sagen, er sei stehen geblieben in seinem Spiel, er werde demnächst überholt werden. Zum Beispiel von Rafael Nadal, der nach Siegen mit 14:7 gegen Federer führt.
Federer guckte ein bisschen sparsam, als er vor dem Spiel am Mittwoch auf den Kollegen Söderling angesprochen wurde: „Ich habe ihn in 12 von 13 Spielen geschlagen, ich wüsste nicht, warum mir das nicht noch einmal gelingen sollte“, sagte er. Das Blöde ist halt, dass von seinen 12 Siegen gegen Söderling niemand mehr spricht, von der einen Niederlage aber sehr wohl. „Seine Gegner gehen seitdem mit einem anderen Gefühl auf den Platz als früher, sie wissen: Roger ist zu schlagen“, sagt Brad Gilbert, der einst Andre Agassi trainierte und hier nun für das amerikanische Fernsehen den Analysator gibt. Federer sei „perfekt“, sagte die Altmeisterin Billie Jean King am Mittwoch, er schlage großartig auf und könne Punktgewinne langsam entwickeln, er spiele ein „elegantes, altmodisches Tennis mit einem modernen Körper und einem modernen Kopf“. Frau King sah verliebt aus wie die meisten Zuschauerinnen am Centre Court, aber auch Federer wird irgend wann einmal aufhören.
Roger Federer saß so hoch oben auf dem Tennisthron, dass er lange Zeit unerreichbar schien. Einer wie er fällt tief, und wenn es nur auf Platz zwei der Weltrangliste ist. Die Niederlage gegen Söderling beendete ja nicht irgendwas, sie beendete eine Rekordserie von 23 Halbfinalteilnahmen in Folge, die ihm bei Grand-Slam-Turnieren gelungen waren. Dann spielte Söderling sich auch noch ins Finale der French Open, wo er aber gegen Rafael Nadal unterlag, was dazu führte, dass Federer die Nummer eins der Weltrangliste an Nadal abgeben musste.
Rache nicht nötig
Seitdem, dumme Sache, fehlt ihm jene eine Woche, die er an der Spitze braucht, um Pete Sampras' Rekord von insgesamt 286 Wochen als Nummer eins einzustellen (oder gar zu brechen): Bei Federer stehen da insgesamt 285 Wochen in der Statistik. Und das wird selbst einen wie ihn wurmen, der längst der Rekordhalter im Rekordhalten ist. Roger Federer ist ja eine Art Guiness Buch auf Beinen, mit seinen 16 Grand-Slam-Titeln oder seinen fünf US Open-Titeln. Am Mittwochabend sah es aus, als könnte ein Sechster hinzukommen. So lässig spielte er. Ob er heute besonders zufrieden sei, Söderling geschlagen zu haben, wurde er hinterher gefragt. „Ach nein“, sagte Federer milde, „ich brauche keine Rache, um motiviert zu sein.“ Im Halbfinale am Samstag trifft er nun auf Novak Djokovic. „Wir sind uns hier in den vergangenen drei Jahren jedes Mal begegnet, und Novak kam nicht einmal an mir vorbei“, so Federer.
Warum sollte es ausgerechnet diesmal anders sein?
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