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Imam-Ausbildung

Aus den Hinterhöfen in die Hörsäle

Von Kerstin Meier, 15.12.10, 21:44h

An der Osnabrücker Universität lernen Imame die deutsche Kultur, Traditionen und Recht kennen. Osnabrück ist die bundesweit erste Uni, die diesen Weiterbildungskurs anbietet. Die Nachfrage nach den Plätzen ist enorm.

Bülent Ucar
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Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik, baut den Studiengang für islamische Theologie mit auf. (Bild: Hermann Pentermann)
Bülent Ucar
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Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik, baut den Studiengang für islamische Theologie mit auf. (Bild: Hermann Pentermann)
Männer mit langen Bärten, die in Hinterhof-Moscheen Hasspredigten schwingen: Das ist das deutsche Klischee von Imamen. Sie sprechen unsere Sprache nicht, sie wollen sich nicht integrieren. Aber warum sitzen sie dann hier?

30 von ihnen sind heute an die Universität nach Osnabrück gekommen, einige von ihnen trotz Winterwetter mehrere hundert Kilometer gefahren. Osnabrück ist die bundesweit erste Universität, die eine Weiterbildung speziell für Imame anbietet. Die Kurse finden alle drei bis vier Wochen als Blockseminare statt. Die Teilnehmer müssen sich dafür frei nehmen. Entweder an ihrer Moschee, oder - wenn sie ehrenamtlich als Imam oder Seelsorgerin arbeiten - in ihrem Job.

Abdul-Jalil Zeitun hatte es nicht weit - der 63-Jährige ist Imam an der „Ibrahim Al-Khalil Moschee“ in Osnabrück. Geradezu überschwänglich spricht der gebürtige Syrer über das spät erwachte Engagement der Bundesregierung für die islamische Theologie. Denn die Weiterbildung für Imame ist in Osnabrück nur der Anfang: Hier wird gerade ein Studiengang für islamische Theologie aufgebaut - finanziert mit Millionen aus Bundesmitteln. Abdul-Jalil Zeitun ist sich sicher: Das kann kein Zufall sein. Schließlich sei Osnabrück als Friedensstadt bekannt und der Bundespräsident höchstselbst hier geboren. Mit dem Abdul-Jalil Zeitun sich, wie er stolz bemerkt, schon „des öfteren“ unterhalten hat. Und dann war auch noch eine seiner ersten Amtshandlungen öffentlich zu verkünden, dass der Islam zu Deutschland gehört! Abdul-Jalil Zeitun strahlt. Sarrazin-Debatte? Schlechte Stimmung? Von wegen! „Gucken Sie sich doch mal um“, sagt er und zeigt auf seine Kommilitonen. 90 Anmeldungen gab es für die Weiterbildung, Platz war nur für 30. „Mich haben schon Bekannte gefragt, ob ich nicht über Beziehungen noch was machen kann“, sagt Abdul-Jalil Zeitun.

"Ein guter Entertainer"

Heute steht Jura auf dem Lehrplan. Professor Reiner Tillmanns ist aus Köln gekommen, um etüber Religionsfreiheit und den Islam im öffentlichen Recht zu dozieren. Normalerweise lehrt er an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. Jetzt schauen ihn die versammelten Imame erwartungsvoll an - und eine Hand voll Frauen, die als Seelsorgerinnen in einer Moscheegemeinde arbeiten. Es geht ums Abwägen von Rechtsgütern - wild gestikulierend wiegt Tillmanns die Religionsfreiheit in der einen, den Tierschutz in der anderen Hand. Beim Schächten wiegt die Religionsfreiheit schwerer - Tillmanns geht federnd in die Knie. Aber wie ist es, wenn muslimische Eltern ihre Tochter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen wollen? Was, wenn die Nachbarn sich beschweren, dass der Muezin zu laut ruft? „Er ist ein guter Entertainer“, flüstert eine Frau mit Kopftuch ihrer Sitznachbarin zu. Für heute ist Tillmanns fertig. „Beim nächsten Mal“, kündigt er an, „beschäftigen wir uns damit, ob man sagen darf, dass Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer.“

Die meisten verlassen fluchtartig den Raum - sie wollen trotz Schneegestöber noch irgendwie nach Hause kommen. Achmed Sami bleibt da - abends gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema „Religion in den USA und in Deutschland“, die er sich anhören will. Vor acht Jahren, ist er aus Marokko gekommen, um in einer Gemeinde in Herne als Imam zu arbeiten. Inzwischen predigt der 31-Jährige zweisprachig - auf arabisch für die Älteren, auf Deutsch für die Jüngeren. Formulierungen wie „pluralistische Gesellschaftsordnung“ gehen ihm flüssig über die Lippen. „Es ist wichtig, die Geschichte und die Traditionen des Landes zu kennen, in dem man lebt“, sagt er. Deswegen wünscht er sich, dass es in Deutschland bald mehr Angebote wie das Osnabrücker gibt - und er findet es gut, dass nun die Imame direkt an der Universität ausgebildet werden sollen, anstatt dass man sie wie bisher aus dem Ausland importiert.

Argwohn vor dem „Islam light“

So sieht das auch Bülent Ucar. Der Professor für islamische Religionspädagogik baut den neuen Studiengang in Osnabrück mit auf. Die Politik, die Medien, alle interessieren sich im Moment für Ucar und die Arbeit seines Instituts. Er ist ein bisschen müde. Aber er freut sich natürlich über die Chance für seine Universität. Und erzählt über die Pläne, mit dem Imamen den Landtag in Hannover und den Bundestag in Berlin zu besuchen. Auch ein Konzentrationslager und das jüdische Museum stehen auf dem Plan. „Ohne die Geschichte dieses Landes zu kennen, kann man beispielsweise die Positionierung der deutschen Gesellschaft zum Judentum überhaupt nicht verstehen“, sagt Ucar.

Der 33-jährige formuliert vorsichtig. Es gibt „Sensibilitäten“, sagt er. Einige islamische Vereine beäugen den Aufbau der Imam-Ausbildung in Deutschland kritisch. Will man ihnen einen „Islam light“ unterjubeln? Ucar ist an einer guten Zusammenarbeit mit den Moscheegemeinden gelegen - dort sollen die in Osnabrück ausgebildeten Imame schließlich später arbeiten. Heute seien viele Imame „mit dem Körper in Deutschland aber mit dem Geist in den Herkunftsländern“, sagt er. Die meisten kämen aus dem Ausland, blieben drei bis vier Jahre und gingen dann wieder zurück. „Doch wenn sich die Imame in ihren Gemeinden abschotten, haben sie objektiv nicht die Voraussetzungen, auf die Mehrheitsgesellschaft zuzugehen.“ Zu denen, die sich vom Rest der Gesellschaft absondern, gehören die 30 Teilnehmer der Weiterbildung auf keinen Fall. Und wenn der Aufbau der neuen Studiengänge gelingt, werden immer mehr in Deutschland ankommen -- mit Körper und Geist.



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