Von Dirk Riße, 27.01.12, 14:06h
WALTER SITTLER: Auf keinen Fall. Nach der Volksabstimmung darf die Regierung kein Kündigungsgesetz auflegen, aber das Volk hat nicht beschlossen, dass es einen Schrägbahnhof haben will oder dass das Projekt viele Milliarden mehr kosten soll. Der Protest geht weiter, wenn auch nicht so stark. Die unglaublichen Fehler und Versäumnisse sind ja nicht weg.
Wie geht’s weiter?
SITTLER: Die Deutsche Bahn bereitet den Abriss des Südflügels vor, obwohl sie gar nicht das Baufeld eröffnen kann – weil sie das Grundwassermanagement nicht im Griff hat. Es gibt keine Firma, die den Nesenbach, der da durchfließt, tieferlegen will. Frühestens in zwei Jahren wäre der Abriss notwendig. Er wird aber aus politischen Gründen vorgezogen: Es geht um wahnsinnig viel Geld und darum, die rot-grüne Landesregierung zu schwächen.
Haben Sie Geschmack an der Politik gefunden?
SITTLER: Nicht als Hauptberuf, ich bin Schauspieler. Als Mitglied der Gesellschaft schon, weil wir das politische Handeln mit der Wahl nicht aus der Hand geben. Die Politiker brauchen die Rückmeldung der Menschen. Die sind ja nicht mit der absoluten Weisheit gesegnet, nur weil sie gewählt wurden.
Am 31. Januar spielen Sie in der Kölner Oper „Als ich ein kleiner Junge war“. Was reizt Sie an Erich Kästner?
SITTLER: Die schöne und verständliche Sprache. Die Fähigkeit Kästners, mit wenigen Worten Bilder entstehen zu lassen. Kästner erhebt sich nicht über die Menschen, er beschreibt einfach, und überlässt es dem Zuhörer, sich sein Urteil zu bilden.
In bislang 200 Vorstellungen kamen 80 000 Zuschauer: Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
SITTLER: Nein, ich dachte, so ein Erzähltheater interessiert doch keinen. Da sitzen sechs Musiker herum, und einer geht hin und her und erzählt was mit Kästners Worten. Es gibt nicht einmal einen griffigen Namen für das, was wir machen. Ich glaube, es funktioniert, weil die Menschen in aller Ruhe zuhören können. Kästner verführt die Menschen zu sich selbst, und das ist das, was wir auch im Theater wollen: Etwas über sich und die Welt zu erfahren. Die Fantasie in Gang zu setzen. Zuschauer sagen mir: Sie sehen mehr, als wir spielen.
Was macht den Stoff so aktuell?
SITTLER: Das Buch wurde 1956 geschrieben, aber viele Probleme der Jugend sind gleich geblieben. Die Schwierigkeiten, mit der Welt klarzukommen. Die Vorstellung, dass Kinder nur fröhlich sind und in der Gegend herumhüpfen, ist blödsinnig. Jeder, der sich an seine Kindheit erinnert, weiß, es war auch scheußlich. Kästner schreibt darüber, wie man mit der Welt klarkommen kann, und das ist doch das, was wir letztlich alle verzweifelt versuchen.
Kästner gilt noch immer als Kinderbuchautor, war aber auch ein politischer Mensch …
SITTLER: … ein hochpolitischer. Das sieht man auch an den Sachen, die er während des Dritten Reichs geschrieben hat. Man tut gut daran, das in aller Ruhe zu lesen, um ein Bild zu bekommen, wie es den Menschen damals ging.
Wie kam Ihr Projekt zustande?
SITTLER: Das war ursprünglich eine Idee des Produzenten Martin Mühleis – für eine kleine literarische Reihe in einem Kulturzentrum. Die Leute waren begeistert, und Martin Mühleis sagte: Wir machen daraus einen Theaterabend. Ich war skeptisch, aber er hatte recht. Seit sechs Jahren spielen wir es nun, und auch nach 200 Vorstellungen habe ich das Gefühl, dass die Leute da sitzen wie Kinder, die einer Erzählung zuhören.
Den Kölnern liegen natürlich Ihre Arbeiten mit Mariele Millowitsch am Herzen. Wird es eine Fortsetzung zu „Nikola“ geben?
SITTLER: Nein. Das Fernsehen hat seine Zeit, und dann hört man damit auf. Wir haben uns verändert und machen andere Sachen. Wenn alles gut geht, drehen wir aber im Sommer einen Film zusammen – in Köln. Es wird eine Komödie sein, das Buch ist aber noch nicht fertig. Genaueres darf ich noch nicht verraten.
Das Gespräch führte Dirk Riße
Sinnfrage an Karin Beier: Wie viel Theater braucht der Mensch?
Anders Breivik: Empörung über Theaterstück
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