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Lucien Favre

„Bei Reus ist es wie auf der Playstation”

Erstellt 07.09.11, 15:19h

Lucien Favre hat als Trainer den Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach in der vergangenen Saison in letzter Minute vor dem Abstieg gerettet. Nach vier Spieltagen steht die Borussia auf Platz fünf.

Lucien Favre
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Lucien Favre (Bild: Reuters)
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Lucien Favre (Bild: Reuters)
Frage: Herr Favre, Mike Hanke hat zuletzt gesagt, in Gladbach entstehe etwas Großes. Haben Sie mit der Borussia auch Großes vor?

Lucien Favre: Ja, ja, sie kennen ja die Spieler. (lacht) Ich bestätige noch einmal: Wir waren letzte Saison am Ende Tabellen-16. Es war extrem schwer gegen Bochum. Es war zwar kein Glück, aber extrem schwer. Das darf man nicht vergessen. Das ist die Realität. Und deswegen müssen wir um jeden Punkt kämpfen - von Anfang an.

Frage: Realität ist aber auch, dass Borussia in Ihrer Amtszeit mehrere Schritte nach vorne gemacht hat?

Favre: Ja, aber das sind zwei verschiedene Situationen für mich. Im Abstiegskampf ging es in jedem Spiel um Leben oder Tod. Jetzt ist es eine neue Saison, das können wir ja nicht miteinander vergleichen.

Frage: Was ist Ihnen denn lieber: So eine Situation wie in der letzten Saison oder jetzt von Null zu beginnen?

Favre: Das ist egal für mich. Wenn du im Winter anfängst, hast du weniger Zeit. Du musst sofort an Details arbeiten, sofort die Mannschaft, die Spieler korrigieren. Aber nach einem Monat war die Mannschaft fast bereit, nach meinem Konzept zu spielen.

Frage: Mussten Sie da einen kleinen Crash-Kurs machen? Man kennt das ja von Ihrer Arbeit, der Erfolg stellt sich normalerweise nach gewisser Zeit ein. In Mönchengladbach hat es ja recht schnell funktioniert.

Favre: Es hat sehr, sehr schnell funktioniert. Wir haben von Anfang an sehr hart gearbeitet. Nicht konditionell, 90 bis 95 Prozent der Übungen waren mit dem Ball. Und das haben die Spieler sehr, sehr gut gemacht. Sie haben sehr schnell verstanden, was ich genau wollte.

Frage: Dafür braucht man ja auch intelligente Spieler. Haben Sie die in Gladbach?

Favre: Ja, die Spieler haben schnell kapiert, was ich genau wollte. Das hat der Mannschaft und mir sehr geholfen. Die Mannschaft ist sehr aufnahmefähig.

Frage: Können Sie denn das Wort „Konzepttrainer“ noch hören?

Favre: Ich bin ja jetzt alles. Ich bin Feuerwehrmann. Ich bin langfristiger Trainer. Mittelfristiger. Kurzfristiger. Aber nein, ich bin kein Konzepttrainer. Ich habe mich sehr schnell an die Qualität der Mannschaft adaptiert. Und ich habe sofort in der Realität gearbeitet. Wir sollten sofort so schnell wie möglich punkten. Und das haben wir sehr schnell hinbekommen. Das war unglaublich. Und das war eine super Erfahrung, muss ich sagen.

Frage: Und wie erleben Sie die Situation jetzt?

Favre: Wir haben gut angefangen. Wir erspielen uns schon mehr Torchancen und das ist ein wichtiger Schritt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir mit der gleichen Mannschaft spielen. Das heißt, dass es eine schwere Saison wird. Wir haben uns entschieden, im Rahmen unserer Möglichkeiten, junge Spieler zu verpflichten. Wir haben aber noch enorm viel zu tun.

Frage: Was denken Sie denn, wie der moderne Trainer aussieht? Es gibt ja jetzt viele junge Trainer, die nachrücken.

Favre: Es hat sich im Fußball viel verändert. Früher waren die Trainingseinheiten und die Motivation wichtig, heute muss man als Trainer mit den Spielern viel mehr sprechen, individuell und im Kollektiv. Im Training selber hat sich nichts Wichtiges geändert, aber man hat mehr zu tun als vor 30 Jahren.

Frage: Es wird ja heute viel Wert auf den technisch-taktischen Bereich gelegt. Hat sich da unter den Trainern in Deutschland, aber auch international, eine neue Generation entwickelt?

Favre: In Spanien zum Beispiel sind die Trainer sehr beeinflusst vom FC Barcelona, aber besonders von Rinus Michels und Johan Cruyff. Für mich hat Cruyff fast alles vorbereitet in Spanien. Und Spanien ist Weltmeister und Europameister geworden wegen dieser Spiel-Philosophie. Ich habe 1993 zwei Wochen bei Cruyff hospitiert. Schon damals hat er flach spielen lassen. Es ist einfach, das jetzt zu sagen, aber damals hat niemand darüber nachgedacht. Es ist wichtig, flach zu spielen, weil es für den Spieler, der den Ball bekommt, leichter ist. Meiner Meinung nach wird Barcelona noch lange da bleiben, wo sie sind. Der FC Barcelona ist ein Vorbild für mich und für alle.

Frage: Glauben Sie, dass es ein Trend ist, junge Spieler einzusetzen? Oder, um es auf Borussia zu beziehen: Wird da eher die Not zur Tugend gemacht?

Favre: Wissen Sie, das geht schnell. 2008 hat Borussia Dortmund Jürgen Klopp verpflichtet. Damals hatte der Verein einen Plan. Sie wollten eine Mannschaft aufbauen, die mittelfristig wieder um den Titel mitspielt. Und das haben sie hervorragend gemacht.

Frage: Es gibt mit Reus und ter Stegen ja auch einige Spieler mit Potenzial in Gladbach. Muss es denn immer das Los eines Vereins wie Borussia sein, solche Spieler abgeben zu müssen? Kann man nicht versuchen, die mittelfristig, beispielsweise über das europäische Geschäft, an den Verein zu binden?

Favre: Dortmund hat zum Beispiel, bis auf Sahin, alle Spieler halten können. Aber man kann Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund im Moment natürlich nicht miteinander vergleichen, das ist klar. Reus und ter Stegen sind junge Spieler mit Potenzial. Vor drei Jahren waren alle Vereine an Reus interessiert, als ich in Berlin Trainer war, waren wir auch an ihm interessiert. Was er in seinem Alter alles schon geleistet hat, ist unglaublich. Das ist wie auf der Playstation mit ihm manchmal. Aber er hat natürlich auch noch zu tun, muss an sich arbeiten. Er ist 22, da ist das ganz normal.

Frage: Sie haben zuletzt gesagt, dass Sie schönen Fußball lieben. Was ist für Sie ein schönes Fußballspiel? Haben Sie lieber ein 1:0, bei dem die Mannschaft nach Ihren Vorstellungen spielt oder ein 4:3, bei dem viele Abwehrfehler passieren?

Favre: Das ist mir ganz egal, wichtig sind die drei Punkte. Aber Schritt für Schritt muss man guten Fußball spielen, mehr Torchancen bekommen. Aber du brauchst Zeit und Geduld. Meine Philosophie ist Bewegung, technische Bewegung. Und man braucht Schnelligkeit, aber Schnelligkeit muss man interpretieren. Die braucht man bei der Ballannahme und auch im Lauf. Viele Mannschaften spielen heutzutage die Viererkette. Da braucht man die Schnelligkeit, sonst ist es schwer.

(Interview von dadp)



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