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Arzneimittel

Das Land der hohen Pillenpreise

Von Stefan Sauer, 14.09.10, 12:26h, aktualisiert 14.09.10, 21:12h

Die Kassen-Ausgaben für Medikamente sind 2009 um 4,8 Prozent auf 32,4 Milliarden Euro gestiegen. Deutschland ist ein Hochpreisland: Laut Experten seien Arzneien hier bis zu doppelt so teuer wie im übrigen Europa.

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Kostspielige Pillen: Die Arzneimittelpreise in Deutschland liegen laut des Arzneiverordnungs-Reports 2010 um 50 bis 100 Prozent höher wie in anderen europäischen Ländern. (Symbolbild: dpa)
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Kostspielige Pillen: Die Arzneimittelpreise in Deutschland liegen laut des Arzneiverordnungs-Reports 2010 um 50 bis 100 Prozent höher wie in anderen europäischen Ländern. (Symbolbild: dpa)
BERLIN - Mit dem Omelprazol-Präparat Omep wurde in Deutschland 2009 ein Umsatz von 182 Millionen Euro erzielt. Der Hersteller Sandoz hat dabei einen schönen Gewinn gemacht. Immerhin lag der Preis pro 100-Kapsel-Packung mit 60,46 Euro hierzulande 545,9 Prozent über dem in Schweden, wo das Omep 9,36 Euro kostete. Omep ist kein Einzelfall, wie Ulrich Schwabe, Herausgeber des Arzneimittelreports 2010, am Dienstag in Berlin anhand weiterer Beispiele belegte. So kosteten die 50 umsatzstärksten Nachahmer-Präparate (Generika) in Deutschland 2009 durchschnittlich doppelt so viel wie in Schweden. Für die 50 führenden patentgeschützten Medikamente lagen die deutschen Preise um 48 Prozent über den schwedischen.

Dabei, und dies betonte Pharmakologe Schwabe, sei der skandinavische Nachbar nicht wegen eines besonders geringen Preisniveaus zum Vergleich herangezogen worden, „sondern weil dort die Daten öffentlich zugänglich sind“. Die Ausgaben in anderen Ländern könnten mithin noch niedriger liegen.

Regulierung fehlt

Es scheint also nicht so kompliziert, Gründe für die extrem hohen Arzneimittelausgaben in Deutschland zu finden. Dass an Pillen und Kapseln zwischen Flensburg und Oberstdorf bestens verdient wird, liegt laut Schwabe an einer deutschen Besonderheit, die die gesetzlich Krankenversicherten und deren Arbeitgeber 2009 rund 9,4 Milliarden Euro kostete: „Deutschland ist neben Malta und Dänemark das einzige Land, in dem pharmazeutischen Unternehmen Preise für patentgeschützte Arzneimittel frei festlegen können. In allen anderen EU-Ländern werden die Preise reguliert.“ Diese Regulierung orientiere sich an internationalen Preisvergleichen, wobei Deutschland oftmals als Referenzland diene. Daher hätten die Pharmahersteller ein großes Interesse daran, die Preise auf dem hiesigen Markt besonders hoch anzusetzen - was wegen fehlender Regulierung problemlos möglich sei.

Der über 1000 Seiten starke Arzneimittelreport verdeutliche, dass nicht zuvörderst Ärzte, Patienten oder Apotheker für den starken Ausgabenanstieg der Arzneimittel verantwortlich seien, sondern eben die Pharmahersteller. „Unter vier Augen bezeichnen Branchenvertreter die Verhältnisse bei uns als paradiesisch“, berichtet der ehemalige Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und Mitglied des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Leonhard Hansen. Hauptkostentreiber sind von jeher wenige Arzneimittelgruppen mit patentgeschützten Präparaten. So stieg der Umsatz der patentgeschützten Produkte laut Report von 1,6 Milliarden Euro 1993 auf 13,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. „Sie erklären damit fast den gesamten Anstieg der Arzneimittelkosten in diesem Zeitraum“, so Pharmakologe Schwabe.

Dabei ziehen die Patent-Medikamente aber auch die Preise für nicht geschützte Präparate nach oben. „Für Generika werden 70 bis 80 Prozent des Preises für die Original-Arzneien verlangt, deshalb sind auch Generika in Deutschland extrem teuer“, weiß SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Sogar in der Schweiz sind Generika nach Schwabes Angaben billiger: „Viele althergebrachte Privilegien der Pharmaindustrie sollten abgeschafft werden.“ Wie das gehen könnte? Lauterbach schlägt eine „einfache Maßnahme“ vor: „Die Bundesregierung müsste die Preise nur auf dem durchschnittlichen europäischen Niveau festlegen, dann könnte die GKV jedes Jahr fast zehn Milliarden Euro sparen.“ Bis es soweit ist, steigen die Arzneimittelausgaben weiter. Nach einem Plus um 4,8 Prozent 2009 betrug die Steigerungsrate nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden der AOK Schleswig-Holstein und Mitherausgeber des Arzneimittelreports, Dieter Paffrath, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 4,6 Prozent. Erneut ein Milliardengeschäft.



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