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Berlinale

Ein Eröffnungsfilm mit Problemen

Von Frank Olbert, 09.02.12, 21:07h, aktualisiert 13.02.12, 19:01h

Mit Benoit Jacquots Geschichtsfilm „Leb wohl, meine Königin“ sind die 62. Filmfestspiele von Berlin gestartet. Im Gegensatz zum Vorjahr fehlt diesem Film das Zeug zum ersten Paukenschlag. Ein anderer Film war hingegen aufsehenerregend.

Léa Seydoux
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Léa Seydoux als Sidonie im Eröffnungsfilm (Bild: Berlinale)
Léa Seydoux
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Léa Seydoux als Sidonie im Eröffnungsfilm (Bild: Berlinale)
BERLIN - Das Ungeziefer kriecht unter die Bettdecke, Ratten rennen durchs Schloss. Versailles ist ein klammes Gemäuer, in dem Regenten wie Hofschranzen gleichermaßen Schutz vor häufigem Sturzregen suchen. Marie Antoinette (Diane Kruger) trotzt auch diesen Umständen tapfer. Es sind die Juli-Tage 1789, die Revolution schwappt schon ins Schloss, und die Mücken stechen wie verrückt, doch die Königin möchte von ihrer Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux) Frivoles zu hören bekommen.

Es ist vor allem die Perspektive Sidonies, aus der heraus Benoît Jacquot seinen Film „Les Adieux à la Reine“ („Leb wohl, meine Königin“) erzählt. Es ist die Sichtweise einer Frau, die mit ihrer Herrscherin zuerst verschmilzt und dann verschwindet.

Sie selbst weiß es genau: Wenn Marie Antoinette am Ende des Films nicht mehr ist, dann ergeht es Sidonie ebenso, und so teilt sie es den Zuschauern aus dem Off auch mit, womit das größte Problem von Jacquots Geschichte schon umrissen wäre, die gestern Abend die 62. Berlininale eröffnete: Alles ist ein bisschen zu deutlich, alles kommt mit fast didaktischer Gewichtigkeit daher. Das Kino als geschichtswissenschaftliche Lehr- und Zuchtanstalt.

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Denn Benoît Jacqout will es selbstverständlich nicht so cool und modisch angehen wie vor einiger Zeit Sofia Coppola, die ihre Marie Antoinette ins New-Wave-Konzert schickte. Bei Jacquot ist alles historisch akkurat inszeniert: Das Kerzenlicht stimmt, der Morast verschmutzt die Kostüme, die Truppe des Königs ist kein stolzes Vaterlandsregiment, sondern ein trauriger Haufen, der zu dumpfen Trommelschlägen müde und lustlos vorwärtstrottet. So weit kann man sich durchaus mit diesem Film anfreunden, der erkennbar Desillusionierung betreiben will.

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Aber warum ist Coppolas „Marie Antoinette“ dann doch der um so vieles bessere Film? Eben nicht, weil es in ihm historisch korrekt zugeht, sondern weil er von seinen Figuren und vom Leben am Hofe eine Vision entwirft, eine Ahnung davon gibt, warum Herrscher und Volk sich derart entfremdet haben wie zur Zeit Ludwigs XVI. „Leb wohl, meine Königin“ hingegen illustriert Geschichtsbücher, auch wenn er verdienstvoll darum bemüht ist, die Geschichte einmal von unten, also mit den Augen der Dienstboten und Lakaien zu erzählen. Aber ist diese Perspektive, so wie Jacquot sie ausgestaltet, tatsächlich neu und lehrreich? Letztlich bleibt nämlich alles bei diesem Satz, in dem Sidonie ihr Leben resümiert: Ohne ihren Adel sind die Untergebenen nichts, mit ihm sind sie selber erst wer. So eröffnete diese Berlinale im Gegensatz zum Vorjahr mit einem Film, dem im Grunde das Zeug zum ersten Paukenschlag fehlte. Wo 2011 noch die Gebrüder Coen mit großartig lässiger Geste und einem launig aufspielenden Jeff Brigdes für „True Grit“, für wahren Schneid sorgten, herrschte in diesem Jahr Seminar-Mentalität vor.

Aber vielleicht ist das ja auch ein gutes Zeichen: Die vergangene Berlinale hing nach starkem Auftakt schnell durch, möglicherweise schwingt sie sich diesmal nach müdem Beginn richtig auf – zu wünschen wäre es dem größten deutschen Filmfestival , das sich zuletzt viel Kritik anhören musste. Da ist es vielleicht nicht das Schlechteste, sich auf die alten Recken zu besinnen. Im vergangenen Jahr zeigte die Berlinale Werner Herzogs Dokumentarfilm „Die Höhle der verlorenen Träume“ – nun stellt sie leider ein wenig versteckt ein weiteres dokumentarisches Werk des Altmeisters vor: In „Death Row“ widmet sich Herzog der Todesstrafe, deren bekennender Gegner er ist. Er sucht die Todeskandidaten in ihrer Zelle auf, verwickelt sie in intensive Gespräche und holt aus ihnen nicht nur Einschätzungen zu ihrer bevorstehenden Hinrichtung, sondern Zeugnisse aus den Abgründen der Seele heraus.

Ein weiterer Film erregt zu Beginn dieser Berlinale Aufsehen, was natürlich zu einem Gutteil der Prominenz der Regiedebütantin zu verdanken ist. Angelina Jolie, seit „Lara Croft“ ein Superstar und leider viel zu oft festgelegt auf das Image der schönen Verführerin, hat mit „In the Land of Blood and Honey“ ein eminent politisches Werk vorgelegt. In ihrer ersten Regiearbeit erzählt sie vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien 1992 und spart nicht mit extremen Bildern von Mord und Vergewaltigung.

Im Mittelpunkt des Films stehen der Serbe Danijel und die Bosnierin Alja (Goran Kostic und Zana Marjanovic), deren erster Flirt auf der Tanzfläche jäh durch einen Bombenanschlag beendet wird. Der Bürgerkrieg bricht los, und leider berauscht sich Jolie ein wenig zu radikal an der Gewalt, die sie anprangert, leider gefällt sie sich zu sehr darin, Recht zu haben, wenn sie die Brutalität der (ausschließlich serbischen) Männer gegen die Frauen in blutigen, quälenden Bildern verurteilt. Ja, man kann, man muss diesem Film in jeder Szene zustimmen, aber genau das macht ihn so eindimensional.

Eine gesellschaftskritische Jolie auf dem Regiestuhl, eine Französisch sprechende Diane Kruger als Marie Antoinette, ein Werner Herzog, der auf Bayerisch Englisch spricht, und Mike Leigh als JuryPräsident, der Hollywood Verfallserscheinungen attestiert und das europäische Kino auf dem Vormarsch sieht: Auch wenn diese Berlinale mit einem Film begann, der ein europäisches Schicksalsdatum allzu beflissen abhandelte, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht ihre aufgekratzten und überraschenden Seiten hätte. Das Festival ist eröffnet.



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