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Pressefreiheit

Demokratie Marke Schalke 04

Von Tobias Kaufmann, 20.06.11, 09:47h, aktualisiert 22.06.11, 09:47h

Bei der Mitgliederversammlung des FC Schalke wurden Medienvertreter per Mehrheitsbeschluss des Saals verwiesen. Clubvertreter nennen das „Demokratie”. Eine gefährlich falsche Rechtfertigung. Anstoß – der Kommentar

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Medienvertreter wurden von der Versammlung ausgeschlossen. (Bild: dapd)
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Medienvertreter wurden von der Versammlung ausgeschlossen. (Bild: dapd)
Journalisten, die des Saals verwiesen und von Wachpersonal sogar vom Gelände geführt werden, sowas gibt es neuerdings beim FC Schalke. Am Sonntag mussten die akkreditierten Medienvertreter nach 90 Minuten die Mitgliederversammlung des Bundesligisten verlassen. Sie durften die Veranstaltung nichtmal mehr auf Bildschirmen vor dem Versammlungsraum verfolgen. So hatte es eine Mehrheit der anwesenden Schalke-Mitglieder beschlossen. Und ihre Club-Oberen damit in eine peinliche Situation gebracht.

„Das ist Demokratie” sagte Schalke-Boss Clemens Tönnies wohl deshalb lapidar. Das aber ist ein fundamentaler Irrtum. Nicht alles, was per Mehrheitsbeschluss zustande kommt, ist demokratisch. Der Stadtrat von Gelsenkirchen könnte auch mit Mehrheit weder beschließen, dass ab morgen Fans von Borussia Dortmund nicht mehr Busse und Bahnen der Stadt betreten dürfen, noch könnte er per Akklamation einfach Clemens Tönnies seine Fleischfabrik wegnehmen.

Die Pressefreiheit ist ein Grundrecht. Sie gehört damit zu jenen Prinzipien unseres Zusammenlebens, die unabhängig vom kurzfristigen Willen der Mehrheit fortbestehen, ganz zu schweigen von einer zufällig gebildeten Abstimmungsgemeinschaft wie der Mitgliederversammlung des FC Schalke 04. Tönnies' Erklärung schadet in ihrer schlichten Falschheit den Werten einer demokratischen Gesellschaft enorm. Sie darf deshalb nicht unwidersprochen im Raum stehen. Vielleicht weiß Tönnies es einfach nicht besser – schließlich wird Schalke ja von Gazprom gesponsert, jenem Energiekonzern, den der lupenrein demokratische russische Staat kontrolliert.

Blutgrätsche gegen geladene Gäste

Im Gegensatz zu dem demokratietheoretischen Exkurs ist der Akt an sich, der Verweis aus dem Saal, eher unwichtig. Der FC Schalke 04 hat Hausrecht bei seiner Mitgliederversammlung und kann natürlich beschließen, dass diese Veranstaltung die Öffentlichkeit nichts angeht. Ob das angemessen ist, wenn man bedenkt, dass der Club die Bereinigung seiner existenziellen Finanznot der öffentlichen Hand verdankt und seine Einnahmen zu einem großen Teil dank öffentlicher Aufmerksamkeit inklusive hoher – teilweise gebührenfinanzierter – Fernsehgelder erzielt, ist eine Geschmacksfrage. Und natürlich ist es eine Frage der Höflichkeit, ob man Gäste, die an einem Sonntag extra nach Gelsenkirchen kommen, einfach rausschmeißt. Die Journalisten hatten sich ja nicht heimlich in den Saal geschlichen. Sie waren vom FC Schalke eingeladen worden und hatten sich eigens akkreditiert. Das heißt: Sie mussten dem Club nachweisen, dass sie Journalisten sind und zum Zweck der Berichterstattung zur Versammlung kommen. Und, anders als bei Gerichtsprozessen oder Ausschuss-Sitzungen, wurde offenbar eben nicht von vornherein kommuniziert, dass es einen öffentlichen und einen internen Teil der Veranstaltung geben wird. Auch das wäre ja ein möglicher Weg gewesen. Die Mehrheit der Schalke-Mitglieder im Saal hat sich am Sonntag alles in allem extrem unsportlich gegenüber ihren Gästen verhalten. Tönnies' Versuch, diese Blutgrätsche als legitimen Körpereinsatz umzudeuten, setzt noch einen oben drauf. Denn Tönnies fand den Beschluss nicht richtig, musste ihn aber mit Rücksicht auf die Mehrheit verteidigen. Und tat es extrem ungeschickt.

Bevor dieser Umgang mit der Öffentlichkeit (den es schon einmal bei einer JHV des HSV gab, allerdings unter viel turbulenteren Bedingungen) Schule macht in der Bundesliga – es gibt ja in jedem Club mitunter höchst interessante Mitgliederversammlungen – sollten die Journalisten, die gemeinhin über Schalke berichten, vielleicht auch mal so richtig unhöflich werden. Demnächst soll bestimmt wieder ein neuer Spieler auf Schalke sein Trikot in die Kamera halten. Da könnten die akkreditierten Journalisten doch spontan beschließen, zu einem anderen Termin zu gehen. In ein Kinderheim, zu einem Jugendfußballturnier – irgendwohin, wo man sich freut, dass die Öffentlichkeit Notiz nimmt. Vielleicht in Dortmund.

* Anm.: Da sich die Debatte einzig um meinen Einstiegssatz zu drehen und sie vollends zu vergiften drohte, habe ich den Vergleich mit der NPD entfernt. Ich wollte mit diesem Vergleich verdeutlichen, in welch fragwürdige Gemeinschaft die Mitgliedermehrheit sich mit ihrem Votum, die Presse von der JHV auszuschließen, meines Erachtens begibt. Nicht in meinem Sinne und von mir zu keinem Zeitpunkt gewollt war jedoch die Interpretation, dass ich die NPD und Schalke 04 gleichsetzen würde. Schalkes Beschluss gegen Rechtsextremismus im Stadion, der in dieser Art vorbildlich war in der Bundesliga, ist mir bekannt. Insofern nutze ich die Möglichkeiten des Internets gerne, den Satz zu ändern und diesen Kritikpunkt vieler Leser auszuräumen. Dass es neben einer Unsportlichkeit auch den Atem von kleinkariertem, intoleranten und damit undemokratischen Geist trägt, eine Berufsgruppe kollektiv von der JHV auszuschließen, nur weil einem Teil der Mitglieder die Berichterstattung durch einzelne Vertreter dieser Berufsgruppe nicht passt – diesen Vorwurf erhalte ich allerdings aufrecht. T.K.



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