Von Marlene Kohring, 04.11.11, 07:43h
Manche Menschen leben mehr virtuell als real. „Heutzutage kann man kaum noch offline sein“, sagt Ibrahim Evsan. Er hat es versucht, hat Freunde angerufen und sie zu einem Sonntags-Spaziergang eingeladen. Vor einigen Jahren noch, machte er das oft. Aber diesmal hatte keiner Lust. Die digitale Identität war wichtiger. Denn die Freunde, die er fragte, waren am Sonntag lieber online. Genau wie an allen anderen Tagen der Woche.
Ibrahim Evsan lebt Social Media. Bei Twitter sind es mehr als 14 000 Menschen die seinen Nachrichten folgen, bei Facebook hat er mehr als 3000 Freunde. „Ich gehöre zu den Ersten in Deutschland, die diese sozialen Netzwerke ausprobiert haben. Weil ich von Anfang an dabei war, habe ich jetzt so eine hohe Reputation im Internet“, erklärt Evsan.
Festgefahrene Strukturen aufbrechen
Der 35-Jährige will mit seiner Firma United Prototype, die er zusammen mit Thomas Bachem gegründet hat, festgefahrene Strukturen aufbrechen. „Bei mir gibt es keine Chefkultur und kein Herrschaftswissen.“ Die rund 30 Mitarbeiter sollen ihn „Ibo“ nennen. Genau wie seine Kunden. „Ich will nicht gesiezt werden.“ Jeder Angestellte kann bei jedem Thema mitdiskutieren und sich einbringen.
In den Firmenräumen am Friesenplatz gibt es abwischbare Wände, auf die spontane Einfälle geschrieben werden. Er will damit die Idee eines papierlosen Büros umsetzen. „Nur die Buchhaltung machen wir noch auf Papier, das ist vom Gesetz vorgegeben.“ Konzepte und Gedanken werden sofort ins interne System eingegeben, damit sie für jeden Mitarbeiter zugänglich sind.
Das Herzstück der neuen Firma ist das Browser-Game Fliplife. In Fliplife bauen sich die Nutzer ein virtuelles Leben auf, betreiben auf spielerische Art und Weise Social Networking. Beispielsweise können Facebook-Freunde in sportlichen Spielen herausgefordert oder zu einer virtuellen Party eingeladen werden.
2008 wurde Evsan auf Platz zwei der wichtigsten Webgründer Deutschlands gewählt, obwohl er nur einen Hauptschulabschluss hat. „Nachteile im Beruf entstehen nur, wenn man sich durch irgendwelche Zeugnisse einengen lässt.“ Für ihn gab es nie Grenzen. Man müsse nur Mut haben. Als Sohn einer türkischen Einwandererfamilie musste er seine Eltern erst einmal von seiner Arbeit überzeugen. „Sie haben davon gesprochen, dass ich in einer normalen Firma arbeiten soll. Und ich von der Weltrevolution. In meinem Kopf.“
Im Jahr 2006 gründete er Sevenload, eine Plattform im Internet, auf der Nutzer Bilder oder Videos hochladen und mit anderen teilen können. Sevenload wurde ein großer Erfolg, so groß, dass Evsan seine Anteile drei Jahre später verkaufte, um United Prototype zu gründen.
All das ist im Internet nachzulesen. Über sein Privatleben dagegen ist kaum ein Wort zu finden. Evsan nennt das „digitale Selbstbestimmung“. Er meint damit, dass er beinahe alles über sein Berufsleben preisgibt, aber Privates behält er für sich.
Ausweg: digitale Selbstbestimmung
„Der Mensch vereint sich immer mehr mit der Maschine“ – eine These aus Evsans Buch „Der Fixierungscode“. Diese Vereinigung führe dazu, dass der Mensch nachlässig mit seinen Daten umgehe und sie dadurch den digitalen Supermächten wie Google und Facebook zur Verfügung stelle – kostenlos. Der einzige Ausweg sei eben die digitale Selbstbestimmung, sagt Evsan. „Dafür muss man verstehen, wie das Internet tickt.“
Evsan weiß, wie die sozialen Netzwerke funktionieren. Trotzdem macht ihn etwas nervös, er nennt es die digitale Seele im Netz. „Während ich hier sitze und rede, passiert im Internet etwas mit meinem Namen“, befürchtet er. „Jemand bloggt über mich oder stellt Fotos von mir online. Unsere digitalen Seelen, die im Internet umherschwirren, haben ihre eigenen Regeln. Die kennen wir noch nicht.“
Evsan ist immer online, immer erreichbar. Abschalten kann er nicht. Seine Leidenschaft Internet ist zu seiner Arbeit geworden. Für ihn stellt sich die Frage nach der Balance zwischen Beruflichem und Privatem nicht mehr. „Für Leute wie mich gibt es nur noch eine Work-Work-Balance. Ich gestalte mein Arbeitsleben so, dass es sich privat anfühlt.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
27. Februar 2012,
Gebäude 9
Foto auf Leinwand günstig vom Testsieger
Werbeagentur Verzeichnis Köln Bonn
Werbeagentur / Internetagentur, Köln
Kfm. Umschulungen + Seminare in Köln
Holzspielzeug gesucht, gefunden, geliebt