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Islam-Streit

„Die Debatte hat etwas Verlogenes“

Von Harald Biskup, 13.10.10, 10:05h, aktualisiert 13.10.10, 10:41h

Der Verweis auf die christlich-jüdische Tradition entspringt keiner neu erwachten Sympathie für die jüdische Religion oder Kultur. Das Argument wird vielmehr gezielt als Waffe gegen zu viel Verbrüderung mit dem Islam eingesetzt.

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In Deutschland ist die Islamdebatte in vollem Gang. (Bild: dpa)
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In Deutschland ist die Islamdebatte in vollem Gang. (Bild: dpa)
Bis vor kurzem gehörte sie bloß zum Standard-Repertoire von Sonntagsreden - die Wendung von der „christlich-jüdischen Tradition“. Seit unser Staatsoberhaupt, katholisch und, soweit bekannt, in Maßen praktizierend, in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit konstatiert hat, inzwischen gehöre auch der Islam zu Deutschland, ist die Formel in sehr vieler Munde. Auch der Bundespräsident selbst hatte seinen Hinweis, der erwartbar für erheblichen Wirbel gesorgt hat, obwohl es sich um eine Zustandsbeschreibung handelt, in den christlich-jüdischen Kontext gestellt. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte.“

Während Christian Wulff die drei hierzulande praktizierten monotheistischen Weltreligionen - in sorgsamer Abwägung und durchaus abgestufter Rangfolge - als Faktum benannte, mochten ihm seine Kritiker nur mit Blick auf die jüdisch-christlichen Wurzeln (was historisch und religionsgeschichtlich korrekt wäre) folgen. Wo sich Wulff um vorsichtiges Einbeziehen des Islam (ohne Gleichstellung!) bemühte, erkannten seine Widersacher, dass sich die „christlich-jüdische Tradition“ hervorragend zur Abgrenzung eignet. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, beklagt, Wulff-Kritiker holten „propagandistische Phrasen aus der Mottenkiste, die den Eindruck erwecken, Deutschland stünde unmittelbar vor der Wahl zwischen Grundgesetz und Scharia.“

Vom CSU-Landesgruppenchef Friedrich bis zum Neuköllner SPD-Bezirksbürgermeister Buschkowsky - alle schwadronieren plötzlich von der „christlich-jüdischen Tradition“. Früher hätten sie in vergleichbarer Situation vermutlich das „christliche Abendland“ bemüht. Inzwischen wissen aber auch Konservative, dass das in unserer säkularisierten Gesellschaft nicht mehr gut kommt, weil es allzu sehr nach Kreuzzug schmeckt. Durch die Koppelung mit „jüdisch“ wirkt die Formel weniger kämpferisch, defensiver, mainstreamfähig. Der Hinweis auf das Wirken jüdischer Geistesgrößen ist in diesem Zusammenhang wohlfeil.

Warum ist ist die Rede von der „christlich-jüdischen Tradition“ neuerdings so populär? Weshalb wird sie auch von Atheisten und Agnostikern ganz selbstverständlich im Munde geführt? „Wir meinen mit unserer christlich-jüdischen kulturellen Prägung“, schrieb die Schriftstellerin Monika Maron im „Tagesspiegel“ , „ja nicht nur die Religion, sondern ebenso die Religionskritik und die Aufklärung.“ Und diese Prägung umfasse „nicht nur die Christen und Juden, sondern alle, die sich in dieser Kultur verwurzelt fühlen“.

So griffig sie sein mag, so problematisch ist die Formel bei näherem Hinsehen. Gewiss sind die Juden „unserer älteren Brüder“, wie Benedikt XVI. in der Kölner Synagoge ausführte. Von einem friedlichen, gar brüderlichen Miteinander kann, auch als Lehre aus Auschwitz, frühestens seit den 1950er Jahren die Rede sein. Und es ist bekannt, wie bedroht dieses zarte Pflänzchen durch Attacken vom äußersten rechten Rand bis heute ist. Führt man sich die jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung von Juden in Deutschland vor Augen - ganz zu schweigen vom organisierten Massenmord der Nationalsozialisten - hat die Berufung auf unsere jüdisch-christliche Geschichte in der aktuellen Debatte durchaus etwas Verlogenes. Hat sich das Christentum nicht spätestens seit der Reformation als vermeintlich aufgeklärt und fortschrittlich, als Antipode zur Religion der zivilisationsfeindlichen und barbarischen „Gottesmörder“ gesehen? Die angebliche Rückständigkeit des Judentums wurde geradezu zu einem Topos des christlichen Antijudaismus seit Martin Luther.

Wie man es auch dreht und wendet: Das Reden von der christlich-jüdischen Tradition entspringt keiner neu erwachten Sympathie für jüdische Religion oder Kultur. Vielmehr wird es gezielt eingesetzt als Waffe gegen zu viel Verbrüderung mit dem Islam. Gemeinhin nennt man so etwas Instrumentalisierung.



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