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Nachruf Christopher Hitchens

Eine große Stimme verstummt

Von Tobias Kaufmann, 16.12.11, 17:37h

Aggressiv, scharfsinnig, brillant: Der Autor und Journalist Christopher Hitchens ist tot. In Houston erlag der 62-jährige, der zeitlebens keiner Kontroverse aus dem Weg ging, einem Krebsleiden.

Christopher Hitchens
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Christopher Hitchens ist gestorben. (Bild: dpa)
Christopher Hitchens
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Christopher Hitchens ist gestorben. (Bild: dpa)
„Auf Wiedersehen, mein geliebter Freund. Eine große Stimme verstummt. Ein großes Herz steht still.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Salman Rushdie via Twitter am Freitag von Christopher Hitchens. Wenige Stunden zuvor war der britisch-amerikanische Autor und Journalist in einer Krebs-Spezialklinik in Houston verstorben. Mit 62 Jahren, an der Krankheit, die schon seinen Vater umbrachte: Speiseröhrenkrebs.

Hitchens war kein gewöhnlicher Journalist, obwohl er mit seinem Lebenswandel einem Hollywood-Klischee über Journalisten entsprungen sein könnte. Er trank viel, um nicht das Wort Saufen zu gebrauchen. Er rauchte. 15.000 Zigaretten pro Jahr hat er selbst ausgerechnet, macht im Schnitt 41 am Tag. Die Nächte gehörten Debatten, Parties, Affären. Und er schrieb trotzdem – oder deshalb – wie ein Wahnsinniger. Aggressiv, scharfsinnig, brillant.

In Erinnerung bleiben wird Hitchens durch die Kontroversen, in die er sich mit gezücktem Wort gestürzt hat. Als Mutter Theresa noch als Heilige galt, warf er ihr einen Leidenskult vor, Henry Kissinger hätte er gern als Kriegsverbrecher vor Gericht gesehen. Für Religion und Kirche hatte Hitchens nie etwas übrig. Die Vorstellung, unter einem alles sehenden Gott zu leben, fand er gruselig – „Das wäre ja wie in Nordkorea.“

Der Sohn eines britischen Marineoffiziers, zum christlichen Glauben erzogen (die jüdische Mutter verleugnete ihrer Religion), begann seine Karriere politisch gesehen als Trotzkist und journalistisch als politisch engagierter Reporter. Er schrieb für kleine und große Magazine über die Verbrechen von Diktatoren, bereiste die Welt. Die iranische Fatwa gegen seinen Freund Salman Rushdie schien 1989 sein Weltbild auf den Kopf zu stellen. Er distanzierte sich von Teilen der Linken und wurde nach dem 11. September 2011 eine Art Starautor der Neokonservativen, weil er Krieg gegen Irak befürwortete.

"Waterboarding" im Selbstversuch

Hitchens selbst war aber nicht der Ansicht, sich von seinen Idealen verabschiedet zu haben. Diese Ideale waren radikal säkular und humanistisch und sie akzeptierten kein Zurückweichen vor Diktaturen – egal ob rechte in Chile oder linke auf Kuba. Es war derselbe Christopher Hitchens, der 2008 in der Debatte über so genannte Verhörmethoden wie das Waterboarding auf eine Art nach der Wahrheit suchte, die für Schreiber seiner Liga ungewöhnlich ist – er probierte es selbst aus. Zweimal unterzog sich der 59-Jährige der Tortur. Er beschrieb seine Todesangst und verschwieg nicht seine Scham über die Erkenntnis, dass er in der Panik unter dem nassen Tuch alles Erdenkliche gestanden hätte. „Glaubt mir, es ist Folter!“ überschrieb Hitchens den Artikel im Magazin „Vanity Fair“, seiner schreiberischen Heimat. Der Text zittert vor der Empörung darüber, dass Amerikaner, die ausgebildet waren, das Waterboarding im Falle eines Falles überstehen zu können, diese Folter nun selbst anwenden sollten.

Hitchens war ein guter Beobachter, er konnte investigativ recherchieren, hielt sich aber nicht im klassischen Reporterstil aus allem heraus. Er war Überzeugungsschreiber. Als solcher hat er seine eigenen Irrtümer, Fehler und Meinungswechsel nie verschleiert. Für den Irak-Krieg war er nicht, weil er Bush sympathisch gefunden hätte. Hitchens, der Intellektuelle, der stets auch über Kultur und Literatur schrieb, ging davon aus, in seinem Leben mehr Bücher geschrieben zu haben als Bush insgesamt je gelesen hat. „The Hitch“ kannte den Irak Saddams und das Leid der Kurden, deren Sache er sich verschrieb, aus der Nähe. Die Fehler der Bush-Regierung bei der Planung und Durchführung jenes Krieges, den er für richtig hielt, hat Hitchens unnachgiebig verfolgt.

An Feinden hat es ihm nie gemangelt

Seine intellektuelle Angriffslust und der scharfe Schreibstil sorgten dafür, dass es es Hitchens an Feinden nie gemangelt hat. Nach der Nachricht von seinem Tod vibrierten die sozialen Netzwerke im Internet und selbst das Ende des von der Chemotherapie gezeichneten Autors reichte manchem nicht zur Milde. „Der Mann war ein falscher Prophet, der gegen Gott predigte“, twitterte ein christlicher Fundamentalist. „Er war das pure Böse. Ohne ihn leben wir besser.“

Doch die Mehrheit selbst jener, die nicht immer seiner Meinung waren, verneigte sich am Tag seines Todes vor diesem begnadeten Schreiber und Nach-Denker. Jedes US-Medium, das etwas auf sich hält, veröffentlichte am Freitag große Nachrufe, die Respekt, oft Bewunderung, manchmal ganz offen-pathetisch Zuneigung verraten – auch Freunde hatte der kommunikationsbesessene, großzügige Hitchens viele, gute Freunde sogar. Entgegen Hitchens atheistischer Überzeugung nennt „Vanity Fair“ ihn ein „Geschenk Gottes“. Die „New York Times“ stellt ihn in die Tradition George Orwells.

In seinem letzten Text für die Januar-Ausgabe von „Vanity Fair“ setzt sich Hitchens mit dem Nietzsche-Zitat „Was mich nicht umbringt macht mich stärker“ auseinander. Er schreibt von seiner Angst vorm Schlucken, weil es jedes Mal mit Schmerzen verbunden ist. Er schreibt, dass er nur schreiben könne dank einer Spritze, die die Schmerzen in den Händen dämmt. „Ich behaupte oft, das Schreiben sei mehr als meine Lebensbeschäftigung und mein Lebensunterhalt; es sei mein ganzes Leben“, so Hitchens. „Und es stimmt.“

Am Donnerstag hat Christopher Hitchens aufgehört zu schreiben.



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