Von Susanne Hengesbach, 17.06.11, 10:06h
Aufgrund der Zufallsbegegnung vor dem Haus kannPetra Maria Runge ihre Recherche beenden. Sie hat nun Gewissheit, seit Jahren in der Wohnung einer von den Nazis vernichteten Familie zu wohnen. Zwei Brüder – Adi und Martin Bader – überlebten den Holocaust zwar. Aber auch ihre Geschichte ist und bleibt die einer zerrissenen Kindheit.
Adi Bader, der seinen im Ausweis vermerkten Vornamen Adolf nie benutzt hat, kam 1931 zur Welt, war also noch ein kleiner Bub, als die Engelbertstraße sein Zuhause wurde. Da seine Mutter bei seinerGeburt starb, verbrachte er die erste Zeit im Heim. Erst als sein Vater Fritz– wie in der jüdischen Tradition üblich – die ledige Schwesterder Verstorbenen geheiratet hatte, fügte sich wieder eine Familie zusammen: Adi Baders beiden älteren Brüder Martin und Georg, Stiefmutter Regine und schließlich Kurt als vierter Bruder.
Konkrete Bilder vom Leben in der Wohnung hat der heute 80-jährige Uhrmachermeisternicht. Aber er weiß noch genau, dass er damals unbedingt über die Balkonbrüstung schauen wollte, sich hochreckte und dabeimit dem Fuß auf einen kochend heißen Lappen trat, der eine Waschbütt abdeckte.
Länger werden die Erinnerungsstücke erst ein paar Jahre später. Aber da ist Adi bereits fort von seinem Zuhause und ahnt nicht, dass er vier Mitglieder seiner Familie nie mehr wiedersehen wird. Der Vater, die Stiefmutter und der kleine Kurt liegen in einem Massengrab bei Minsk, Bruder Georg wurde in Auschwitz ermordet. Dabei war es den jüdischen Eltern zunächst gelungen, drei ihrer Söhne in Sicherheit zu bringen, während sie selber mit dem jüngsten in Köln zurückblieben und auf eine Fluchtmöglichkeit hofften. Martin konnte 1939 über Triest nach Palästina weiterreisen. Georg und Adi wurden unabhängig von einander „per Rheindampfer nach Belgien geschmuggelt“.
Tochter ging auf Spurensuche
Dass Adi Bader die Stationen der jahrelangen Odyssee – sein Untertauchen bei einer katholischen Pflegefamilie,Heimaufenthalte und schließlich sein Versteck im belgischen Kloster – genau benennen kann, verdankt er im Wesentlichen seiner 1967 geborenen Tochter Ruth, die das Schweigen in der Familie beendete. Anders als ihre drei älteren in Deutschland lebenden Brüder beschloss Ruth Bader im Alter von 30 Jahren, nach Australien auszuwandern.
Als sie vor etwa sechs Jahren einmal zu Besuch kam, stellte sie ihrem inzwischen wieder in Köln wohnenden Vater Fragen und begab sich auf Spurensuche. Auf der Basis von Dokumenten und den Erzählungen insbesondere ihresOnkels Martin in Israel schrieb sie das Buch „Kölsche Jonge“, durch das Adi Bader überhaupt erst die ganze Geschichte erfuhr. Er, dem schon als Kind eingeimpft worden war, dass „Plaudern gefährlich“ ist und man sich niemandem anvertrauen darf, hatte „mit den Kindern nie über die Vergangenheit gesprochen“.
In erster Ehe heiratete Bader eine junge Frau, die gemeinsam mit ihren Eltern das KZ Theresienstadt überlebt hatte. Aufgrund seines persönliches Verlustes war es sein ausdrücklicher Wunsch, ein Mädchen „ähnlichen Werdegangs“ zu ehelichen. Seit 2003 ist Adi Bader mit einer Nicht-Jüdin verheiratet undnoch immer als Uhrmachermeister tätig. Sich jemandem zu offenbaren, fällt ihm immer noch nicht leicht. Auf die Frage, was ihm das Buch seiner Tochter bedeute, sagt er lediglich mit einem Lächeln: „Es ist ein Stein für sie selbst, wenn ich nicht mehr bin.“
Petra Maria Runge wiederum empfindet es als Geschenk, mit Adi Bader in Kontakt gekommen zu sein und diesem ungemein bescheidenen und liebenswürdigen Herrn ihre/seine Wohnung öffnen zu dürfen. Am Sonntag werden Bader und seine drei Söhne bei ihr zu Gast sein, wenn Schauspieler Bernt Hahn im Rahmen des Festivals „Literatur in den Häusern der Stadt“ aus „Kölsche Jonge“ liest.
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