Von Luca Balzer, 09.02.12, 07:00h
Es schellt schrill, die Schüler der 8a packen ihre Sachen zusammen. Lu und Hundepapa Schweibert verlassen den Raum zuletzt. Gelassen lässt sich Lu von den Schülern streicheln. Anton (14) berichtet beim Verabschieden von seinen Erfahrungen mit Lu: „Unsere Klasse wird durch sie viel leiser, weil wir möchten, dass sie in unseren Unterricht kommt. Sind wir zu laut wie am Anfang, verlässt sie nämlich einfach den Raum.“ Marie (13) nickt eifrig. „ Früher konnte man kaum sein eigenes Wort in der Klasse verstehen, und auch untereinander waren wir viel gröber. Durch Lu hat sich das geändert“, sagt sie.
Lu ist offenbar eine pädagogische Wunderwaffe. In ihrem Einsatzbereich, besonders lauten und aufmerksamkeitsbedürftigen Klassen, ist sie Expertin. Damit der Schulhund nicht zum bloßen Streicheltier verkommt, gibt es klare Verhaltensregeln. „Zum Beispiel dürfen die Kinder nicht im Flur rumschreien, wenn wir mit Lu kommen. Lu darf nicht gestreichelt werden, ohne sie vorher zu fragen, und sie und die Klasse dürfen im Unterricht nicht gestört werden“, erklärt Schweibert.
Auf Idee zur hundegestützten Pädagogik kam Schweibert über eine Nachbarin. „Nach einem Gespräch mit ihr über das Schulhundkonzept fing ich an, im Internet nachzuforschen und war immer begeisterter von der Sache. Die Schule war dabei sehr offen und von Anfang an angetan von der Idee“, so der Lehrer.
Kein staatlich geregeltes Berufsbild
Seit Mai 2008 erlaubt die Bezirksregierung Düsseldorf, dass in NRW die Schulleitung selbst über die Einführung eines Schulhundes entscheiden kann. Auch die Beteiligung der Schulkonferenz ist nicht zur Entscheidung über den „Einsatz von Schulhunden zur Unterstützung der pädagogischen Arbeit“ erforderlich. Die ersten richtigen Schritte sind dabei jedoch nicht ganz leicht.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind mit der steigenden Nachfrage und dem Einsatz von Hunden in vielen Bereichen der Pädagogik extrem vielfältig, aber außerdem unüberschaubar groß geworden. Auch weil es keine staatliche Regelung des Berufsbildes „Hundetrainer und Verhaltensberater“ gibt, ist die Gefahr des falschen bis kontraproduktiven Umgangs mit dem Hund groß.
„Als Betreuer den Hund durch die Ausbildung lesen zu können, ist wichtige Voraussetzung. Beim sogenannten Wesenstest werden Stresssituationen provoziert, die in der Schule beispielsweise im Flur entstehen können. Wenn dabei ein Hund in die Defensive gerät und aggressiv reagiert, beurteilt der Schultrainer den Hund als nicht schulhundgeeignet“, erklärt Schweibert. Die Ausbildungskosten liegen je nach Hund und Dauer zwischen 500 und 1000 Euro.
Richtig ausgebildete Schulhunde können umso mehr pädagogische Wirkung erzielen. Die Wissenschaft hat sich eingehend mit dem Einsatz von Tieren in Lern- und Krankheitssituationen beschäftigt. Die hundgestützte Pädagogik mit Tieren fördert, so das Ergebnis spezieller Studien, die emotionale und soziale Intelligenz der Schüler und steigert dadurch die verbalen und mathematischen Fähigkeiten.
Lu arbeitet nicht nur im Unterricht mit. In Arbeitsgemeinschaften lernen die Schüler den Umgang mit dem Hund. Kinder mit Hundeangst werden individuell langsam an das Tier herangeführt. „Gerade aus dem Training und den Übungen mit Lu können die Schüler viel für ihre eigene Persönlichkeit mitnehmen. Ein Hund ist gewissermaßen wie ein Spiegel für das Verhalten des Menschen. Ich muss seine Reaktion genau beobachten, muss mich selbst korrigieren und belohnen“, sagt Schweibert.
Den Schülern der nachmittäglichen AG machen solche Übungen sichtlich Spaß. Neben Mimik und Gestik sind bei den Anweisungen und Suchspielen eine klare Sprache und genaue Beobachtung vonnöten. Ansonsten trickst Lu gerne mal aus.
Halbes Hinlegen und ungeduldiges Hauen mit der Pfote sind dann die Folge, wie es Aileen aus der sechsten Klasse heute zu spüren bekommt.
Schüchterne Kinder werden selbstsicherer
Zudem ergeben sich über Lu viele neue Kommunikationssituationen unter den Schülern und auch zwischen Schülern und Lehrern. „Besonders schüchterne oder ruhige Kinder finden schnell einen Zugang zum Schulhund, da der Hund instinktiv auf das Verhalten der Kinder reagiert. In einer Klasse habe ich einen sehr verschlossen Schüler, der ständig den Kontakt zu Lu sucht, um über allgemeine Gespräche über den Hund viel mit mir zu kommunizieren. So öffnet er sich langsam und macht immer mehr mit“, freut sich Schweibert.
Lu ist zwei Tage die Woche im Einsatz. Danach ist sie wie jeder aus ihrem Kollegium platt. Auch wenn Lu viele besondere Talente hat, sie ist und bleibt ein Hund, wie Schweibert weiß: ,„Die Pausenbrote in den Ecken auf dem Schulgelände, auf dem sie sich auskennt, schnappt sie sich auch mal gegen meinen Willen. Und wenn sie am Ende des Tages gar keine Lust mehr hat, macht sie einen großen Bogen um die Schüler.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige