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Einwanderer

Eine illegalisierte Existenz

Von Torben Richter, 13.09.11, 07:44h, aktualisiert 13.09.11, 08:57h

Weil Sunday keine Aufenthaltsgenehmigung hat, lebt der nigerianische Einwanderer in ständiger Angst vor der Abschiebung. Die Lutherkirche in der Südstadt hat ihm Kirchenasyl gewährt. Doch wie sieht das Leben eines Menschen ohne Papiere in Köln aus?

Kirchenasyl
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In der Lutherkirche fand Sunday Hilfe. Der Nigerianer hat mittlerweile eine Therapie begonnen. (Bild: Max Grönert)
Kirchenasyl
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In der Lutherkirche fand Sunday Hilfe. Der Nigerianer hat mittlerweile eine Therapie begonnen. (Bild: Max Grönert)
Köln - Eigentlich ist Sunday (Name geändert) ein vorbildlicher Bürger. Der Nigerianer hält sich stets an die Verkehrsregeln, fährt nie schwarz und bricht auch sonst keine Gesetze. Es gibt da nur ein Problem: Der 45-Jährige hat weder Ausweis noch Aufenthaltsgenehmigung. Doch obgleich er eigentlich nicht in Deutschland leben darf, seine Anwesenheit laut Gesetz illegal ist, legt Sunday auf eines großen Wert: „Ich bin nicht illegal. Ich bin illegalisiert. Menschen sind nie illegal.“

Doch wie lebt ein Mensch ohne Papiere in Köln? Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung kommen hauptsächlich über private Kontakte an Arbeit. Meist sind es einfache Tätigkeiten: Der studierte Agrarwissenschaftler hat geputzt, Gartenarbeit verrichtet, auch auf Baustellen hat er sich schon verdingt. Für drei bis fünf Euro die Stunde.

Von dem Geld bleibt nicht viel übrig: Die Schlafmöglichkeiten kosten ihn bis zu 200 Euro im Monat, dafür hat Sunday ein Sofa zum Schlafen. Einen Schlüssel bekommt er meist nicht: „Ich muss dann warten, bis die Leute nach Hause kommen.“

Schon lange hat er aufgehört, seine Unterkünfte zu zählen. „Ich bin manchmal aufgewacht und wusste nicht mehr, ob ich links- oder rechtsrheinisch geschlafen hatte“, erzählt er.

Zwei Selbstmordversuche

In seiner Heimat hat Sunday für Demokratie gekämpft – friedlich, wie er betont. Einer seiner Verbündeten war Wole Soyinka, der erste afrikanische Literatur-Nobelpreisträger. Sunday bezeichnet ihn noch heute als seinen Mentor und Lehrer. Trotz aller Vorsicht wurde Sunday 1989 festgenommen, acht Monate verbrachte er mit 80 anderen Gefangenen in einer 50 Quadratmeter großen Zelle im nigerianischen Gefängnis, war psychischer und körperlicher Folter ausgesetzt, bis sein Vater ihn freikaufen konnte. Sunday spricht von „nigerianischem Klüngel“.

Zu dieser Zeit erlitt er ein schweres Trauma, das ihm das Leben in der Illegalität zusätzlich erschwert. Zwei Selbstmordversuche hat er hinter sich. Die ständige Angst ist Sunday anzumerken. Während der Gespräche blickt er nervös aus dem Fenster, einen Besuch in seiner derzeitigen Unterkunft lehnt er ab: „Das ist nichts Persönliches, aber lieber nicht.“

Sundays Misstrauen erweist sich oft genug als begründet: Wenn sich Menschen an der Hilflosigkeit der Migranten bereichern, haben diese keine Möglichkeit, ihr Recht einzufordern. Sunday erzählt: „Ich habe schon drei Monate gearbeitet und dafür kein Geld bekommen. Als ich mich beschwerte, sagten die Leute, ich könne ja zur Polizei gehen.“ Die Schwelle zur Illegalität ist niedrig. Oft sind es Kleinigkeiten, die zum Entzug der Aufenthaltsgenehmigung führen. Bei Sunday war es eine nicht eingehaltene Meldefrist nach seinem Umzug. Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits mehr als 15 Jahre legal in Deutschland, betrieb sogar ein eigenes Geschäft in Hessen. Die deutsche Staatsangehörigkeit war ihm zuvor schon angeboten worden. „Ich habe das nicht gemacht, weil ich den Gedanken hatte, dass ich nach Hause fliegen kann, wenn sich die Situation in meinem Land gebessert hat“, sagt Sunday. Aus heutiger Sicht bezeichnet er seine Entscheidung als „katastrophalen Fehler“: „Wenn ich jetzt den deutschen Pass hätte …“ Er kann den Satz nicht beenden. „Ich bin selber für mein Leben und meine Fehler verantwortlich. Ich finde es schon merkwürdig, dass eine Million Menschen in diesem reichen Deutschland so leben müssen.“

100 Euro muss Sunday monatlich zahlen, damit ein Bekannter ihm einen Ausweis überlässt, den Sunday im Notfall vorzeigen kann. An acht Kontrollen erinnert er sich, Probleme gab es keine: „Ich habe das Glück, dass ich mich artikulieren kann und in der Lage bin, die Papiere zu verteidigen.“ Es gebe gewisse Tricks, zum Beispiel steige man an bestimmten Haltestellen nicht aus der Bahn. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt am Hauptbahnhof war.“ Jede Bahnfahrt plant Sunday schon am Tag vorher. Er geht besonders spät los, um möglichst wenig Zeit an den Stationen zu verbringen. „Es kann einfach zu viel passieren. Daher gehe ich meistens zu Fuß.“ Zu seinen jüngeren Geschwistern hat er kaum Kontakt. „Besonders hart war es für mich, erst Monate später vom Tod meiner Eltern zu erfahren, nicht an der Beerdigung teilnehmen zu können. In Afrika spielen die ältesten Kinder der Familie eine besondere Rolle. Dass ich nicht für meine Geschwister da sein kann – da fühle ich mich manchmal wie ein Verlierer.“

Auch sonst findet ein Sozialleben bei Sunday kaum statt: „Die Lebensführung ist erheblich eingeschränkt. Jeder Mensch hat das Bedürfnis auszugehen – das habe ich komplett abgeschrieben.“ Die stete Angst, beobachtet zu werden, verfolgt Sunday. „Da spielt auch die Selbstisolierung eine Rolle. Es ist ein Teufelskreis.“

Doch bei allen menschlichen Enttäuschungen gab es auch Lichtschimmer für Sunday. „Ich löse eigentlich immer eine Fahrkarte, alles andere wäre Selbstmord. Doch zu dieser Zeit hatte ich keinen Cent. Normalerweise gehe ich dann zu Fuß, aber es war Winter. Ich fuhr also ohne Fahrkarte, und sofort stiegen die Kontrolleure ein. Eine Dame kam zu mir und fragte mich nach meinem Ticket. Ich weiß nicht, warum ich das tat, aber ich sah ihr in die Augen und sagte: »Es tut mir leid, Sie müssen mir jetzt helfen. Ich habe weder eine Fahrkarte noch Papiere.« Da kam sie nah zu mir und flüsterte: »Steigen Sie bitte an der nächsten Station aus.« Das war eine spirituelle Erfahrung für mich.“

Momentan lebt Sunday im Kirchenasyl der Lutherkirche. Der Schritt, sich Pfarrer Hans Mörtter anzuvertrauen, war ein schwieriger. Doch der gläubige Christ dankt „Gott dafür, dass ich doch gegangen bin“. Sunday konnte eine Therapie gegen seine Traumatisierung beginnen, da die Therapie jedoch mindestens zwei Jahre dauern wird und etwa 5000 Euro kostet, ist die Kirche auf Spenden angewiesen. Zwar gibt es psychologische Einrichtungen der Caritas, die Wartelisten sind jedoch so überfüllt, dass sie derzeit geschlossen sind. Pfarrer Mörtter: „Das ist, als würde man einem Menschen, der verblutet, sagen, wir haben leider keine Zeit, du musst dich noch etwas gedulden. Sunday braucht jetzt Hilfe.“

Während Sunday sich in Therapie begeben konnte, beginnt er auch eine Art Selbsttherapie. Sunday schreibt. Biografisches, Politisches, Gedichte. In seiner legalen Zeit schrieb er sogar Gastbeiträge für deutsche Zeitungen zur Lage in seiner Heimat. Ein psychologisches Gutachten, das bei der Legalisierung helfen könnte, kostet bis zu 2000 Euro. Doch Claus-Ulrich Prölß, Geschäftsführer des Kölner Flüchtlingsrats, ist zuversichtlich: „Wir haben das Nötige in die Wege geleitet.“ Zuletzt versuchte sich Sunday an den Einbürgerungstests im Internet – „nur zum Spaß“. Das Ergebnis: null Fehler, weder im Bundes- noch im Ländertest. Sein Lieblingsessen: Sauerkraut. Trotz aller Rückschläge hat Sunday die Hoffnung nicht aufgegeben, auch nicht seinen größten Traum: „Ich habe mehr als zwei Drittel meines Lebens für Demokratie gekämpft, aber bis heute habe ich noch nie gewählt. Einmal mein Kreuz zu machen – das ist mein Lebenstraum.“



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