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Büchsenwurf

Am Tag, als Boninsegna starb

Erstellt 19.10.11, 10:09h, aktualisiert 19.10.11, 19:45h

Am 20. Oktober 1971 treffen im Europapokal der Landesmeister Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand aufeinander. Die Fohlen-Elf zaubert, doch mit mediterraner Schauspielkunst mogelt sich Inter in die nächste Runde. Thorsten Keller über das größte Trauma der Gladbacher Vereinsgeschichte.

Aufregung nach dem Büchsenwurf
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Aufregung nach dem Büchsenwurf: Inter-Spielführer Mazzola diskutiert mit Schiri Dorpmans. Vorne Gladbachs Nummer 10 Günter Netzer. (Bild: dpa)
Aufregung nach dem Büchsenwurf
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Aufregung nach dem Büchsenwurf: Inter-Spielführer Mazzola diskutiert mit Schiri Dorpmans. Vorne Gladbachs Nummer 10 Günter Netzer. (Bild: dpa)
Roberto Boninensegna
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Schwer getroffen: Roberto Boninensegna lässt sich vom Platz tragen. (Bild: Archiv)
Roberto Boninensegna
Man kann nicht behaupten, Roberto Boninsegna habe kein erfülltes Leben als Fußballprofi gehabt: 366 Spiele und 163 Tore in der Serie A stehen für den Stürmer zu Buche, er wurde dreimal italienischer Meister und einmal Vize-Weltmeister mit der Squadra Azurra. Auch beim so genannten “Jahrhundertspiel“ – dem WM-Halbfinale 1970 zwischen Deutschland und Italien – stand er auf dem Platz und erzielte das erste Tor.

Doch es ist ein anderer Auftritt Boninsegnas, der ihn beim deutschen Fußballpublikum unsterblich unbeliebt macht und die deutsch-italienischen Beziehungen in diesem Sport nachhaltig versaut. Es geschieht am 20. Oktober 1971. 28 Minuten sind im Europapokal der Landesmeister zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand gespielt, als eine Cola-Dose von der Haupttribüne auf das Spielfeld fliegt und den italienischen Stürmer touchiert. Ob die Büchse leer oder voll gewesen ist, wo und wie heftig sie Boninsegna genau getroffen hat, all das ist mit 40 Jahren Abstand nicht mehr zu beweisen - und längst zur Glaubenssache geworden. Auch den Werfer hat die Polizei nie ermittelt.

„Ich konnte ganz klar sehen. dass die Dose ihn nicht am Kopf getroffen hat“, beteuert Volker Klüttermann, damals Ordner am Bökelberg. Sein Fazit: „Reine Schauspielerei.“ Das sieht auch Boninsegnas damaliger Gegenspieler Luggi Müller so: Erst auf Zuruf eines Mitspielers habe sich der Stürmer fallen lassen wie ein gefällter Baum. Als der Inter-Mannschaftsarzt und ein Betreuer aufs Feld kamen, „da wollte Boninsegna aufstehen, aber der italienische Betreuer drückte ihn wieder runter.“

Der niederländische Schiedsrichter Jef Dorpmans unterbricht die Partie und diskutiert mit seinen Assistenten über einen Abbruch. Sieben Minuten später pfeift er das Spiel wieder an. Während der ausgewechselte Boninsegna angeblich in der Kabine ohnmächtig wird und seine „Platzwunde“ versorgen lässt, wird sein Team auf dem Feld in die Einzelteile zerlegt. Angetrieben von einem überragenden Günter Netzer, siegt Borussia Mönchengladbach mit 7:1. „Es war das schönste Fußballspiel, das der Bökelberg je gesehen hat“, schwärmt noch heute Ulrik Le Fevre, der dänische Sturmpartner von Jupp Heynckes.

Doch der Jubel über die Gladbacher Gala währt nur eine gute Woche. Am 29. Oktober annulliert die UEFA das Spiel – und ordnet eine Wiederholung „in einem neutralen Land“ an. Gespielt wird schließlich am 1. Dezember in West-Berlin, das Spiel endet 0:0. Weil Borussia das Rückspiel in San Siro mit 4:2 verloren hat, kommt Inter eine Runde weiter. Die Elf von Hennes Weisweiler fühlt sich betrogen um ihre größte Nacht.

Die Spiele in Mailand und Berlin zementieren das Image der Italiener als ruchlose Treter. „Mit unzähligen brutalen Fouls rächen sie sich für das Debakel von Gladbach“, schreibt die Westdeutsche Zeitung. Herausragend auch in dieser Disziplin: Roberto Boninsegna. Kurz vor Schluss des Wiederholungsspiels bricht er Luggi Müller das Schienbein.

Nachspiel: Zum 40. Jahrestag des Büchsenwurfs bemüht sich Borussia Mönchengladbach, das Corpus Delicti aus dem Exil an den Niederrhein zu holen. Schiedsrichter Dorpmans hatte die Coladose nach Spielende von der Polizei überreicht bekommen, nach Hause mitgenommen und sie später seinem Club Vitesse Arnheim vermacht. Dort ziert sie nun das Vereinsmuseum. Borussia-Manager Max Eberl will mit den Niederländern über die Ablösemodalitäten verhandeln. „Wir setzen alles daran, die Dose in unseren Besitz zurückzuholen.“



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