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Deutsche Bahn

Ein ganzer Zug ohne Klopapier

Von Peter Kirnich, 09.01.12, 10:41h, aktualisiert 09.01.12, 13:57h

Ungültige Reservierungen, falsche Züge, Leseverbot im Bordrestaurant: Auf einer Homepage veröffentlichen Reisende ihre Leidensgeschichten mit der Deutschen Bahn. Manche Erlebnisse sind bizarr und fast alle sehr ärgerlich.

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Teuer, aber nicht immer befriedigend: Eine Fahrt mit der Deutschen Bahn. (Bild: dapd)
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Teuer, aber nicht immer befriedigend: Eine Fahrt mit der Deutschen Bahn. (Bild: dapd)
Herr S. wollte am 1. Dezember von Augsburg nach München fahren. Gelöst hatte er ein ICE-Ticket, doch zu seinem Erstaunen stand ein in die Jahre gekommener IC am Gleis: "Vom Komfort eines ICE war nichts zu spüren", schreibt Herr S. "Das ist eine Täuschung des Kunden."

Herr S. ist einer von vielen Bahnkunden, deren Reiseerlebnisse auf der Homepage des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) zu lesen sind. Der VCD hat Reisende aufgerufen, unter vcd.org/bahngeschichten ihre Erfahrungen mit der Bahn zu schildern. Viele haben das bereits getan. Erstes Fazit: "Die Reisenden haben durchaus Verständnis, wenn es unterwegs Probleme gibt. Aber sie ärgern sich, wenn die Bahn schlecht informiert und ihre Kunden im Regen stehen lässt", sagt VCD-Sprecherin Anja Smetanin. Die Aktion soll bis Ende März laufen und schließlich ein deutschlandweites Stimmungsbild liefern, hofft der VCD. Das tut sie jetzt bereits, wie die kleine Auswahl beweist:

Herr K. saß drei Stunden im Zug in einem Tunnel fest. Ein Evakuierungsversuch wurde abgebrochen. Nachdem er in einen Anschlusszug umsteigen konnte, sagten ihm drei Schaffner, es gebe keinen Anschluss nach Brüssel mehr. Sicherheitshalber recherchierte K. im Internet. Siehe da: Es gab noch einen Anschluss. Hätte er auf die Bahn gehört, hätte er sich eine Übernachtung in Frankfurt suchen müssen. "So kam ich um 21.30 Uhr in Brüssel an."

Freitagnachmittag in einem ICE, kurz vor Frankfurt am Main: Plötzlich kommt die Durchsage, der Zug sei überladen, in Frankfurt-Flughafen müssten Passagiere aussteigen. Die Aufforderung kam mehrfach, doch nichts tat sich. Schließlich verwies der Zugbegleiter Kunden ohne Platzreservierung einfach aus dem ICE.

Stefan B. saß einen Tag vor Heiligabend im ICE nach Mannheim, als in seinem Waggon das Licht ausfiel. Der Wagen wurde evakuiert. B. fand in dem überfüllten Zug nur einen Platz im Gang eines anderen Wagens. Glück im Unglück: Nach einer Stunde konnte er zurück auf seinen reservierten Platz.

Ähnlich erging es einem Reisenden zwischen Tübingen und Rheydt. Lange vorher hatte er sich Plätze reserviert. Die Fahrt kostete trotz Bahncard 250 Euro für zwei Personen: "Aber man hat die Zusage für zwei Plätze im Ruhebereich, die Möglichkeit für ein Nickerchen, gemütlich vespern, lesen, am Laptop arbeiten. Wunderbar!"

Die Realität sah anders aus: "Der Zug war brechend voll, die reservierten Plätze gab es nicht. Auskunft des Zugbegleiters: Der halbe Zug ist in Reparatur."

Dank des bisher milden Winters und des letzten relativ kühlen Sommers blieben in den vergangenen zwölf Monaten vielen Bahnreisenden chaotische Zustände wie im Sommer 2010 und im Winter 2010/2011 weitgehend erspart.

Zur Erinnerung: In der Sommer-Hitzewelle 2010 waren 43 Klimaanlagen zum Teil ausgefallen, was zu einer Überhitzung der Züge geführt hatte. Zehn weitere Züge mussten komplett geräumt, viele Passagiere ärztlich behandelt werden. Im Winter darauf war es der Pulverschnee in ICE-Lüftungsschächten, der die Elektronik lahmlegte und etliche Züge teils stundenlang zum Stehen zwang.

Vor allem die Berliner können ein Lied davon singen, wohin vernachlässigte Wartung führt. Die S-Bahn ist aufgrund der vielen Zugausfälle ein Dauerproblem.

Ein Manager schildert, er wollte mit einer Kollegin beim Essen im Zugrestaurant einige dienstliche Dinge besprechen. Ein Restaurantmitarbeiter sagte, dass man es nicht gern sehe, wenn im Restaurant gearbeitet werde. Der Laptop müsse geschlossen bleiben, Unterlagen dürften nicht ausgebreitet werden, selbst Zeitunglesen war unerwünscht. Kunden, hieß es, fühlten sich davon gestört. "Später las ich eine Anzeige, in der die Bahn ihre Vorteile pries: Die Bahn sei ein fahrendes Büro, in dem man arbeiten und Kaffee trinken könne."

Rund 100 solcher Reiseberichte sind bereits nach wenigen Wochen beim VCD eingegangen. Nicht immer hagelt es Kritik. Hier und da ist auch Lob dabei. Frau J. berichtet, sie sei oft im Zug unterwegs. Seitdem die DB einen neuen Chef habe, sei das Personal freundlicher geworden.

"Danke, guter Lokführer", schreibt ein Reisender. "Sie haben haben ein paar Minuten gewartet und mich heimgebracht. " Und noch ein Lob: "Meine Mutter wollte von Leipzig nach Magdeburg reisen", schreibt E. R. "Sie hatte aber ihre Bahncard bei mir in Dresden vergessen", schildert die Tochter. Sie wandte sich an den DB-Servicepoint. Dort reagierte man schnell, steckte die Bahncard in die Dienstpost und schickte sie zum Servicepoint in Leipzig. "Dort konnte sie meine Mutter zwei Stunden später abholen." Leider sind solche Einträge die Ausnahme. Die Bahn bekomme es nicht einmal hin, auf der Fahrt von Zürich nach Hamburg das Toilettenpapier nachzufüllen, schreibt A. H. "Im ganzen Zug war keine einzige Toilette damit ausgestattet. Die waren darüber hinaus in einem erbärmlichen Zustand."

"Es ist schon erstaunlich, dass die Bahn es schafft, auf einer Strecke von etwa einer halben Stunde 48 Minuten Verspätung zu haben", schimpft ein Passagier. "Was ich vermisse?", so ein anderer Fahrgast: "Trockene, saubere und im Winter beheizbare Warteräume."

Vielleicht ändert sich ja daran in naher Zukunft etwas. Vor gut einem Jahr hatte Bahnchef Rüdiger Grube eine Kunden- und Qualitätsinitiative angekündigt. Bis 2015 sollen rund 330 Millionen Euro unter anderem in sauberere Züge, modernere Bahnhöfe und mehr Service investiert werden. "Wir werden die Bahn stets daran erinnern", sagt VCD-Sprecherin Smetanin.

Beim jüngsten VCD-Bahntest hatte es jedenfalls erneut nur befriedigende Noten gegeben. Jeder dritte Zug, so hatte der VCD errechnet, erreiche sein Ziel nicht pünktlich. Die Testergebnisse und die Reise-Schilderungen sollen den Bahnbetreibern vorgelegt werden. "Wir erwarten, dass sich dann etwas ändert", sagt Smetanin. Es muss ja nicht gleich jeder Kundenwunsch erfüllt werden wie etwa dieser: "Allgemeine englische Durchsagen im Zug sollten von Engländern gesprochen werden", fordert ein Reisender. Und weiter: "Es klingt furchtbar, wenn ein Schwabe Steischen oder Direktschen sagt." Aber das ist nun wirklich eine Frage des Geschmacks.

Wie sind ihre Geschichten mit der Bahn? Ob gute oder schlechte Zeiten - wir sind gespannt auf eine angeregte Diskussion auf www.facebook.com/ksta.fb.



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