Schriftgröße

Dittsche-Nacht

Halbwissen und halbe Hähnchen

Von Jan Freitag, 29.10.11, 15:30h

Der WDR widmet „Dittsche“, seinem philosophierenden Arbeitslosen in der Frittenbude, eine lange Nacht: Am Sonntagabend ab 23.15 Uhr sind eine neue Folge, ein Making-Of und ein Hausbesuch bei Dittsche zu sehen - sowie die fünf Lieblingsfolgen seiner Fans.

Dittsche
Bild vergrößern
Sein Markenzeichen ist der Bademantel: Dittsche (Olli Dittrich) hzat zu allem eine Meinung. (Bild: WDR)
Dittsche
Bild verkleinern
Sein Markenzeichen ist der Bademantel: Dittsche (Olli Dittrich) hzat zu allem eine Meinung. (Bild: WDR)
Manchmal, selten zwar, aber immerhin, ist die Glotze voller Wunder. Dann zappt man durchs Programm und entdeckt noch Perlen. Doch erst wenn die Woche gelaufen ist, sonntags zur Geisterstunde, zeigt das Fernsehen wirklich was passiert, wenn Kreativität übers Schema siegt. Dann kommt „Dittsche“, und dass er es seit fast acht Jahren tut, unverändert gut, ist das größte TV-Wunder made in Germany.

Kein Wunder, dass sich der WDR am Sonntag ein wenig selbst feiert, wenn er zur „langen Dittsche-Nacht“ lädt. Gut, dass sie kurz vor der Tiefschlafphase (23.15 Uhr) startet, während der Regionalkanal zur Hauptsendezeit Heimatduselei („Wunderschön! Der Bayerische Wald“) ausstrahlt – das ist schade. Dass man für Dittsche nicht ein, nur ein einziges Mal die Primetime räumt – das ist peinlich. Dass seine wunderbaren Alltagsbetrachtungen aber hier laufen statt im NDR, wo Dittsche, der HSV-Fan mit Hamburger Kodderschnauze, laut Drehbuch zu Hause ist – das ist mehr als verwunderlich.

Fünf Lieblingsfolgen und ein „Heimspiel“

Denn warum man sie ablehnte, als Olli Dittrich seine Bühnenfigur einst dem NDR anbot, weiß man am Rotherbaum wohl heute noch nicht genau. Nun geht die Drei-Mann-Show aus einem Eppendorfer Imbiss also in Köln auf Sendung. Und von dort aus fesselt der philosophischste aller Arbeitslosen ein treues Stammpublikum. Das hat zur langen Nacht ihres Antihelden fünf Lieblingsfolgen gewählt, die nacheinander laufen. Für echte Fans ist aber (neben dem üblichen Making-of, Folge 157 und einem Special) auch etwas namens „Heimspiel“ gedacht.

Dittsche zeigt uns seine Wohnung. Leider. Denn 15 Staffeln, die Dittsche in Bademantel und -schlappen zur Theke stapfte, um zum Bier („Das perlt.“) die Welt zu erklären („Kahn hat Vogelgrippe.“), blieb die Summe seiner Klischees mal liebens-, mal verachtenswert, aber stets abstrakt. Es gab nichts als Habitus zwischen Halbwissen und halben Hähnchen in der Endlosschleife, zwischen Gastwirt Ingo, der Dittsches improvisierte Weisheiten abpuffert, und Wirtsgast Schildkröte, dem wortlosen Kneipenmonument. Das Ganze gewürzt mit Gaststars von Jauch bis Westernhagen, Harald Schmidt als Ingoersatz bis Uwe Seeler als Schildkrötendouble, Moritz Bleibtreu beim Automatenreparieren bis zu den Scorpions beim Wind-of-Change-Singen.

Sind wir nicht alle ein bisschen Dittsche?

Sie alle sind so sehr sie selbst wie Dittsche. Erst das macht es zu großem Theater in 30 Minuten, vollführt von Stoikern, die sind, wie sie sind, weil es ist, wie es ist. Wer sein Schicksal freudig akzeptiert, wer das Unabänderliche hinterfragt, ohne stets Antworten zu erwarten, wer also wie Sisyphos immer wieder denselben Stein bergauf wälzt – den muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen, hat der Philosoph Albert Camus gesagt. Stellen wir uns also Dittsche als glücklichen Menschen vor. Als virtuoser Zeitvernichter der Zeitvernichtungsmaschine Fernsehen, begründete das Grimme-Institut Dittsches Preis in Gold 2005, sei er die „personifizierte Glotze mit menschlichem Antlitz“. Also vor allem Oberfläche, Projektionsfläche, Abstraktionsfläche. In die darf man alles hineininterpretierten. Und nichts.

Warum also neue Kulissen bauen? Warum sich dieses Vorurteil vom Messi im Sperrmüllmobiliar bestätigen lassen oder ganz andere von Computerhacker bis Familienvater? Warum den Zauber des Vagen durch zu viel Wissen trüben? Dittsches Geheimnis ist seine Entstehung aus sich selbst. Das ist Heimat genug für alle. „Immer, wenn ich mir den Bademantel überziehe, merke ich, dass ich zu Hause bin“, sagt Olli Dittrich zur Glanzleistung, stets unvorbereitet einen Drehort zu betreten, vor dem sich von Dreh zu Dreh mehr Fans versammeln. Um den „vereinsamten Visionär“, wie ihn die „Zeit“ lobt, live zu sehen, eine „universelle Figur“, wie Olli Dittrich sagt: Ein bisschen wir alle also, der Dittsche in uns. Dem ein Denkmal zu setzen ist angebracht, und sei es bloß per „Dittsche-Nacht“. Sein Klo behindert da nur die Sicht.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste