Von Claudia Lehnen, 19.01.12, 16:11h, aktualisiert 20.01.12, 15:55h
ADA BORKENHAGEN: Weil das Aussehen immer wichtiger wird. Es ist Garant für den Erfolg im Leben. Sowohl beruflich als auch privat.
War das nicht schon immer so? Ich habe gelesen, dass sich Frauen in den zwanziger Jahren Glaskugeln oder Wolle in die Brüste operieren ließen und Mumien der Ägypter mit angenähten Ohren gefunden wurden.
BORKENHAGEN: Natürlich gab es schon immer ein Schönheitsideal. Aber es war nie so eine Ware wie heute. Das ermöglichte erst der medizinische Fortschritt. Heute ist eine Schönheits-Operation für viele Menschen erschwinglich. Außerdem müssen Sie auch an die Partnerwahl denken, die heute nicht nur einmal in jungen Jahren erfolgt.
Wenn wir ohnehin noch schön sind.
BORKENHAGEN: Genau. Die Zahl der Scheidungen nimmt zu. Dann müssen wir mit 40 noch einmal suchen. Und mit Ende 50 vielleicht noch einmal. Und gerade bei der Internetsuche von Partnern spielt das Bild eine sehr viel größere Rolle als beim Kennenlernen in der wirklichen Welt.
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Ist das nicht vollkommen unklug, dass wir uns von der Optik so austricksen lassen? Wäre es nicht viel pragmatischer, wenn wir statt nach einem schönen nach einem fähigen Mitarbeiter, beziehungsweise nach einem charakterlich integren Ehepartner suchen würden?
BORKENHAGEN: Das stimmt nicht ganz. Schließlich steht die Attraktivität ja auch für etwas. Ein schlanker Mitarbeiter scheint in der Lage zu sein, seine Triebe zu beherrschen und sich selbst zu optimieren. Das ist für uns ein großes Ideal.
Das gilt, wenn er sich durch Joggen oder Schwimmen fit hält. Eine Schönheits-Operation passt zu dieser Ethik aber nicht. Die ist schließlich ganz ohne Schweiß zu haben.
BORKENHAGEN: Ja, die Chirurgie gilt in Deutschland als anrüchig, weil sie erkauft ist. Das schuldet sich unserem Ideal aus der Romantik, das übrigens auch in der Nazizeit hochgehalten wurde: Natürlichkeit gilt als schön. Wir üben uns in Ertüchtigung. Aber schon Lippenstift war in den 30er Jahren verpönt.
Trotzdem hüpft heute das Erotikmodel Michaela Schäfer mit kaum verhüllten Silikon-Brüsten durchs Dschungelcamp und macht sich keinerlei Mühe, ihre Künstlichkeit zu verbergen.
BORKENHAGEN: Das ist vielleicht bei zweitklassigen Prominenten so oder in der Unterschicht. Schauspielerinnen, die etwas auf sich halten, leugnen Eingriffe häufig und schwören, ihre Haut sei durch ein spezielles Kopfkissen und viel Mineralwasser so glatt geblieben. Das ist natürlich häufig geschwindelt.
Das geht im Falle der Brüste allerdings nur, wenn es hinterher nicht nach eingenähten Fußbällen aussieht.
BORKENHAGEN: Das Modell Fußballbrust ist auch eher ein Modell aus den 90er Jahren. Heute operiert man natürlichere Formen. Das hat auch mit dem medizinischen Fortschritt zu tun. Zum Beispiel kann man sich die Brust heute auch mit Eigenfett aufspritzen lassen. Das ist relativ ungefährlich, ergibt relativ natürliche Brüste, ist allerdings auch teurer und aufwändiger.
Wenn die Sache ungefährlich wird, müssten wir sie auch nicht mehr verdammen und könnten uns einfach an den schönen Körpern erfreuen.
BORKENHAGEN: In der Tat kann man medizinisch gegen gewisse Dinge kaum mehr etwas sagen. Gerade bei minimalinvasiven Eingriffen wie Botox- oder Hylauronspritzen ist das Risiko sehr gering. Und wahrscheinlich kann man in der Zukunft mit neuartigen Hylauronsäuren ganze Körper modellieren. Bei den Eingriffen kann sehr wenig passieren. Wenn etwas schief geht, ist das etwa so, wie wenn der Friseur den Schnitt verpfuscht. Dann muss man halt drei Monate damit rumlaufen, bis der wieder rausgewachsen ist.
Bleibt nur ein soziales Problem.
BORKENHAGEN: Klar, es wird eine Frage des Budgets sein. Gerade die minimalinvasiven Eingriffe müssen regelmäßig wiederholt werden, etwa wie ein Friseurbesuch. Da stellt sich dann die Frage, ob man sich das leisten kann. Es wird dann wohl verschiedene Schichten geben, die sich über den Körper und dessen Schönheit differenzieren.
Warum soll ich mir als emanzipierte Frau überhaupt die Brüste aufspritzen lassen? Schließlich kämpfe ich doch eher gegen die Reduzierung aufs Äußerliche.
BORKENHAGEN: Das stimmt natürlich. Allerdings ist die kulturelle Vorstellung, dass die Frau ein Objekt zum Anschauen ist, das stärker nach dem Körper bewertet wird, einfach sehr tief in uns verankert. Und für manche Frauen ist die Beschäftigung mit ihrer Schönheit durchaus ganz pragmatischer Natur.
Inwiefern das?
BORKENHAGEN: Schauen Sie sich die Einkommensverhältnisse in Europa an. Viele Frauen sind immer noch vom Gehalt des Mannes abhängig. Da ist es quasi existenziell, sich schön zu machen, damit der Partner einen nicht verlässt.
Würden Sie sich chirurgisch verschönern lassen?
BORKENHAGEN: Ich habe in den Achtzigern sehr schwere Ohrringe getragen und mir damit das Ohrläppchen durchgerissen, Das habe ich mir wieder zusammen nähen lassen.
Setzen uns die schönretuschierten Körper aus der Werbung unter Druck?
BORKENHAGEN: Sicherlich. Wir sehen heute am Tag sehr viel mehr Bilder von nackten Körpern, zum Beispiel auf Werbeplakaten, als wir wirkliche nackte Körper sehen. Und die Dessous-Models sind natürlich mit Photoshop retuschiert. Sie suggerieren uns ein Schönheitsideal, dass es in der Natur kaum geben kann.
Immerhin haben wir eine Kanzlerin, die nun ja nicht wie ein Supermodel aussieht. Ist das ein gutes Zeichen?
BORKENHAGEN: Auf jeden Fall. Sie ist ein wichtiges Frauenvorbild. Obwohl auch Merkel vermutlich erst durch ihren neuen Stil und ihre neue Frisur wählbarer wurde. Zwar hat ihre Frisur nichts mit ihrer Fähigkeit als Politikerin zu tun. Trotzdem glaube ich, dass eine sehr schöne, optisch perfekte Frau in Deutschland nicht Kanzlerin geworden wäre.
Warum nicht?
BORKENHAGEN: In Deutschland fällt es uns schwer, einer schönen Frau Kompetenz zuzusprechen. Wir leben in einer männlichen Welt. Und für Männer wäre es sehr bedrohlich, wenn eine Frau beides wäre: schön und fähig.
Heute wird der Körper viel mehr getunt als früher. Junge Menschen enthaaren sich zum Beispiel häufig komplett. Fast alle Körperteile unterliegen gewissermaßen einem Schönheitsideal.
BORKENHAGEN: Ja, in Amerika sind gerade Oberarmkorrekturen im Trend. Ausgelöst hat das wohl Michelle Obama mit ihren perfekt definierten Oberarmen. Aber auch Vaginen werden in Form geschnitten, Füße müssen perfekt sein. Vor kurzem gab es einen Aufschrei, weil Victoria Beckham Stilettos trug, die ihre starken Ballen zeigten. Ihr wurde eine Operation angeraten. Im festen Schuhwerk meiner Oma hätte diese Ballen niemand zu Gesicht bekommen.
Ist dieser Perfektionismus nicht auch eine Modeerscheinung, die sich mal wieder ändern wird?
BORKENHAGEN: Die Mode wird sich sicher ändern. Vielleicht wird es in einigen Jahren wieder in sein, das Schamhaar lang zu tragen. Aber der Trend zur Selbstverbesserung wird bleiben. Dann muss man eben sein üppiges Schamhaar hübsch machen. Interessant ist, dass es heute nicht nur die Haare oder die Kleider sind, die einer Mode unterliegen, sondern der Körper selbst.
Was sicher einfach eine Folge der Möglichkeiten ist. Früher waren Verschönerungen vermutlich nicht so einfach möglich.
BORKENHAGEN: Ja. Es gab Bemühungen. Allerdings beschränkten sich die eher darauf, Stigmata zu beseitigen. In Ägypten wurden Gefangenen zum Beispiel die Nasen abgeschlagen. Die hat man dann irgendwie wieder angenäht. Schön sah das meist nicht aus. Früher war man schon schön, wenn man gerade Zähne hatte. Und das war dann eine Gabe Gottes.
Wenn sich die Mode immer wieder ändert, wird dann auch die Hängebrust mal die Form der Wahl werden?
BORKENHAGEN: Kann gut sein! Denken Sie an die Spitzbrüste aus den Zwanziger Jahren. Die waren damals sehr angesagt und es gab überall die entsprechenden BHs. Dinge geraten aus der Mode, wenn alle sie haben. Wenn alle fußballpralle Brüste tragen, dann kommt vielleicht die Zeit der Hängebrust. Und wir lassen uns das hinoperieren. Oder flachbrüstig wird der neue Trend.
Das Interview führte Claudia Lehnen
Dr. Ada Borkenhagen ist Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin sowie Privatdozentin an der Uni Leipzig
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Nun ja ...
21.01.2012 | 16.48 Uhr | C Koerbchen
... es ist oftmals einfach so: Frau hat tolle Locken und wünscht sich schön glattes Haar, Frau hat eine große Körbchengröße und hätte lieber was in…
diese kugeligen Dinger ...
20.01.2012 | 14.58 Uhr | Hilfskraft
sind wohl weniger zum Anfassen, eher zum Ansehen und Appetitholen gedacht.
Zapt man nachts durchs TV-Programm, sieht man, wofür sie da sind. Mann…
Manipuliert
20.01.2012 | 07.25 Uhr | mr.wiseman
Natürlich ist heute die Versuchung groß, sich selbst mit ein paar Eingriffen zu perfektionieren. Wer es mag, und wem es egal ist, ab einem bestimmten…
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