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Beate Uhse

„Die Unsterblichkeit des Pornos“

Erstellt 04.02.12, 15:32h

Der Erotikkonzern Beate Uhse verkauft inzwischen kaum noch einschlägige DVDs. Umsatz wird vor allem mit Wäsche und Sexspielzeug gemacht, erzählt Firmenchef Serge van der Hooft im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“

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Ein Schaufenster der Erotikboutique in Berlin (Bild: dapd)
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Ein Schaufenster der Erotikboutique in Berlin (Bild: dapd)
Herr van der Hooft, wissen Sie, welches das neueste Produkt in Ihrem Sortiment ist?

Serge van der Hooft: Oh ja, das kenn ich. Das ist der We-Vibe drei. Sechs Stufen, wasserfest, kabellose Fernbedienung. Ein tolles Produkt.

Kein Spielzeug-U-Boot, oder?

Van der Hooft: Nein, aber ein Spielzeug. Es ist ein Vibrator für Paare.

Klingt, als seien Sie mit den Verkaufszahlen zufrieden.

Van der Hooft: Absolut. Schon die Vorgängermodelle eins und zwei liefen wirklich gut. Die dritte Generation wurde nochmals verbessert. Ich denke, damit können wir Spaß garantieren.

Die wirtschaftliche Situation Ihrer Branche ist dagegen überhaupt nicht spaßig. Die Umsätze magern ab, die Verluste werden fetter. Was läuft da falsch?

Van der Hooft: Wir haben eine Produktkrise. Früher waren Video-Kassetten und DVDs unser Hauptgeschäft. Dann kam das Internet, und die Filme waren frei verfügbar. Das hat unsere Branche unter Druck gebracht. Filme machten vor zehn Jahren 80 Prozent unseres Umsatzesaus. Jetzt ist es nur noch ein Zehntel.

Dafür wirken Sie aber ausgesprochen entspannt.

Van der Hooft: Das bin ich auch. Wir sind auf dem richtigen Kurs, und ich mache mir wirklich auch keine allzu großen Sorgen. Erotik wird wie Essen und Trinken immer zum Leben gehören.

Tatsächlich werden hierzulande Tag für Tag knapp 600 000 Kondome gekauft, was vermuten lässt, dass den Deutschen die Lust nicht vergangen ist. Wie viele Kunden haben Sie?

Van der Hooft: Etwa fünf Millionen in Europa, davon mehr als zwei Millionen in Deutschland.

Allerdings hat sich der Umsatz halbiert, seit Sie Chef sind.

Van der Hooft: Das ist der Preis unseres Umbaus bei Beate Uhse. Wir haben unrentable Läden geschlossen, den Großhandel zentralisiert, die Katalogauflage gekürzt. Dadurch haben wir unrentablen Umsatz verloren, aber Kosten gespart und die Verluste deutlich reduziert. 2012 werden wir ohne Verlust beenden.

Ist es eine Last, für das Lebenswerk einer bedeutenden Frau der deutschen Nachkriegszeit verantwortlich zu sein?

Van der Hooft: Nein. Es ist eine große Verantwortung. Ich habe Beate Uhse leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Sie starb drei Monate, bevor ich 2001 in das Unternehmen kam. Aber ich weiß natürlich, was sie geleistet hat und welches Erbe ich zu tragen habe. Es ist eine Ehre für mich. Sie ist immer dafür eingetreten, Erotik als etwas völlig Normales zu betrachten. Heute sind wir an diesem Ziel angekommen.

Das hilft Ihnen im Moment aber offenbar auch nicht weiter. Wie wollen Sie das Unternehmen fortführen?

Van der Hooft: Es wird weniger Filialen für Männer in den Rotlichtvierteln geben, dafür entstehen helle offene Erotikboutiquen für Frauen und Paare in den Innenstädten.

Spielt der Katalog noch eine Rolle?

Van der Hooft: Ja, aber nur noch eine Nebenrolle. Wir brauchen den Katalog und die Läden vor allem, um die Marke zu pflegen. Der Wachstumstreiber von Beate Uhse ist eindeutig das Internetgeschäft. Hundertprozentig.

Nichts gegen Ihren Optimismus, aber woher soll das Wachstum kommen? Die Topografie der erogenen Zonen ist lückenlos erkundet, und es istunwahrscheinlich, dass neue Körperöffnungen entdeckt werden.

Van der Hooft: Damit rechne ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber dafür werden die bekannten Gebiete von immer mehr Menschen als Experimentierfeld entdeckt.

Obwohl der Anteil älterer Menschen zunimmt?2030 wird jeder dritte Deutsche über 60 sein.

Van der Hooft: Das sagt doch gar nichts. Es gibt Untersuchungen, nach denen das gefühlte Alter um zehn bis 15 Jahre unter dem tatsächlichen liegt. Wer alt ist, muss sich nicht alt fühlen. Außerdem hat Erotik nichts mit dem Alter zu tun. Unser We-Vibe ist das beste Beispiel. Diesen Vibrator hat ein Ehepaar entwickelt, das weit über 60 ist. Ist Sexspielzeug inzwischen das Hauptgeschäft von Beate Uhse? Van der Hooft: Ja, zusammen mit Wäsche. Beides zusammen macht mittlerweile vier Fünftel unseres Umsatzes aus.

Wie viele Produkte haben Sie eigentlich im Sortiment?

Van der Hooft: So um die 20 000 Artikel. Am Tag verkaufen wir etwa 12 000. Dafür, dass niemand zugibt, bei uns zu kaufen, ist das eine ganze Menge, oder?

Und das Pornogeschäft ist tot?

Van der Hooft: Nein. Der Mann von heute guckt genauso gerne Pornos wie der Mann vor zehn, 15 Jahren. Nur schaut er heute über das Internet oder nutzt das Video-on-demand-Angebot. Porno wird immer in unserer Gesellschaft bleiben. Ich glaube an die Unsterblichkeit des Pornos. Unser Hauptgeschäft werden Filme aber nicht mehr werden.

Wer kauft bei Beate Uhse?

Van der Hooft: Vor allem Frauen. Vor zehn Jahren war vielleicht jeder fünfte unserer Kunden eine Frau. Heute sind sie in der Mehrzahl. 60 Prozent, schätze ich. Es kommen auch viele Paare. Oft auch junge Paare.

Sind Frauen bessere Kunden als Männer?

Van der Hooft: Sie sind anspruchsvoller. Was sie wollen, muss gut aussehen, es muss sich gut anfühlen, muss eine gute Qualität haben. Sie gucken nicht zuerst auf den Preis. Heute verkaufen wir viele Artikel für 80 bis 130 Euro.

Könnte man sagen, dass mittlerweile die Fantasielosigkeit der Männer Ihr Geschäft ist?

Van der Hooft: Es sieht so aus. Leider.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach



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