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Kölner Bilanz

Jeder Siebte von Armut bedroht

Von Dirk Risse, 06.02.12, 16:36h, aktualisiert 08.02.12, 17:49h

Köln ist eine gespaltene Stadt: Die Lebensbedingungen in den einzelnen Stadtteilen sind extrem unterschiedlich. Die höchste Arbeitslosogkeit herrscht in Finkenberg, die Einwohner in Rodenkirchen und Lindenthal stehen finanziell am besten.

Armut in Köln
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Kinder, die in Hochhaussiedlungen wie am Meschenicher Kölnberg leben, wachsen in relativer Armut auf. (Bild: dpa)
Armut in Köln
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Kinder, die in Hochhaussiedlungen wie am Meschenicher Kölnberg leben, wachsen in relativer Armut auf. (Bild: dpa)
Köln - Die Armutsgefährdung im Raum Köln nimmt trotz Wirtschaftswachstums zu. Laut Armutsbericht 2011 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes stieg die Quote von 2008 auf 2010 von 14 auf 15,1 Prozent. Köln liegt damit bundesweit im Mittelfeld, aber deutlich hinter Städten wie Düsseldorf (14,2 Prozent) und Bonn (11,5 Prozent).

Von süddeutschen Musterstädten wie Ulm (8,4 Prozent), aber auch der verarmten Kapitale Berlin (19,2 Prozent) ist Köln weit entfernt. Ausgewertet wurden Daten aus dem Mikrozensus von Bund und Ländern - ein Prozent der deutschen Haushalte. Wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. Momentan liegt die Grenze zur Armutsgefährdung bei 826 Euro.

Die schnöde Lektüre der städtischen Strukturdaten zeigt schnell, dass sich auch unter den Einwohnern verschiedener Kölner Stadtteile eine enorme soziale Kluft auftut. "Köln ist eine sehr gespaltene Stadt", sagt Monika Dierksmeier vom Paritätischen Verband in Köln. Generell gilt: Die Einwohner in den Bezirken Rodenkirchen und Lindenthal leben materiell am besten, die höchste Arbeitslosigkeit, die meisten Hartz-IV-Bezieher und die wenigsten Gymnasiasten gibt es in den Bezirken Kalk und in Teilen von Mülheim und Chorweiler.

Während im September 2011 - neuere Zahlen für die Stadtteile liegen nicht vor - in Kalk 17,9 Prozent der Menschen arbeitslos sind und 27,5 Prozent Leistungen nach Hartz IV beziehen, sind es in Lindenthal lediglich 3,4 Prozent beziehungsweise 2,6 Prozent. An der Spitze in der Arbeitslosenstatistik liegt Finkenberg mit 22,4 Prozent vor Vingst (18,3 Prozent) und Chorweiler (18,2 Prozent). Die Arbeitslosenquote im Hahnwald liegt dagegen bei 0,7 Prozent.

Deutliche Unterschiede bei Schulbildung

Auch bei den durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen gibt es deutliche Unterschied unter den Bürgern der verschiedenen Stadtteile, so die städtische Umfrage "Leben in Köln". Familien in Lövenich und Widdersdorf stehen 3000 beziehungsweise 2900 Euro zur Verfügung, Familien in Chorweiler, Kalk, Höhenberg und Vingst lediglich 1400 Euro. Stadtweit kann eine Kölner Familie 2100 Euro im Mittel ausgeben.

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Möglicherweise wird sich die soziale Spaltung der Stadt auch künftig nicht verringern: Zumindest wenn man die Schulbildung als Maßstab für die künftigen Jobchancen anlegt, zeigen sich erneut deutliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen. Während in Lindenthal 88,8 Prozent und in Junkersdorf 80,6 Prozent der Kinder den Sprung aufs Gymnasium schaffen, sind es in Kalk gerade einmal 21,3 Prozent, in Finkenberg 15,7 Prozent und in Raderberg sogar nur 12,7 Prozent. Dierksmeier vom Paritätischen Verband fordert mehr Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter für Kindergärten und Grundschulen in sozial schwachen Vierteln, um die Unterschiede zu verringern.

Arme Kinder sind häufiger krank

Immerhin ist - dem Bundestrend folgend - die Armutsrate bei Kölner Kindern leicht von 23,4 Prozent auf geschätzte 23,1 Prozent (September 2011) gesunken: 30.539 Mädchen und Jungen leben in Familien, die Hartz IV beziehen. Armut hat für die Mädchen und Jungen durchaus Folgen: Kinder aus Stadtteilen mit hoher Hilfeempfängerdichte sind häufiger krank als andere Mädchen und Jungen, so der städtische Gesundheitsbericht. Ihre Krankheiten werden später erkannt, sie leiden häufiger unter Übergewicht und Verhaltensauffälligkeiten. Die kinderärztliche Versorgung ist in sozial schwachen Gebieten aber eher schlecht: In Meschenich praktiziert kein einziger Kinderarzt. Derzeit hilft eine Ärztin aus Rondorf aus, die einmal im Monat eine Sprechstunde anbietet.

Wenn das Forschungsinstitut Pestel recht behält, werden künftig auch manche Senioren zu den Wohlstandsverlierern gehören: Danach werden im Jahr 2020 von den geschätzten 187.000 Kölner Rentnern 17.400 von der staatlichen Grundsicherung leben. Im Jahr 2010 waren es 10.000 von 183.000. "Es wird mehr Menschen geben, die sich Kreuzfahrten leisten", sagt Pestel-Vorstand Matthias Günther, "aber auch mehr, die richtig arm sind." An den Rand der Stadt ziehen könnten die meisten Rentner aber kaum, weil sie auf eine gute Infrastruktur in ihrer Nähe angewiesen sind.



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