Erstellt 20.04.11, 14:51h, aktualisiert 20.04.11, 14:55h
Doch der FC lässt mich nicht. Tick-Tick, Tick-Tick. Das war das Signal, das im Januar 2009 mitten in der Nacht in einem Hotelzimmer in Kalifornien neben meinem Kopf ertönte, um mir die brühwarme Nachricht anzukündigen, dass Lukas Podolski beim FC einen Vertrag bis 2013 unterschrieben hat. Seitdem hat es bestimmt ein paar Tausendmal Tick-Tick, Tick-Tick gemacht. Deshalb dachte ich mir nichts dabei, auf dem Weg zum Strand. Ich las die SMS. Und denke seitdem an fast nichts anderes mehr. Sogar am Strand.
Therapeutisches Schreiben
Frank Schaefer hört im Sommer auf. Der Schock sitzt ähnlich tief wie 1990 die Nachricht, dass der FC Christoph Daum entlassen hatte. Insgeheim hatte ich zwar damit gerechnet, dass Frank Schaefer - der Trainer, der uns die Illusion schenkte, der FC könne vielleicht auch einmal so eine unwahrscheinliche Saison spielen wie Hannover oder Mainz - genug haben könnte von dem Intrigentenstadl, in dem er täglich arbeiten muss. Aber dass es mir dpa per SMS im Urlaub mitteilen würde, fünf Tage vor dem Spiel beim VW-Werksclub, das hat mich getroffen. Betrachten Sie das was ich hier tue, deshalb bitte nicht als humorvollen Umgang mit einer Katastrophe oder als preußische Pflichterfüllung. Es ist therapeutisches Schreiben.
"Ich werde wegen einer Klatsche im Derby nicht hysterisch", habe ich vor zwei Wochen beim FC-Stammtisch gesagt. Dazu gab es auch keinen Grund, denn wir hatten 35 Punkte und ich habe in mehr als 20 Jahren Fan-Märtyrium wahrlich schlimmeres erlebt. Wer in der Zweiten Liga zu Hause eine Klatsche gegen Fortuna Köln ertragen hat, der behält in einer normalen Krise die Ruhe.
Ein Name, der Angst macht
Doch seit dem Tick-Tick, Tick-Tick auf dem Weg zum Strand bin ich hysterisch. Und verzweifelt. Weil wir immer noch nur 35 Punkte haben, weil alle Hoffnung auf eine unwahrscheinliche Saison Marke Hannover oder Mainz vernichtet ist - und weil ein Name als Schaefer-Nachfolger die Runde macht, der mir den Schlaf raubt.
Ich habe SMS an alle Menschen geschickt, deren Handynummer auf meinem Privathandy gespeichert ist und die irgendwas tun könnten, um zu verhindern, was mich nun, da die Hoffnung vernichtet ist, in blanke Panik stürzt. Keiner dieser Menschen wird irgendwas dagegen tun können, aber ich klammere mich trotzdem an sie. Doch das, was ich schreiben muss, muss ich leider selbst schreiben. Es geht um Michael Skibbe, den Mann, der angeblich Frank Schafer beerben soll. Und, ja, ich gebe es zu: Ich will das nicht.
Vorweg etwas, das ich absolut ehrlich meine: Ich hege keinerlei persönliche Abneigung gegen Michael Skibbe. Er hat mir vor Jahren, als er noch Bundestrainer war, mal ein sehr freundliches Interview über seine Beziehung zu Israel gegeben. Er war unkompliziert, nett und geduldig. Ich glaube sogar, dass Michael Skibbe ein guter Trainer ist. Soweit ich das überhaupt beurteilen kann. Aber ich glaube, dass er derzeit auf fatale Weise absolut nicht zum 1. FC Köln passt. Dafür gibt es keine Beweise, natürlich nicht, aber drei sehr starke Indizien.
Auf all seinen bisherigen Trainerstationen ist Skibbe gelobt worden, doch immer wurde er entlassen, nachdem er das, was mit der von ihm trainierten Mannschaft möglich war, knapp nicht möglich gemacht hatte. Für den 1. FC Köln würde das bedeuten, knapp abzusteigen.
Auf all seinen Stationen hatte man das Gefühl, dass da einer über Skibbe steht, wie Völler, Holzhäuser, Bruchhagen, der am Ende das letzte Wort haben würde. Beim 1. FC Köln würde das bestenfalls bedeuten: Finke. Der Mann, der öffentlich die Reputation von Frank Schaefer zerstörte, indem er ihn als religiösen Trottel hingestellt hat. Schlimmstensfalls wäre der Obermufti: Overath.
Was soll erst mit Poldi werden?
Regelmäßig hatte Skibbe zudem - vielleicht als Kompensation, als Gegengewicht zum Image, eine Marionette zu sein - Stress mit jenen Spielern, die im Verein oder bei den Fans hohen Stellenwert genossen. Also mit Stars. In Dortmund mit Häßler, der nebenbei ein FC-Held ist. Zuletzt in Frankfurt mit Amanatidis. Der Mann, der unfassbar arrogant in der Pressekonferenz vier-, fünfmal hintereinander auf verschieden formulierte Fragen zum Thema Amanatidis "Er spielt keine Rolle mehr" sagte und jedesmal danach betont gelassen einen Schluck aus der Kaffeetasse nahm, war nicht der nette Bundestrainer Skibbe, der ein Interview über sein Verhältnis zu Israel gab. Dieser Mann war ein arroganter Gernegroß, der einen Spieler öffentlich abservieren wollte und nicht merkte, dass er sich gerade selbst abschoss. Zwei Wochen später spielte Amanatidis doch wieder eine Rolle und einen weiteren Monat später war Skibbe arbeitslos. Beim 1. FC Köln warten Novakovic, Podolski und Mohammad. Drei Stars, drei Diven - und im Gegensatz zu dem alternden Stürmerimmitator in Hessen sind sie auch noch von sportlicher Relevanz für den Verein.
Kurz: Skibbe und der FC, das kann nicht klappen. Ich wünsche Michael Skibbe von Herzen, dass er nächste Saison den HSV oder sogar den FC Chelsea übernehmen kann, aber ich flehe ihn und meinen Club hiermit an: Nicht hier, nicht jetzt, nicht das.
Diese Aussage geht weit, sie ist nicht lustig gemeint, sie steht mir nicht zu - und ich verbinde sie deshalb mit einer persönlichen Konsequenz. Ich höre im Sommer mit dem Bolzplatz auf. Es hat nichts mit Religion zu tun. Ich will einfach nicht mehr. Ich will nicht über den FC schreiben, wenn er von jemandem trainiert wird, gegen den ich vorher so eindeutig Stellung bezogen habe. Egal, ob ich recht behalte oder ob Skibbe uns zur Meisterschaft führt. Und sollte doch jemand anders Trainer werden - Vorschläge: Büskens, Hyballa, Wollitz - dann will ich nicht übrig bleiben, so als hätte meine Kolumne Skibbe verhindert (was ich mir nicht im Traum einbilde, aber in Köln ist man mit Verschwörungstheorien bekanntermaßen etwa so schnell bei der Hand wie in Teheran oder Tripolis).
Außerdem sollte diese Kolumne zwischen dem Kölner und dem Gladbacher auf Augenhöhe stattfinden. Und Keller steigt ab.
Lieber TK,
21.04.2011 | 18.29 Uhr | Lenny89
auch wenn es vielleicht keine Facebook-Gruppe mit 10.000 Mitgliedern geben wird wie für Frank Schaefer, so muss ich doch sagen, dass ich mir wünsche,…
Wie immer eine schöne Kolumne
21.04.2011 | 16.06 Uhr | Kada
Super wie immer. Das mit Skibbe sehen die meisten FC-Fans genauso. Aber Tobias, wir fänden es wirklich sehr schade, wenn Du ab Sommer nicht mehr…
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