Von Helmut Frangenberg, 19.09.11, 11:29h
Mit einem neuen Konzept, das die Einzelhändler des Veedels von Teilnahmebeiträgen befreite, gelang es, ihre Zahl mehr als zu verdreifachen. Die Interessengemeinschaft wollte mehr Niveau und weniger Ballermann. Betraut damit hatte sie die Agentur von Wilhelm van der Gathen, die nach zwei Jahren Pause wieder ran durfte. Mancher sah Beelzebub bei der Teufelsaustreibung: Van der Gathen, dessen Feste in anderen Teilen der Stadt sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit Ramsch und viertklassigem Programm Kölns Image zu ramponieren, wollte zeigen, dass er zu Unrecht am Pranger steht. „Das war ein guter Neustart“, resümierte der Chef der Interessengemeinschaft, Thorsten Fröhlich, am Nachmittag.
Auch die meisten Händler waren offenbar zufrieden. „Das Fest ist auf einem guten Weg. Aber natürlich kann man auch noch einiges besser machen“, sagte einer, der es wissen muss. Detlef Lange versucht, mit Qualität Geld zu verdienen. An der Severinstraße 179 hat er vor sechs Wochen „Christina’s Genussladen“ miteröffnet. Nun stand er zwischen einem Stand mit billigen Lederwaren, Reklame für Kampfsport und einer Schlagerbühne, um für edelste Öle, feinen Essig und teure Schokolade zu werben. Er wirkte noch ein bisschen fremd in der eigenen Nachbarschaft. „Wir versuchen, den Leuten ein bisschen Geschmack nahezubringen“, sagte Lange.
"Schöntrinken" der Tristesse
Das kulinarische Angebot könnte noch bunter und hier und da ein bisschen anspruchsvoller werden, meint er. Außerdem müsste man die Straßenlücken, die weiterhin viel zu viele Gürtel-, Taschen- und Schmuckverkäufer nutzen, anders füllen. Auch Brauhauswirt Weesbach klagte über einige Angebote in der Nachbarschaft, wobei er sich nicht nur über Fremdanbieter wunderte, deren Angebotspalette von Staubsaugern über Wasserpistolen bis zur „Haarentfernung leicht gemacht“ reicht. Auch mancher ortsansässige Händler habe wohl noch nicht ganz verstanden, was mit einer ansprechenderen Außendarstellung gemeint ist, die die Interessengemeinschaft von ihnen gefordert hatte. So ließ ein Jeans-Geschäft männliche Go-go’s durch die Auslagen stampfen und dazu einen DJ grölen. „Über einiges werden wir noch einmal reden müssen“, so Fröhlich. Fremdhändler, die sich nicht an die Mindestanforderungen gehalten haben, sollen nicht wiederkommen dürfen. Den Machern des Severinstraßenfests gelang noch nicht alles, aber ein Anfang scheint tatsächlich gemacht. Geschäfte wie das von Detlef Lange, die schöne Präsentation vom Karnevalsgeschäft „Hoot couture“ sowie ein Kasperletheater unter der Severinstorburg stehen für Klasse statt Masse.
Mehr Niveau statt Ramsch – das waren auch die Vorgaben des Konzepts der Stadt für die Nutzung der Innenstadtplätze. Für ihre Straßen gibt es solche Vorgaben nicht. Da kann die „Ballermannisierung“ weitergehen. Die Altstadt ist am Wochenende fest in der Hand grölender Horden auswärtiger Junggesellenabschiede. Bei großen Straßenfesten wie in Ehrenfeld, Nippes oder Mülheim sind es die Kölner selbst, die sich schlechte Unterhaltung und die Einfallslosigkeit schöntrinken. Zehntausende lassen sich anlocken – wovon, bleibt vielerorts ein Rätsel.
Man habe den „absoluten Tiefpunkt“ erreicht, sagte Bezirksbürgermeister Markus Thiele nach dem letzten Kalker Straßenfest. Es sei traurig, was sich auf der Kalker Hauptstraße abspiele. „Ein bisschen Kirmes, ein bisschen Ballermann“ dürfe schon sein – aber eben nicht die ganze Straße prägen. Auch in Mülheim ging man auf Distanz zum eigenen Fest: „Wir haben genug Kunst und Kultur“, sagte IG-Vorsitzender Helmut Zoch im Mai. „Wenn man das zeigt, verprellt man auch nicht die Menschen auf so einem Fest.“
Schädliches Ballermann-Image
Straßenfeste gehören in Köln zur Kultur. In den Veedeln berichten Alteingesessene gerne aus der „guten alten Zeit“, als die Nachbarn selbst Musik machten, sich ein Kinderkarussell drehte und an Biertischen gesungen und gelacht wurde. An einigen Orten ist noch etwas von diesem Charme zu spüren. Überall da, wo es klein geblieben ist und die Nachbarschaft funktioniert, ist es wunderschön gemütlich. In der Neuehrenfelder Försterstraße schunkelt man mit Nachbar Nik Nikitakis, im Brücker Lehmbacher Weg werden Schwenkgrill und Biertische für die Nachbarn aufgebaut, die alle etwas beisteuern müssen. Solche Feste gibt es noch viele in Köln, ihr Zweck ist ein anderer als dort, wo es vor allem darum geht,ortsansässigen Geschäftsleuten eine Präsentationsmöglichkeit zu geben. Die Bezeichnung „Straßenfest“ ist in diesen Fällen eine Mogelpackung, wenn man der Logik der omnipräsenten Agentur von der Gathen folgt. Er sei kein Partyveranstalter, sondern Werbefachmann. „Uns ist es gelungen, diese Veranstaltungen als Marketing-Medium wirkungsvoll nutzbar zu machen“, wirbt er bei Interessenten. Das „Straßenfest“ als Werbeträger – das ist etwas anderes als ein Nachbarschaftsfest, bei dem sich Anwohner und Einzelhändler einbringen und dann „Passanten zu Gästen der Anlieger werden“, wie es die Macher des Ehrenfelder Körnerstraßenfests als Motto ausgeben.
Für die Außenwirkung eines Festes spielt diese Unterscheidung jedoch keine Rolle: Wer Ramsch zu Ballermanngestampfe anbietet, schadet dem Image seines Viertels und nicht zuletzt der ganzen Stadt, die mittlerweile bundesweit den zweifelhaften Ruf erworben hat, dass hier das ganze Jahr auf allen Straßen und Plätzen immerzu gefeiert und getrunken wird.
Antithese zur Ehrenfelder Gentrifizierung
Es gibt große Straßenfeste, bei denen die Macher zeigen, dass es auch anders geht. Stadtviertel wie Lindenthal oder Rodenkirchen profitieren von zahlungswilligen Einzelhändlern und zahlungskräftigem Publikum. Ganz neue Maßstäbe sind in diesem Jahr in Dünnwald gesetzt worden– nach einer fünfjährigen Pause. „Das letzte Fest 2006 war eine ganz schlechte Werbung für Dünnwald“, erinnert sich der stellvertretende Bürgervereinsvorsitzende Erich Etien an ein dürftiges Angebot und an Schlägereien auf der Berliner Straße. Etien zog damals die Notbremse. „Einfach bei einer Agentur ein Straßenfest zu bestellen, funktioniert nicht. So was muss vom Ort getragen werden.“ So machen es ebenso die Verantwortlichen in der Körnerstraße oder Rothehausstraße in Ehrenfeld. Auch hier präsentieren sich Geschäfte und Gastronomen. Trotzdem sind es Nachbarschaftsfeste geblieben. „Zum Wohnzimmer soll die Straße werden“, appellieren die Macher in der Körnerstraße an einen niveauvollen Umgang mit dem öffentlichen Raum. Nur wenige Meter weiter ist davon wenig zu spüren, wenn sich über die Venloer Straße, von der Körner- wie Rothehausstraße abzweigen, die Massen schieben.
„Einmal im Sommer erblüht die Unterschicht und wird zum Flaneur“, schreibt der Journalist Thilo Großer über das große Ehrenfelder Straßenfest in der aktuellen Ausgabe des Stadtteilmagazins „Ehrenfelder“. „Es ist ein Rummelplatz für Angeheiterte und Ausgezehrte.“ Der Text ist ein Beitrag zur Debatte, ob in Ehrenfeld die alteingesessene Bevölkerung von Neubürgern, die unbedingt ins „In-Viertel“ wollen, verdrängt wird. „Wer glaubt, Ehrenfeld sei gentrifiziert, wird auf dieser Menschenmesse geheilt.“ Im selben Magazin sagt Kölschrocker Stephan Brings: „Straßenfeste wie auf der Venloer Straße sind immer ein guter Spiegel. Dann denkste schon mal: Mensch, wo kommen die ganzen Asis her?“ Es gelingt nicht, die verschiedenen sozialen Gruppen zusammenzubringen. Die zwei Welten in einem Stadtteil bleiben unter sich. Wenn mal einer beim anderen vorbei schaut, macht er das meist nur, um wie ein Tourist über fremde Kulturen zu staunen.
Filialisten machen nur selten mit
Die Macher der großen Straßenfeste haben es nicht leicht: Wenn es immer weniger inhabergeführte Geschäfte gibt, werden die Interessengemeinschaften schwächer. Filialisten großer Ketten lassen sich nur selten einbinden. Hinzu kommt: Den großen Aufwand und das finanzielle Risiko können viele nicht nebenher tragen. So begeben sich die meisten in die Hände einer Agentur – in der Hoffnung, dass diese ihnen nicht nur die Organisation abnimmt, sondern auch eine Top-Präsentation von Straße und Viertel sicherstellt.
Doch das funktioniert nicht. Wenn die Unternehmen, Vereine und Bürger eines Viertels zu wenig einbringen, übernehmen Socken- und Handyschalenverkäufer, Airbrush-Tattoomaler und Afrozopf-Flechter die Straße. 2007, beim letzten Eigelstein-Straßenfest, einem der bis dahin größten der Stadt, beteiligten sich nur noch sieben Anlieger. „Fast alle Stände waren ortsfremd und austauschbar. Identität und Originalität des Eigelsteiner Straßenfests verschwanden“, resümiert die Veedelsinitiative Eigelstein. Die Veranstaltungen in der Stadt würden sich nur noch durch die „Straßenkulisse“ unterscheiden. Seit diesem Wochenende gibt es wieder etwas mehr Hoffnung im Kampf gegen die Verramschung des öffentlichen Raums: Auch bei einem großen, traditionellen Straßenfest wie im Severinsviertel kann man ein bisschen mehr Niveau durchsetzen.
Kölle Alaaf
19.09.2011 | 15.43 Uhr | RainerHohn
Ja, genau, die Stadt Köln hat sich mit harter Arbeit "bundesweit den zweifelhaften Ruf erworben [...], dass hier das ganze Jahr auf allen Straßen…
Karneval üverall !
19.09.2011 | 13.43 Uhr | Mak Aber
Selbst auf dem ehemals sehr schönen und etwas anspruchsvolleren Straßenfest in Lindenthal (Dürener Straße) regieren mittlerweile die Pappnasen und…
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