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Wulff-Interview

Schausten und die 150-Euro-Frage

Von Tobias Kaufmann, 05.01.12, 12:36h, aktualisiert 05.01.12, 15:53h

Nach dem Interview des Bundespräsidenten in ARD und ZDF bleibt vor allem eine Frage offen: Zahlt Bettina Schausten wirklich (so viel) Geld für Übernachtungen bei Freunden? Anstoß – der Kommentar

Christian Wulff
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Bundespräsident Christian Wulff im TV-Interview (Bild: dpa)
Christian Wulff
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Bundespräsident Christian Wulff im TV-Interview (Bild: dpa)
Eigentlich sollte es ja um den Bundespräsidenten gehen. Aber der heimliche – und unfreiwillige – Mittelpunkt von Bürogesprächen und Internetforen ist seit der Ausstrahlung des Wulff-Interviews am Mittwochabend Bettina Schausten. Mit ihrer Enthüllung, dass sie Freunden 150 Euro für eine Übernachtung im Gästezimmer zahle, sorgt die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios für Häme und Heiterkeit. Die Passage ist ein Renner bei „Youtube“, im sozialen Netzwerk „Facebook“ eröffnete eine Gruppe mit dem Titel „Bettina Schausten muss ihre bezahlten Übernachtungen bei Freunden offenlegen“. Sie hatte schon Donnerstagvormittag mehr als 2100 Fans.

Der Kurznachrichtendienst „Twitter“ lieferte erneut ein Beispiel, wie viele unterschiedlichste Menschen sich schnell und kreativ auf 140 Zeichen äußern können. Meistdiskutierte Fragen: Ist das Frühstück inbegriffen? Muss man die 150 Euro versteuern? Und wie schafft man es, sich aus Übernachtungen für Frau Schausten einen Nebenverdienst aufzubauen? „150 Euro die Nacht? Wir dachten, Bettina Schausten kostet 17,96 Euro im Monat“ twitterte ein Mediendienst mit Verweis auf die Rundfunkgebühren.

ZDF: Schausten will sich nicht mehr äußern

Findige Nutzer entdeckten schnell den „Gasthof Schausten“ im Sauerland, bei dem die Übernachtung im „Fremdenzimmer“ laut Internetseite allerdings nur schlappe 26 Euro kostet. Veraltete Preise? Der Spott für Schausten ist bei „Twitter“ jedenfalls gratis: „Jetzt noch schnell buchen, bevor der Rubikon überschritten ist“. Eine alternative Kreditkarten-Werbung ist auch dabei. „Kaffee und Croissant: 2,50 Euro. Übernachtung bei Frau Schausten: 150 Euro. Ein netter Abend bei Freunden: unbezahlbar“, schreibt „CoachBecci“. „Steili“ behauptet tapfer: „Chuck Norris übernachtet bei Frau Schausten, ohne 150 Euro zu bezahlen!“

Kurz: Dieser Punkt des Interviews geht wohl eindeutig an den Bundespräsidenten. Ob Bettina Schausten ihre Freunde wirklich bezahlen muss oder ob sie einfach im Affekt auf die unerwartete Nachfrage Wulffs Unsinn geantwortet hat – diese Information bleibt offen. Das ZDF teilte auf Nachfrage am Donnerstagmittag mit: „Frau Schausten wird sich zu der 150-Euro-Frage nicht äußern, da das Thema der Stunde der Bundespräsident ist und nicht die privaten Gepflogenheiten von Frau Schausten.“

Das klingt ähnlich beleidigt wie so manche Einlassung des ertappten Wulff. Schließlich sind die „privaten Gepflogenheiten“ von Frau Schausten von ihr selbst zur besten Sendezeit über ARD und ZDF verbreitet worden. Niemand hat es ihr unter Folter abgepresst – und es hätte vor Mittwochabend auch niemanden interessiert.

Überhaupt hat der Auftritt des Präsidenten durch die Leistung der fragenden Journalisten an Format gewonnen. Neben Schausten führte der Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio, Ulrich Deppendorf, das Gespräch. Wulff war nervös, aber gut vorbereitet. Entlarvend war, dass er sich zwar entschuldigte, sich aber von den meisten Fehler-Eingeständnissen schon mit Hilfe der Grammatik distanzierte. Wulff nutzte das Wort „man“, wo er „ich“ hätte sagen sollen. Den Fragern ist es nicht aufgefallen.

ksta.tv

Sie waren zwar während des gesamten Gesprächs offensiv empört, machten es dem Befragten aber leicht – etwa indem sie sich in Einzelfragen wie Wulffs BW-Bank-Kredit verzettelten und darauf so schlecht vorbereitet waren, dass der Bundespräsident auch hier punktete. Ulrich Deppendorf hätte den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Immobilienkredit und dem Kredit Wulffs, dessen Zinsen sich kurzfristig am Geldmarkt orientieren, kennen sollen, bevor er eine faktisch unzutreffende Suggestivfrage über Kredite stellt, die angeblich Normalbürgern nicht offen stehen.

Überhaupt, Suggestivfragen: Es ist eine furchtbare Angewohnheit von Journalisten, die sich auf der richtigen Seite wähnen, ihren Gesprächspartnern mit Fragen wie „Ist es nicht so, dass …?“ oder „Aber müssten sie nicht …?“ Zustimmung abpressen zu wollen. Das wirkt rechthaberisch und führt selten zum gewünschten Ergebnis.

Bieder und humorlos

Ebenfalls unelegant: Beide Sender ließen den Inhalt des aufgezeichneten Gesprächs anschließend in ihren Nachrichtensendungen von Deppendorf und Schausten selbst beurteilen. Die Interviewer verteilen Haltungsnoten für den Interviewten – das ist eigentlich unüblich.

Aber vielleicht passte es auch. Der biederen Mittelmäßigkeit dieses Bundespräsidenten standen die Interviewer an diesem Abend an biederer Mittelmäßigkeit nichts nach. Humorlos, pharisäerhaft, uninspiriert. Mehr als die 150-Euro-Frage wird von diesem Gespräch deshalb nicht bleiben. Ein schlagfertiger Bundespräsident hätte das genutzt.

Statt weinerlich für Politiker das Recht auf private Freunde einzufordern, hätte Wulff nach Schaustens Geständnis nur mitleidig sagen müssen: „Das tut mir leid für Sie.“ Aber vielleicht kennt man sich für solcherlei Gemeinheit dann doch zu gut. Schließlich haben die ZDF-Journalistin und der Bundespräsident sich auch schon mal in Wulffs Urlaubsort getroffen. Zum ZDF-„Sommergespräch“ auf Norderney.



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