Von Andreas Damm, 21.09.10, 21:18h, aktualisiert 23.09.10, 08:58h
Das Grand Theatre am People Square wirkt von außen futuristisch, von innen dagegen konventionell. Die meisten Zuschauer haben sich schick gemacht für diesen Abend. Wer sich ein Ticket für umgerechnet 30 bis 180 Euro leisten kann, findet auch das passende Kleidungsstück in der Garderobe. Im nahezu voll besetzten Saal sind ein halbes Dutzend Kameras aufgebaut, „Shanghai TV“ wird in dieser Woche alle vier Teile filmen.
Handy-Klingeln, Schnappschüsse, ein ständiges Hinundher: Vieles hatte das Ensemble gehört über Unsitten des chinesischen Publikums. Alles weit übertrieben, zumindest, was diesen Abend angeht. Die Menschen wirken vom ersten Takt an hochkonzentriert, und das wird sich in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden bis zum Schlussapplaus nicht ändern. „Ich habe noch nie erlebt, dass die Menschen hier so lange ruhig sitzen bleiben“, sagte eine junge Frau aus Deutschland, die in der 18-Millionen-Metropole arbeitet.
Damit die nicht ganz unkomplizierte Handlung um Wotan, Freia und den Nibelungen-Schatz besser zu verstehen ist, sind die Texte auf zwei Anzeigetafeln links und rechts der Bühne zu lesen - in chinesischen Schriftzeichen und darunter auf Englisch. Wagners Themen kommen an, die göttliche Geschichte von Macht, Gier, Verschwörung und Liebe berührt die Opernfans hier in der Volksrepublik; und besonders wohl in Schanghai, das sich in einem unglaublichen Tempo der Zukunft entgegenstreckt.
Kapellmeister Markus Stenz und das Gürzenichorchester gehen stark motiviert zu Werke. „Man spürt den Hunger der Menschen, diese Musik live zu erleben. Man merkt, dass der Funke überspringt“, sagt der Dirigent. Er sei überzeugt davon, „dass die Wagner'sche Musik sehr universell die Leute anspricht“.
Opernintendant Uwe Eric Laufenberg hat die erste Woche als „unglaublich“ erlebt. Die Zuschauer reagierten euphorisch - bis auf eine Ausnahme. Der „Siegfried“ musste die Erfahrung machen, wie brutal ein unzufriedenes Publikum hier sein kann, er wurde heftig ausgebuht. In dieser Woche wird jemand anderes die Rolle übernehmen.
Es sind gerade diese spontanen Bekundungen, „die ungefilterten Reaktionen“, von denen Stenz schwärmt: „Im ersten Akt Götterdämmerung hatten wir Applaus auf offener Szene. Das kam wie so eine Energiewelle, Gänsehaut pur.“ Der „Ring“ als deutscher Kulturbeitrag zur Expo, das ist ein Mammutprojekt. 315 Künstler halten sich nahezu einen Monat in China auf. Szenerie, Instrumente und Technik wurde in 30 Container verschifft. Mehrfach gab es Ärger mit den örtlichen Behörden, so war die Pyrotechnik erst zur Premiere einsatzbereit. Der Ring-Zyklus geht für Musiker an die Substanz, zumal in diesem subtropischen Klima. Etliche seien krank geworden, alle wollten sie weiterspielen, heißt es. „Der Applaus sorgt dafür, dass wir schmerzfrei sind“, sagt die 2. Violinistin Nathalie Streichardt.
In Köln, das unter einer schweren Finanzkrise leidet, war das Gastspiel in Schanghai und Peking politisch umstritten. Da Zuschüsse und Sponsorengelder nicht ausreichen, muss die Oper rund 800 000 Euro aus ihrer Betriebsmittelrücklage beisteuern. Laufenberg betont, dass es sich um eigene Gelder des Bühnenbetriebs handelt; und dass er gerade jetzt, da sich die Oper in einer besondere Situation befinde, derartige Investitionen für eine Selbstverständlichkeit halte.
Jinlin Zhang weiß nichts von den Diskussionen um die Kosten. Der Investment-Experte einer chinesischen Bank hat die Vorstellung im Grand Theatre genossen. Und wie so vielen anderen haben ihm zwei Gestalten besonders gut gefallen: der Zwerg Alberich und Fafner, der Riese. Shanghai ist eben eine Stadt der Extreme.
Ring in Shanghai
27.09.2010 | 04.34 Uhr | gwf-cook
Liebe(r) Swanson,
das es alles Geld kostet, wenn ein Gastspiel einer Oper oder eines Theaters geplant und durchgeführt wird, ist klar. Nur sollte…
Zutiefst berührend
25.09.2010 | 05.52 Uhr | AnWohnerin
ist die Reaktion der vor allem jungen chinesischen Zuschauer: sie rufen beim Applaus "Thank You" in den Zuschauerraum, erzählen uns mit Tränen in den…
Sparen
22.09.2010 | 12.23 Uhr | Swanson
Mussten für diese Aktion wieder Mittel aus dem städtschen Kulturhaushalt genommen werden? So etwas zieht doch kaum wirtschaftlich lohnenswerte…
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