Von Andreas Morbach, 18.05.11, 20:25h, aktualisiert 19.05.11, 10:06h
Gattin Chantal verstehe „mittlerweile richtig viel von Fußball“, erzählt der Borussen-Coach: „Sie hat mir auch schon ein paar Spiele aufgezeichnet.“ Den finalen, reichlich nervösen Liga-Auftritt des VfL gegen Pokalfinalist Duisburg (3:1) inspizierte Favre am Sonntag aber persönlich. Und mit den frischen Eindrücken und dem gesammelten Video-Material zog er seine Spieler am nächsten Tag zu einer einstündigen Theorieeinheit über den zähen Brocken VfL Bochum zusammen.
Favoritenrolle für Gladbach
Die Favoritenrolle bekommt sein Team dank der imponierenden Aufholjagd in der ersten Liga von allen Seiten zugewiesen, Monsieur Akribie dagegen spricht von einem Duell auf Augenhöhe. „Die Chancen stehen fünfzig fünfzig“, betont der Mann aus dem Kanton Waadt und erläutert seine Ansichten: „Bochum ist sehr gut organisiert, aggressiv und konterstark. Das wird ein hartes Stück Arbeit für uns.“ Das vermutlich härteste Stück Arbeit dürfte der 53-Jährige mit dem Erreichen des drittletzten Platzes in der Bundesliga trotzdem hinter sich haben. Denn so ganz klar war der Auftrag des 53-Jährigen ja nicht umschrieben, als er sich Mitte Februar aus freien Stücken auf das sinkende Schiff Borussia Mönchengladbach begab. Der Rauten-Klub galt damals, was zu Saisonbeginn noch undenkbar schien, als erster Fix-Kandidat für den Abstieg. Favre, weniger als Notfallspezialist denn als langfristiger Planer bekannt, sollte den verfahrenen Karren prinzipiell wieder flott machen und naja, vielleicht auch irgendwie den Retter spielen.
Mit seiner strategischen, ruhigen und uneitlen Art ist der 24-malige Nationalspieler auf die Schnelle erstaunlich weit gekommen. „Wir haben in den letzten Wochen eine sehr gute Serie hinter uns gebracht, aber wir sind noch nicht am Ziel“, bremst Favre die Euphorie rund um den Borussia-Park, der heute bis auf den letzten seiner 54057 Plätze gefüllt sein wird – und ließ sich anlässlich des Showdowns um das letzte zu vergebende Bundesligaticket einen simplen Vergleich einfallen: „Relegation ist wie Europa-Cup.“
„Relegation ist wie Europa-Cup“
Auf den Verlierer des Duells wartet mindestens ein aufreibendes, kampferfülltes Jahr im Fußball-Unterhaus. „Egal wie – wir müssen die Klasse halten“, fordert Gladbachs Angreifer Mike Hanke, der persönlich bei seinen Last-Minute-Rettungen mit Hannover und Wolfsburg bereits drei Mal glücklich dem Abstieg entgangen ist.
Hankes Entfesselungskunst ist nichts gegen den Rekord von Friedhelm Funkel, dem Trainer von Gegner VfL Bochum. Mit Uerdingen, Duisburg, Köln und Frankfurt feierte Funkel bereits fünf Aufstiege. Gegen Gladbach könnte der gelernte Großhandelskaufmann das halbe Dutzend voll machen. „Einmal wäre vielleicht ein Zufall. Aber bei fünf Aufstiegen bin ich so selbstbewusst zu sagen, dass auch der Trainer seinen Anteil daran hat“, sagt Funkel. Auch für seinen Klub würde eine beachtliche Serie weiter gehen. Sechs Mal stiegen die Stehaufmännchen von der A 40 ab, doch jedes Mal gelang Bochum bislang die direkte Rückkehr in die Bundesliga. Diesmal aber hängt die stolze Quote am seidenen Faden. Trotz der 37 Punkte, die das fußballerisch limitierte Ensemble in der Rückrunde gesammelt hat. Zumal die Häufigkeit, mit der Bochum – nach miserablem Saisonstart – viele wichtige Partien erst in der Nachspielzeit entschied, wohl einmalig in der Geschichte des deutschen Fußballs ist.
„Hintertür für Bundesligisten“
„Ich hätte“, gesteht der gebürtige Neusser, der mit inzwischen über 1100 Spielen als Trainer und Spieler in Deutschlands obersten beiden Ligen im September Otto Rehhagel als Rekordhalter ablöste, „schon lieber gegen eine Mannschaft gespielt, die zuletzt nicht so erfolgreich war.“ Und im übrigen ist der ganze Relegations-Wettbewerb dem 57-Jährige ein Dorn im Auge. „Mit diesen Spielen“, mäkelt er , „hat man den Bundesligisten eine Hintertür geöffnet.“
So bleibt als Lohn des unbändigen Willens und der für Funkel-Mannschaften typischen Zähigkeit statt des direkten Aufstiegs eben nur die Chance, den Gladbachern als „Underdog“ (VfL-Sportchef Thomas Ernst) eins auszuwischen. „Natürlich ist Borussia Favorit, aber auch Außenseiter können eine Überraschung landen“, findet Funkel.
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