Von Axel Veiel, 02.12.11, 08:31h, aktualisiert 02.12.11, 08:32h
Um sicherzugehen, dass der 324 Meter hohe Turm unter einer auf 378 Tonnen geschätzten Last von Bewässerungsanlagen, Wurzeln, Stängeln, Zweigen und Blättern nicht einknickt, haben die mit dem Projekt betrauten Fachleute vor den Toren der Stadt einen Mini-Eiffelturm gebaut und den geplanten Eingriff dort maßstabsgerecht vorweggenommen.
600 000 Pflanzen
Sollten bei letzten Tests nicht noch unerwartete Hindernisse zutage treten, werden im Juni 2012 Gärtner und Kletterkünstler anrücken. Insgesamt 600 000 Pflanzen sind in luftiger Höhe zu vertäuen. Bis Januar 2013 sollen die kupferfarbenen Eisenstreben des Turms dann samt und sonders zu Klettergerüsten für Grünpflanzen mutiert sein.
Finanziell steht das im Einvernehmen mit der Stadt Paris und Frankreichs Umweltministerium geplante Vorhaben auf festem Fundament. Private Unternehmen wollen die auf 72 Millionen Euro geschätzten Kosten tragen. Was die rechtskonservative Zeitung "Le Figaro" für "Wahnsinn" hält, ist aus Sponsorensicht sinnvolle Investition.
Als Geldgeber treten Firmen auf, die sich für nachhaltiges Wachstum einsetzen. Die Metamorphose des bisher nicht einmal Moos oder Schimmel Lebensraum bietenden Bauwerks soll ihnen nachhaltige Imagepflege bringen. Als größten Baum der Welt, grüne Lunge der Stadt und Ökotouristenziel wollen sie den Pflanzenturm vermarkten, der nach Angabe der Ginger-Ingenieure jährlich 88 Tonnen CO2 absorbieren kann.
Als Totgeburt angekündigt
Und die Prognose sei gewagt: Das Pariser Wahrzeichen wird dem geplanten Eingriff standhalten, wie es auch allen anderen standgehalten hat.
Was hat die "Alte Dame", wie die Franzosen ihn nennen, nicht schon alles mitgemacht, ohne auch nur mit der Antennenwimper zu zucken! Als Totgeburt war Gustave Eiffels Werk zur Weltausstellung 1889 angekündigt worden. Spätestens 1909, so war vereinbart, werde das weithin als "Schandmal" geschmähte Denkmal dem Erdboden gleichgemacht.
Gut ein Jahrhundert später gilt die Konstruktion zwar als zeitlos schön. Von Abbruch ist keine Rede mehr. Zur Ruhe kommt der Turm aber trotzdem nicht. Am 14. Juli, Frankreichs Nationalfeiertag, pflegen Pyrotechniker tonnenweise Explosives am Skelett des Kolosses zu vertäuen. Bricht die Nacht herein, wird das Feuerwerk zu Ehren des Vaterlandes und zur Freude der zu Füßen des Turms auf dem Marsfeld versammelten Menschenmenge gezündet. Im Winter folgt dem Hitze- der Kälteschock. Klimatechniker rücken an, vereisen zum Vergnügen der Schlittschuhläufer das erste Stockwerk.
Disco-Atmosphäre
Hinzu kommen die Lightshows. Als kürzlich hoher Besuch aus Ankara vorbeischaute, erstrahlte das Wahrzeichen zu Ehren des Gastes im flammenden Rot der türkischen Flagge. Ist kein prominenter Ausländer zu würdigen, hat der Turm von Einbruch der Dunkelheit bis ein Uhr nachts jeweils zur vollen Stunde Disco-Atmosphäre zu verbreiten. Knapp zehn Minuten lang zuckt dann grelles Licht die Eisenstreben hinauf und hinunter.
Vermutlich würde es die jährlich von mehr als sechs Millionen Besuchern begehrte Touristenattraktion sogar aushalten, sollten Ingenieure Weihnachten 2012 auf den Gedanken verfallen, das bis dahin wohl an einen Tannenbaum erinnernde Bauwerk mit tonnenschweren Kerzen und Goldkugeln zu behängen. Entsprechende Versuche am Mini-Eiffelturm sind sicherlich nur noch eine Frage der Zeit.
Erste Etage renoviert
Wer für das nächste Jahr einen Paris-Besuch plant, sollte übrigens beachten: Der Eiffelturm wird ganz nebenbei auch noch modernisiert - die erste Etage der Stahlkonstruktion werde vom Frühjahr an renoviert.
Insgesamt 18 Monate lang sollen die auf 58 Meter Höhe liegende Plattform und die dortigen Pavillons überarbeitet werden. Dabei soll ein Teil des Bodens auch mit Glasplatten ausgelegt werden. Interessierte Besucher könnten dann von hier aus einen Blick auf den wachsenden Dschungel unter sich werfen. Das Projekt soll etwa 25 Millionen Euro kosten.
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