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Stunksitzung

Merkel geht baden - ohne Ente

Von Anja Katzmarzik und Norbert Ramme, 30.12.11, 07:51h, aktualisiert 30.12.11, 09:42h

Claudia Roth badet mit Angela Merkel und Jesus fährt Elektro-Roller: Mit Spitzen gegen Politik, Kirche und vor allem mit viel guter Musik startet die Stunksitzung in die Session.

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Claudia Roth (v.l.) badet mit Angela Merkel, Köln fahndet erfolglos nach seinen Verbrechern (rechts oben) und Jesus fährt Elektro-Roller. (Bild: Stefan Worring)
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Claudia Roth (v.l.) badet mit Angela Merkel, Köln fahndet erfolglos nach seinen Verbrechern (rechts oben) und Jesus fährt Elektro-Roller. (Bild: Stefan Worring)
Köln - Herr Müller-Lüdenscheid und Doktor Kloebner werden zu Grünen-Chefin Claudia Roth und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Euro-Krise muss sich als Hänneschen-Theater veralbern lassen und die Skandale der Stadt gelten weiterhin als „XY ungelöst“. Die Stunksitzung bietet eine Mischung aus bös-bissiger Satire, witzigen Einfällen, gelungenen Choreografien und wundervollen Musik- und Gesangseinlagen.

In der Hommage an Loriot sitzen Claudia Roth (Anne Rixmann) und Angela Merkel (Doro Egelhaaf) in der Wanne. Die eine will von der anderen das Ruder übernehmen. „Nur über meine Wasserleiche“, lehnt die Kanzlerin ab, die vor lauter Weltretten kaum mehr ihren eigenen Mann erkennt, als der kurzfristig in der Wanne auftaucht und auf die Erfüllung ehelicher Pflichten („Ach ja, heut ist ja Mittwoch“) pocht. Nicht einmal ihren Waschlappen will sie der Grünen leihen. „Das geht nicht. Der Pofalla ist im Kanzleramt.“

„Wir müssen den FC retten“

Auch die Erinnerung an einen zweiten in diesem Jahr verstorbenen Künstler, den Liedermacher Franz-Josef Degenhardt, ist ein Glanzpunkt der Show. In dessen Tonfall und nur zur akustischen Gitarre parodiert „Köbes Underground“-Frontmann Ecki Pieper das Schmuddelkinder“-Lied: „Geh nicht zu den Roten Funken, sing nicht ihre Lieder. Geh nicht in den Gürzenich, sei doch nicht so bie-hie-hieder,“ Dieser Ohrwurm setzt sich genauso fest wie das wunderschön umgesetzte Lied eines Tanzoffiziers in der Schlussnummer („Geboren um zu heben“) oder der umgetextete Hit von „Weltretter“ Tim Bendsko: „Wir müssen den FC retten, der Rest kommt von allein. Spielen da vielleicht zu viel Deppen, oder liegt es am Verein?“

Manches liegt auch an der Stadt. Bitter und böse werden in „XY Köln ungelöst“ die offenen Problemfälle aufgelistet und der kölsche Klüngel neu definiert. „Man kann nicht immer nur nehmen, man muss sich auch mal geben lassen können.“ Gewarnt wird vor dem „gerissenen Trickbetrüger“ Rolf Bietmann, der von der Sparkasse 900 000 Euro für eine Beratervertrag erhalten habe mit dem Versprechen „Nichts dafür zu tun“ und ankündigt habe, gleich weiter zur Lanxess-Arena zu gehen, „um die für 1,8 Millionen auch nicht zu beraten.“ Gesucht wurden zudem die freie Presse in Köln, der radikale Fundamentalist Joachim K.M. und – wegen Millionenbetrug bei den Messehallen – Josef Esch: „Der hat sieben Millionen Euro von der Stadt erhalten für die Vermittlung eines Mieters. Der neue Mieter ist die Stadt Köln.“

Finanzkrise erreicht das Hänneschen-Theater

Das Geld ist weg. Hilft jetzt nur noch anschreiben lassen auf dem Deckel? Von wegen! Kölsch gibt’s nur noch gegen Flönz. Euro-Flönz. Und auch die ist beinah unbezahlbar. Denn die Finanzkrise hat das Hänneschen-Welttheater der Stunksitzung erreicht. Da wackelt die Währung bedenklich. Ackermanes, „der ahle Blootwoschsauger“, hat die Bierbank übernommen, wo Bärlauchs-Toni und sein Merkelchen einen über den Durst getrunken haben und heftig flirten. Doch sie ist schon an Nicolas Sackjeseech vergeben.

Schluss mit lustig ist, als Rating-Renate aus Ratingen das Brauhaus betritt. Da kann nur noch der reiche Chinese „Schäng Hai“ helfen, der erklärt: „Dat is ming Dynastie.“ Es kommt, wie es kommen muss:Aus Knollendorf wird China-Town, Flönz gibt es nur noch süß-sauer und zu trinken ausschließlich „Prummewing“.

Auch in der ersten ökologisch korrekten Karnevalssitzung ist Umdenken angesagt, seit hier der Frohsinn klimaneutral sein muss. Funken erzeugen Energie per Stippefott, das Mariechen ist in den Wechselstrom-Jahren, der Niedrigenergie-Büttenredner bewegt sich in Zeitlupe zur Bütt, ehe er weggepennt, Photovoltaik-Clowns singen Nachhaltigkeitslieder („M’r dämme d’r Dom en Kölle“) und die Kapelle „Humus Underground“ muss den Strom für ihre Instrumente mit gleichzeitigen Fahrradfahren selbst erzeugen. Dank „Föttchesföhlern“ in den Holz-Bänken wird das Schunkeln zum Energiegipfel.

Die von vielen gewünschte Finanzspritze gibt es nicht einmal mehr von der Bank, wie Bruno Schmitz dem Publikum in einer äußert gelungenen Solo-Nummer als Banker klarmacht. Er sei schon mit einem Geldkoffer in der Hand auf die Welt gekommen und als andere Kinder „einen Teddy hatten, hatte ich einen Dax“. Er klagt, dass sein Berufsstand heute kein Ansehen mehr habe. „Ich bin wieder umgezogen. Doch auch da haben die Nachbarn schon Unterschriften gegen mich gesammelt. Sie hätten lieber eine Forensik.“

Ozan Akhan als Heiland

Mit der Disziplin in der Truppe steht es auch nicht zum Besten seit die Bundeswehr nur noch aus Freiwilligen besteht, die sogar Kündigungsrecht genießen. Mit einem Rucksack voller Steine zurück zur Kaserne robben? Ohne entsprechende Motivation oder plausible Erklärung dafür ohne Argumentationsschwächen? Dann doch lieber direkt mit dem Taxi zum Italiener. Der „Homo Segway“ bewegt sich hingegen nur noch mit dem Elektro-Roller gleichen Namens fort. So werden Senioren zur „schnellen Eingreiftruppe“, Funken und Dreigestirns-Bauern zu Überfliegern und Benediktinermönche zu Rasern, was sicher auch Jesus auf seinem Kreuzweg gut gefallen hätte. Zumindest wäre der Roller eine Hilfe gewesen, meinen die Stunker – Ozan Akhan als Heiland grinst breit dazuschwerer Last.

Leicht macht die Stadt Karnevals-Touristen die kölsche Sprache mit der Übersetzung in englische Wörter, deren Aussprache der Mundart nahekommt. Die Touristen gehen plötzlich ins „Brow who’s under egg“ (Brauhus an d’r Eck), essen „Ham-Chair“ (Hämcher), leeren „Bitter-mention“ (Pittermänchen) und rufen „Come L.A.“ (Kamelle) oder „Dry-guess-turn are-laugh“ (Dreigestirn, alaaf) und alle singen „A Mall Prints see Sin“ (Einmal Prinz zo sin).

Überhaupt glänzen Köbes und die Stunker mit Gesangs- und Musiknummern. Brillant, wie die Band eine Mischung aus „Smoke on The Water“ und „Free Electric Band“ auf I-Pads spielen oder wie Modern Talking zu Modern Türking mutiert. „Meiers Kättchen“ wird von einem Clowntrio in unterschiedlichen Musikstilen verwurstet und die „Veedel“-Hymne, zelebriert von Biggi Wanninger, wird stets von einem Chor unterbrochen: „Wieso Viertel? Bei uns im Achtel wär doch auch ein schönes Lied.“



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